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„Stimme des Lichts“ Die Wiederverzauberung der Welt

„Stimme des Lichts“, eine Ausstellung in Ludwigshafen.

Ohne Titel
Wassily Kandinsky, Ohne Titel (Komposition), 1919. Foto: Museum Ulm - Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg

Im Jahr 1917 erklärte Max Weber in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“, die wachsende „Intellektualisierung und Rationalisierung“ bedeute nicht eine „zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen“, unter denen man stehe. „Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“ Dafür brauche es keine magischen Mittel mehr. „Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.“

Ein Gutteil des Aufbruchs der modernen Kunst ist ohne diese Auffassung nicht zu verstehen. Sie ist der Grundton der Epoche. Gegen ihn machen viele der dezidiert modernen Künstler mobil.

Was wir moderne Kunst nennen, sind Versuche, angesichts der Entzauberung der Welt, Wege zu ihrer Wiederverzauberung zu finden. Sie stehen damit nicht allein. Der von Weber diagnostizierten „Entzauberung der Welt“ stehen entgegen oder entsprechen die bisher noch ungezählten Geisterseher, Visionäre, Propheten, ja Religionsgründer der Aufklärung, von denen die einen die Vernunft bekriegten und die anderen aus ihr eine Gottheit machten. Zum Beispiel hat selbst ein durch und durch wissenschaftliches Verfahren wie die Röntgenfotografie zunächst wohl die alten Vorstellungen vom „mystischen Leib“ mehr beflügelt als die therapeutische Praxis.

Im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen gibt es derzeit eine Ausstellung zu sehen, die die Konstellation von Ent- und Verzauberung der Welt in der Moderne in aller Deutlichkeit zeigt: „Stimme des Lichts – Delaunay, Apollinaire und der Orphismus“. Orphismus? Guillaume Apollinaire schrieb 1913 in seinem Essay „Die moderne Malerei“: „Delaunay glaubte, dass, wenn tatsächlich eine einfache Farbe ihre Komplementärfarbe bedingt, sie diese nicht bedingt, indem sie das Licht zerbricht, sondern indem sie gleichzeitig alle Farben des Prismas erregt. Diese Tendenz kann man Orphismus nennen. Diese Richtung, glaube ich, ist besser als andere, der Empfindsamkeit mehrerer neuer deutscher Maler verwandt.“

Die Wendung „Zerbrechen“ brachte schon Goethe gegen Newton auf. Sie gehört zum festen Repertoire der modernen antimodernen Polemik. Bei den von ihm erwähnten deutschen Malern denkt Apollinaire unter anderem an Macke, Marc und Kandinsky, den er zu ihnen zählt. Warum „Orphismus“? So wie der antike Sänger Götter, Tiere, Pflanzen, Steine, ja den Tod selbst betörte, so sollte die neue Kunst die Wiederverzauberung der Moderne betreiben. All das kann man in dem sehr guten Katalog nachlesen. Er bringt in einem Anhang Texte von unter anderen Guillaume Apollinaire, Umberto Boccioni, Robert Delaunay, Fernand Léger, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Herwarth Walden.

Was ist zu sehen? Giacomo Balla, Boccioni, Robert und Sonia Delaunay, Kandinsky, Paul Klee, Léger, August Macke, Franz Marc, Francis Picabia, Gino Severini. Große und kleine Farbknaller. Wer sich die Zeit nimmt, wird vielleicht ein zweites Mal durch die Ausstellung gehen und sich all die Ziel- und Sonnenscheiben, die Farbenkreise noch einmal ansehen. Ihm wird auffallen, dass Delaunays „Disque“ von 1912 mit ihrem Durchmesser von 134 Zentimetern an der Wand hängt wie ein Meisterwerk der erst ein halbes Jahrhundert später sich meldenden Pop-Art. Er wird hinübergehen zu den anderen Zielscheiben und Kreisbildern Robert und Sonia Delaunays und sich wundern. Denn die sind nach dem Pop-Knaller von 1912 entstanden. 

Man möchte sich Entwicklung als einen Akt der Befreiung vorstellen. Schritt für Schritt wird ein Entbehrliches nach dem anderen abgeworfen, bis man den höchsten Grad der Abstraktion erreicht hat. Aber so war es nicht. Die Abstraktion stand am Anfang. Die späteren Kreise der Delaunays werden wieder gegenständlicher. Etwa das „Drame politique“ von 1914, bei dem man vor dem Kreis eine Frau und einen Mann erkennen kann.

Diese Künstler flohen damals nicht vor der Berechenbarkeit der Welt in Geschichten, sondern stellten der mathematischen Abstraktion, in der die spezifischen Gegenstände verschwanden, den Zauber reiner Formen und Farben entgegen, in deren Abstraktionen die Gegenstände sich ebenso auflösten. Auch in diesem Sinne ist es eine antimoderne Moderne. Sie nutzt das neue Wissen nicht zur Aufklärung, sondern zur Entdeckung neuen Zaubers.

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