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Wallraf Richartz Museum Kathedrale Die Herrlichkeit einer versunkenen Welt

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt die Kathedrale in Romantik, Impressionismus und Moderne.

Abstrakt: Robert Delaunays "Saint Severin". Foto: C.Lancien, C. Loisel/Musees de la Ville des Rouen

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"Die Kathedrale ist selbst ein Volk, ein Volk von Formen.“ Das schrieb der Architekt Alfred Behne im Jahr 1918, und man weiß, was er meint, wenn man vor dem unüberschaubaren großen Ganzen einer dieser aufgetürmten Fassaden steht.

Unter unzähligen Bögen und Streben wird hier das vielköpfige Theater der Portalfiguren aufgeführt, groteske Wasserspeier reißen in luftiger Höhe ihre Mäuler auf, und im Inneren erleuchten uns die Heiligen der Glasfenstermalerei. Aber im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs glich das Kathedralenvolk auch einer drohend gegen die Feinde gerichteten Armee: An ihrem Anblick richtete sich der Nationalstolz auf – entsprechend groß war in Frankreich die Empörung, als das deutsche Militär die berühmte Kathedrale von Reims beschoss und teilweise zerstörte.

Als stummer Zeuge dieses Unheils steht jetzt ein steinerner Höllenhund im dritten Stock des Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud. Geschmolzenes Blei hängt ihm wie eine Zunge aus dem Maul – nachdem die deutsche Artillerie die Kathedrale in Brand geschossen hatte, schmolz das Bleidach und floss über die Wasserspeier ab.

Es ist ein Kunstwerk, das der Krieg geschaffen hat und das gerade deswegen unbedingt in diese der malerischen Schönheit gewidmeten Ausstellung gehört. Denn seit der Romantik geht es beim Motiv der Kathedralen gerade in Frankreich und Deutschland immer auch um Politik und Fragen der kulturellen Identität. Beinahe gleichzeitig entdeckten die Länder die über Jahrhunderte als barbarisch gescholtene gotische Kathedrale neu – gemessen am hellen Ideal der griechischen Antike stehen die zuerst in Frankreich und später im gesamten Norden errichteten Kirchen tatsächlich ein wenig als finstere Gesellen da.

In Deutschland deutete Goethe das Schimpfwort „gotisch“ in eine Lobeshymne um – und reklamierte die Gotik fälschlicherweise für die deutsche Kultur –, in Frankreich feierte Victor Hugo in seinem „Glöckner von Notre-Dame“ die im nachrevolutionären Frankreich vom Zerfall bedrohten Kathedralen. Hugo sah in ihnen alle Kräfte des Zeitalters vereint: Architektur, Skulptur, Malerei.

Über 200 Exponate

Diese Verherrlichung des Mittelalters sieht man auch den romantischen Gemälden Karl Friedrich Schinkels an, dessen Kirchenbilder stets so adrett aussehen, als würden sie aus der Zeichenablage des lieben Herrgotts stammen. Ein Sehnsuchtsort ist die Kathedrale für Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus – auf ihren im Kölner Wallraf gezeigten Gemälden geht die Sonne eines glücklicheren Zeitalters noch einmal über dessen steinernen Zeugen unter.

Erstaunlicherweise ist die Kathedralen-Schau eine kunsthistorische Novität. Obwohl es eine unübersehbare Fülle an Fotobänden zur Gotik gibt, blieb die Kathedrale als Epochen übergreifendes Motiv der Malerei bislang beinahe unerforscht. Das Wallraf schließt diese Lücke eindrucksvoll mit über 200 Exponaten, von denen nicht wenige hochkarätige Leihgaben sind. Bei der prächtig bebilderten Vollendung des Kölner Doms – ein vom deutschen Kaiser gefördertes politisches Projekt – hat das Haus naturgemäß ein Heimspiel; dank der Partnerschaft mit dem Museum der Schönen Künste in Rouen können zudem bedeutende Werke aus Frankreich gezeigt werden.

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So sind auch mehrere Gemälde aus Claude Monets Serie von Ansichten der Kathedrale von Rouen nach Köln gekommen – und damit einige der folgenreichsten Kunstwerke überhaupt. Nach Monets 33 Kathedralen machte das Serielle in der Moderne Schule – und es ist sicherlich kein Zufall, dass Monet dies nicht mit seiner Heuschober-Serie, sondern mit dem politisch und kulturell aufgeladenen Kirchenmotiv gelang. Allerdings lässt sich nicht verkennen, dass mit der Serienmalerei auch eine Entwertung des Kathedralen-Motivs einhergeht. Für Andy Warhol und Roy Lichtenstein sind die gotischen Kirchen von Köln und Rouen vor allem ein kunsthistorisches Zitat, das sie mit dem Faktor Monet in wunderbarer, aber auch etwas unbeteiligter Manier multiplizieren.

Ganz anders sieht das noch bei den Expressionisten aus: Bei Christian Rohlfs scheint Feuer aus dem Kirchenstuhl zu schlagen, bei Max Ernst geht die Kathedrale von Laon im Weltchaos auf, und Heinrich Maria Davringhausen rettet die schwankende Heilsgewissheit von Lourdes in die Religion der Kunst. Den tiefsten Eindruck hinterlässt der Weltkriegs-Saal mit der Kathedrale von Reims. Hier ist neben dem Höllenhund der Zerstörung auch ein Zeichen der europäischen Verständigung zu sehen: Imi Knoebels Entwürfe für die Fenster der Kathedrale von Reims. In Frankreich war es durchaus umstritten, dass ein deutscher Künstler die Fenster dieses nationalen Symbols gestalten durfte – umso stärker wirkt die Geste der Versöhnung. Knoebel nahm die ausgestreckte Hand an, indem er den Scheiben ein Kleid aus bunten Scherben gab. So mahnt die Schönheit der Kunst an die Verwüstungen des Kriegs.

Wallraf-Richartz-Museum und Fondation Corboud, Köln: bis 18. Januar.
Der Katalog ist bei Hirmer erschienen und kostet im Museum 30 Euro.

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