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Thomas Struth Eine Erzählung zu haben, ist ein Antrieb

Das Haus der Kunst in München zeigt die bisher größte Ausstellung von Arbeiten Thomas Struths. Ein beeindruckender Rückblick auf ein noch lange nicht abgeschlossenes Werk.

Das haus der Kunst
Bernauerstraße, Berlin 1992. Foto: Thomas Struth / Courtesy Schirmer/Mosel

Ab nach München! Ganz schnell. Die große Thomas-Struth-Ausstellung ist im dortigen Haus der Kunst nur noch bis zum 7. Januar zu sehen. Es ist in vielem eine Begegnung mit alten Bekannten, mit alten Lieben gewissermaßen.

Da sind die Museumsbilder, die Epoche gemacht haben. Die großformatigen Aufnahmen von Menschen vor Bildern. Sie sind umwerfend, wie sie es von Anfang an waren. Aber hier in der Ausstellung entfalten sie noch einmal eine ganz andere Kraft. „Gewalt“ bin ich versucht zu sagen, wenn ich den Blick von der berühmten Aufnahme von den Menschen vor dem Berliner Pergamonaltar abwende, mich umdrehe und auf die Ansichten von Ulsan schaue, der Stadt nordöstlich von Busan, der südkoreanischen Hafenstadt, die einer der Weltverkehrsknotenpunkte ist.

„Ulsan 2“, ein Aufnahme von 2010 zeigt ein gigantisches Berlin-Marzahn. Aus dem Boden gestampft wie eine Schutzwehr um die Stadt. Eine Palisadenwand aus Hochhäusern. Mit einem Male bekomme ich eine Ahnung von einer Wirkung des Pergamonaltars, an die ich nie gedacht, auf die keine „Ästhetik des Widerstandes“ mich vorbereitet hatte. In einer Welt, die sich der Pyramiden ent- und an Wolkenkratzer noch nicht gewöhnt hatte, muss er ähnlich monumental gewirkt haben wie Struths Aufnahme von Ulsan.

Struth arbeitet in Serien

Oder bilde ich mir das nur ein? Lassen meine Augen sich führen vom Wort „gigantisch“? Denn der Pergamonaltar schildert ja u.a. den Versuch der Giganten, die Götter zu stürzen. Sie verlieren diesen Kampf, weil die Götter von ihren menschlichen Söhnen, vor allem von Herakles, unterstützt werden. Die Architektur von Ulsan sprengt jedes menschliche Maß. Wer aus dem 25. Stockwerk hinab auf die Welt sieht, der sieht sie, wie nicht einmal die olympischen Götter sie sahen.

Struth, 1954 geboren, arbeitet in Serien. Ganz früh waren es Zechen und Straßen, puristisch wie bei seinen Lehrern Bernd und Hilla Becher. Die kleinen Schwarzweiß-Fotos sah ich damals als Werke einer ästhetisierenden Anti-Ästhetik und wunderte mich, dass man in den 80er Jahren sich noch so wütend gegen Charles Wilps „Afri-Cola Rausch“ von 1968 stellen konnte. Es schien mir etwas zu viel Don Quijote in diesem Streben nach Reinheit.

Die Münchner Schau zeigt den ganzen Thomas Struth. Also die frühen Arbeiten und die aktuellen. Dazu viel Begleitmaterial. Das macht manche Bilder erst verständlich. Ich war zum Beispiel achtlos an ein, zwei Aufnahmen von Straßen, ja eher Feldwegen vorbeigegangen. Sie interessierten mich nicht. Ein Herr vom Aufsichtspersonal hielt mich an und sagte: „Kommen Sie, ich zeige ihnen etwas.“ Er führte mich an eine Stellwand mit Briefen und Skizzen. „Sehen Sie sich das an, Sie werden die Fotos dann besser begreifen“, drehte sich um und ging zurück in seinen Raum.

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