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Verhüllungskunst Christos fotografierender Jünger

Wolfgang Volz ist seit 1972 bei jedem Projekt des Verhüllers mit der Kamera dabei. Am Mittwoch feiert er seinen 70. Geburtstag.

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Christo und Wolfgang Volz (r.), hier 2013 im Gasometer von Oberhausen. Foto: PATRIK STOLLARZ (AFP)

Wenn Wolfgang Volz nur wollte – und Zeit hätte –, könnte er ein Buch schreiben, eins über das Festhalten des Ephemeren, des Flüchtigen. Und über die Erinnerung, das Einzige, das einem nicht genommen werden kann. Der gebürtige Tuttlinger, der seit Jahren in Stockholm lebt, ist seit 1972 der treueste und vertrauteste Jünger des weltberühmten Verhüllungskünstlers Christo Javacheff, gleichsam dessen „Auge“, wie der heute 82-jährige, in New York lebende Bulgare es liebe- und achtungsvoll sagt. Volz fotografierte alles, was Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne Claude in die Kunstwelt zauberten.

Angefangen hat die Zusammenarbeit 1972 zufällig und ganz simpel. Volz studierte damals an der Folkwang Schule Essen Fotografie. Auf der 4. Documenta 1968 in Kassel hatten Christo und Jeanne Claude ihr „Air package“ gezeigt, einen 85 Meter langen mit Luft gefüllten Textilschlauch, sowie Zeichnungen eines verhüllten Küstenstreifens in Australien. Das gefiel Volz. Er flog nach New York und besuchte Christo in seinem Atelier in Soho. Sie mochten sich gleich.

Seither ist er bei jedem Projekt dabei, er hat die fotografischen Exklusivrechte, er entscheidet, was auf Poster oder in Bücher kommt. Aber er gibt sich bescheiden: „Ich sehe meine Fotografie durchaus als eine private Angelegenheit. Ich arbeite hier mit Freunden zusammen über viele, viele, viele Jahre mit einer Art Fotografie, die dem jeweiligen Projekt entgegenkommt.“

Aus dem Werk Christos indes sind seine Fotos gar nicht mehr wegzudenken. Immerhin setzt der Verhüllungskünstler die Aufnahmen der noch unverhüllten Landschaften für all seine Zeichnungen, Skizzen, Grafiken ein, die er vermarktet. Schließlich entsteht diese Kunst ohne Sponsoren. Christo nimmt bekanntlich für jedes neue Projekt eine Hypothetk auf und finanziert seine Kunst durch den Verkauf von Grafiken, Zeichnungen – und eben Fotografien. An dieser Entwicklung gemessen, ist Wolfgang Volz längst Teil des Universums Christo.

Vor allem aber sind seine Bilder das, was bleibt: die pink umhüllten Inseln vor Florida in der Biscayne Bay 1983; der verhüllte Reichstag im Sommer 1995, diese vom deutschen Parlament lange und zäh erkämpfte, unvergessliche Fata Morgana aus Silberplane; davor schon die blauen Umbrellas an japanischen Hügeln und die sich gleichzeitig öffnenden gelben in Kaliforniens Wüste im Jahr 1991. Es blieb immer spektakulär, als 2005 die safrangelben Tore mit wehendem Stoff im New Yorker Central Park und 2016 die gelben „Floating Piers“, massenhaft begehbare Stege auf dem Iseo See in Italien folgten.

Der Zauber, der jedes Mal Millionen von Menschen – beim verhüllten Berliner Reichstag kamen fünf Millionen – anzieht, hält immer nur wenige Tage oder Wochen. Volz, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, bannt die Magie auf Fotopapier. Die Bilder haben eine symbiotische Botschaft, sie sind klar gebaut, haben Tiefenschärfe, belegen den Prozess wie das skulpturale Ergebnis. Es ist Fotokunst, die aus Verhüller-Kunst entsteht. Der Weltkünstler vertraut ihm wie seinem anderen Ich. Volz suchte die Stoffe aus, übernahm für die Verhüllung des Berliner Reichstags sogar die Geschäftsführung.

„Jedes Projekt ist in der Realität größer und eindrucksvoller, als es zuvor von Christo und Jeanne Claude geplant war“, so Volz. Jede Landschaft, jedes Bauwerk, das die beiden verhüllt hätten, werde für immer verändert. „Wenn die Hüllen entfernt sind, sieht die Welt sie mit anderen Augen... Diese Werke sind wie lebendige Wesen –und genauso vergänglich.“

Über kommende Projekte verrät Volz nichts. Aber es gibt sie. Und er trägt es auch mit, dass sein „Meister“ das ehrgeizigste aller Vorhaben abgesagt hat. Seit 20 Jahren hatten Christo und sein Fotograf an „Over The River“, eine 60 Kilometer lange Überdachung des Arkansas River, gearbeitet. An die 15 Millionen Dollar wurden schon investiert. Und versenkt: Da nämlich der Flussabschnitt dem Staat USA gehört und Donald Trump damit sozusagen Landbesitzer ist, stornierte Christo das gigantische Vorhaben.

„Nicht mit diesem Landlord, entschied er. Dieses „dramatische Nein“ („New York Times“), trägt Wolfgang Volz, Christos treuer Jünger, von ganzem Herzen mit.

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