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Tadeusz Rolke „Die Fotos sind da. Ihr müsst auswählen“

Der Fotograf Tadeusz Rolke, Jahrgang 1929, über seine Arbeit, sein Leben in Warschau und der Welt und über den neuen Geruch in Polen.

Fotografie
Tadeusz Kantor, Krakau, 1983. Foto: Tadeusz Rolke

Herr Rolke, was ist Ihre früheste Erinnerung?
Die Stadt, die Straßen, die Häuser. Ich habe optische Erinnerungen. Wie es sich für einen Fotografen gehört.

Ihre erste Erinnerung ist nicht die Mutter, nicht ihr Körper?
Die Mutter ja. Aber ich bin mit ihr in der Stadt unterwegs.

An ihrer Hand?
Nein. Meine Studenten fragen mich manchmal: Wie macht man ein Foto? Ich antworte: Die Fotos sind da. Ihr müsst auswählen. Ich sehe die Welt in fertigen, viereckigen Bildern. So erinnere ich mich auch. Ich sehe solche Bilder. Straßen, Häuser. Zum Beispiel die schöne, lebendige Straße mitten in Warschau, in der ich bis 1939 wohnte: Geschäfte, hupende Autos. Abends, wenn ich mit meinem Bruder schon im Bett lag, hörten wir draußen die Straßenbahn und an der Zimmerdecke sahen wir die Lichter der vorbeifahrenden Autos. Das sind die frühen Bilder. Mein Lebensraum ist die Stadt.

Immer schon eingerahmt, Bild an Bild?
Vielleicht kam der Rahmen erst in der Erinnerung dazu. Aber es sind einzelne Bilder.

Sie haben den Film der Erinnerung zerschnitten.
Ich habe ihn nie gesehen. Es waren immer einzelne Bilder.

Ist das schlecht oder ist das gut?
Es ist so. Vergessen Sie nicht: Auch ein Film besteht aus einzelnen Bildern. 24 Bilder pro Sekunde.

Wann bekamen Sie Ihre erste Kamera?
Ich war 14. Es war eine Babybox von Zeiss Ikon.

Sie fotografieren seit fast 75 Jahren Warschau.
Dreimal wurde es in dieser Zeit zerstört. „Die Schlacht um Warschau“ im September 1939. Die Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 und nach dem Warschauer Aufstand die systematische Zerstörung der westlichen Stadtteile im Herbst 1944. Jedes Mal durch deutsche Truppen. Es haben sich Fotos wiedergefunden, die ich damals mit meiner Kamera gemacht hatte. Fotos von 1944, entstanden vor dem Aufstand, und Fotos von 1945, also nach dem Aufstand. Zur Zeit nehme ich die alten Fotos und versuche, exakt die Orte wiederaufzusuchen, an denen sie entstanden sind. Ich verwende dafür dieselbe Kamera wie damals.

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