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"Sturm-Frauen" in der Schirn Nackter schlägt Purzelbaum im Himmel

Die Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wird seit Jahrzehnten rauf und runter gezeigt. Betritt man jedoch die Ausstellung „Sturm-Frauen – Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932“ in der Frankfurter Schirn, fällt einem hier und da doch tatsächlich die Kinnlade runter.

Marianne von Werefkin, Stadt in Litauen, 1913/14. Foto: Museo Comunale d'Arte Moderna, Ascona

Das Feld schien längst abgegrast. Die Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts – Kubismus, Konstruktivismus, Expressionismus, Futurismus und so weiter – wird seit Jahrzehnten rauf und runter gezeigt. Dass sich in diesem Kunstsegment noch Entdeckungen verbergen, schien bis gerade eben eher unwahrscheinlich. Betritt man jedoch die Ausstellung „Sturm-Frauen – Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, fällt einem hier und da doch tatsächlich die Kinnlade runter.

Zum Beispiel vor einer Reihe kubistisch anmutender Bleistiftzeichnungen, die ein aufregendes Auf und Ab geschwungener Flächen suggerieren und so eigenwillig in ihrer Bildsprache sind, dass man sich eine ganze Weile nicht satt sehen kann. Die Urheberin dieser Blätter, die in den Jahren 1917 und 1918 entstanden sind, heißt Marthe Donas – ein Name, den heute kaum einer kennt.

Oder man steht vor einer Reihe expressionistischer Holzschnitte, deren fantasievolle Motive – ein nackter Mann, der im Himmel einen Purzelbaum schlägt, Menschen, die zwischen wilden Tieren herum springen – und raffiniert ausgeklügelte Flächenaufteilungen von einer so souveränen Könnerschaft zeugen, dass man kaum glauben kann, dass man den Namen der Künstlerin – Maria Uhden (1892-1918) – vorher noch nie gehört hat.

Denn es ist ja nicht so, dass diese Künstlerinnen im Verborgenen kreativ gewesen sind. Beide waren in ihrer Zeit durchaus erfolgreich – eine Tatsache, die sie vor allem einem Berliner Kunsthändler namens Herwarth Walden zu verdanken hatten. Denn Walden war ein Mann, der nicht nur ein Gespür für Qualität und Innovation hatte, er war auch auf Krawall gebürstet. Seine 1912 eröffnete Galerie war das Zentrum der Avantgarde-Kunst jener Zeit und hieß nicht ohne Grund „Der Sturm“.

Walden förderte vor allem das, was radikal und eigenwillig genug war, um anzuecken: Wassily Kandinsky, Kurt Schwitters, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Laszlo Moholy-Nagy. Und er protegierte Frauen, was zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich war. Die Kunst der Moderne wurde insgesamt schließlich von Männern dominiert; in den damals ebenfalls bedeutenden Berliner Avantgarde-Galerien von Alfred Flechtheim oder Paul Cassirer spielten Künstlerinnen allenfalls eine Nebenrolle.

Die untergeordnete Position, die man Frauen im Kunstbetrieb zuwies, manifestierte sich natürlich auch darin, dass ihnen das Studium der Künste an den staatlichen Akademien des Deutschen Kaiserreichs bis zum Ende des Ersten Weltkrieges verboten war. Bis dahin konnten sie allenfalls an Kunstgewerbeschulen, teuren Damenakademien oder in privaten Malschulen studieren.

„In bekannten Publikationen jener Zeit wie Anton Hirschs ,Die Bildenden Künstlerinnen der Neuzeit‘ (1905), Karl Schefflers ,Die Frau und die Kunst‘ (1908) und Hans Hildebrandts ,Die Frau als Künstlerin‘ (1928)“, so Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog, „wurden Werke von Künstlerinnen der Vergangenheit und Gegenwart zwar erstmals in größerem Umfang vorgestellt und auch abgebildet, aber gleichzeitig wurde jede künstlerische Leistung von Frauen relativiert. Man sprach ihnen die Originalität ab, die schöpferische Kraft, das Genie. Sie wurden als ewige Nachahmerinnen beschrieben oder als ,ungesund männlich‘, wenn ihre Originalität und Kreativität nicht zu leugnen war.“

Es kam daher vor, dass Künstlerinnen sich männliche Pseudonyme zulegten; Marthe Donas (1885-1967) firmierte beispielsweise eine Zeit lang unter dem Namen Tour Donas. Ihr Lebensgefährte Alexander Archipenko empfahl Herwarth Walden ihr Werk sicherheitshalber zunächst als das „eines sehr talentierten modernen Malers“.

Doch Walden setzte sich über solch merkwürdig antiquierte Vorstellungen ohnehin souverän hinweg. Er förderte mehr als dreißig Künstlerinnen, deren Werk er für vielversprechend hielt, stellte sie aus oder druckte ihre Bilder in seiner ebenfalls „Der Sturm“ betitelten Zeitschrift, die bereits zwei Jahre vor der Galerie existierte.

Etwa 300 Werke von 18 dieser Frauen sind nun in der Schirn zu sehen. Immerhin sechs von ihnen – Sonia Delaunay, Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Else Lasker-Schüler, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin – sind noch heute in aller Munde. Zu den Höhepunkten in der Schirn zählen etwa Alexandra Exters aufregende Kostümentwürfe für den sowjetischen Science-Fiction-Stummfilm „Aelita“ von 1924 (und damit vor Fritz Langs „Metropolis“). Oder von Werefkins grandioses Porträt des Tänzers Alexander Sacharoff aus dem Jahr 1909.

Deutlich wird jedoch auch, dass einige der unbekannten Künstlerinnen neben den bekannten Kolleginnen durchaus bestehen können, ja diese teilweise sogar überflügeln. Darunter vor allem die Französin Marcelle Cahn (1895-1981), deren bemerkenswert dicht komponiertes Gemälde „Frau und Segel“ zu Recht auf dem Ausstellungsplakat prangt. Cahn war Schülerin von Fernand Léger, entwickelte jedoch nach und nach einen eigenen, höchst markanten Stil.

Auch die niederländische Künstlerin Jacoba von Heemskerck (1876-1923), die in den zwanziger Jahren raffinierte Glasfenster entwarf oder die Bühnenkünstlerin Lavinia Schulz (1896-1924) wurden zu Unrecht von der Kunstwelt vergessen. Im Falle von Schulz, von der in der Schirn abenteuerliche Kostüme und filigrane Bewegungsstudien zu sehen sind, mag das daran liegen, dass sich die Tänzerin und Performerin 1924 kurz vor ihrem 28. Geburtstag erschossen hat. Schulz war Schülerin der 1916 ebenfalls unter dem „Sturm“-Label gegründeten Kunstschule und spielte 1918 die Hauptrolle in der ersten und einzigen Aufführung der „Sturm“-Bühne – ein Auftritt, für den sie frenetischen Beifall aber auch Hohn und Spott erntete. Früh gestorben ist auch die Holzschnitt-Virtuosin Maria Uhden, deren Werke zum Teil erstaunlicherweise an Bilder des amerikanischen Graffiti-Künstlers Keith Haring aus den achtziger Jahren erinnern. Bereits mit Mitte 20 kam sie durch die Geburt ihres ersten Kindes zu Tode.

Herwarth Walden konnte für den (Nach-)Ruhm seiner Künstlerinnen übrigens nicht mehr viel tun. 1932 emigrierte der Jude und Kommunist nach Moskau, wo er 1941 verhaftet wurde und im selben Jahr im Gefängnis starb.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 7. Februar. Der Katalog (Wienand) kostet 45 Euro. www.schirn.de

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