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Statue in London Mut bringt neuen Mut hervor

Erstmals wird das Werk einer Künstlerin auf Londons Parliament Square stehen, eine Würdigung von Millicent Fawcett.

Gillian Wearing
Gillian Wearing mit einem Modell der Statue. Foto: afp

In Kunstkreisen ist Gillian Wearing bekannt und geachtet. Als eine der berühmten YBAs (Young British Artists) gehört sie seit den neunziger Jahren zu jenen Konzeptkünstlern wie Damian Hirst oder Tracey Emin, die Preise und prestigeträchtige Aufträge auf der Insel unter sich ausmachen. Bereits vor zwanzig Jahren erhielt sie den Turner-Preis, die wichtigste Kunst-Auszeichnung des Landes.

In die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geriet die 53-Jährige zuletzt vor drei Jahren. Da wurde vor der neugebauten Bibliothek in der mittelenglischen Stadt ihre Skulptur „Eine echte Birminghamer Familie“ enthüllt: zwei Schwestern, die eine schwanger, beide alleinerziehend, mit ihren beiden Söhnen. Eine Provokation für all jene, die dem Ideal einer bürgerlichen Familie anhängen. Dabei sei diese in der heutigen Zeit eben nur ein Teil der Realität, findet Wearing: „Die Vorstellung davon, was eine Familie darstellt, sollte nicht festgelegt sein.“

Nun wird die mit ihrem Mann Michael Landy in London lebende Künstlerin wieder im öffentlichen Raum aktiv, und zwar in einem besonders aufgeladenen: Der Parliament Square vor dem neugotischen Parlamentsgebäude von Westminster repräsentiert so etwas wie die gute Stube der Demokratie. Umtost von Verkehr stehen hier elf Herren auf Podesten, von längst vergessenen Premierministern des 19. Jahrhunderts über US-Präsident Abraham Lincoln (1809-65) bis zu Kriegspremier Winston Churchill (1874-1965). Der vorläufig letzte Geehrte, Südafrikas 2013 verstorbener Präsident Nelson Mandela, war bei der Vorstellung seines Ebenbildes aus Bronze vor zehn Jahren dabei.

Ein Schwarzer also zählt bereits zur Elferschar auf dem symbolträchtigen Platz. Der zwölfte Platz soll nun endlich an eine Angehörige der Bevölkerungsmehrheit gehen, und Gillian Wearing ist mit der Schaffung des Kunstwerkes beauftragt. Geehrt wird Millicent Fawcett (1847-1929), eine englische Feministin, die Jahrzehnte lang fürs Frauenwahlrecht kämpfte. Eine Suffragistin nennt man das auf der Insel, in Abgrenzung zu den häufig berühmteren Suffragetten, die für ihr Ziel Bomben warfen, in Hungerstreiks traten oder sogar ihr Leben opferten wie Emily Davison, die sich 1913 vors Pferd des Königs warf.

Wearing stellt Fawcett in ihren ganz normalen Alltagskleidern aufs Podest, vor der Brust ein Schild. „Courage Calls to Courage Everywhere“ (Mut ruft überall zu Mut auf) steht darauf. Das Zitat stammt aus Fawcetts Ansprache bei der Traueransprache für Emily Davison. So hat die Künstlerin auf ihre subtile Art den Gegensatz zwischen den Protestgruppen aufgehoben.

Im Februar soll die Statue aufgestellt werden, rechtzeitig zum 100. Jahrestag jenes Gesetzes, das erstmals das begrenzte Frauenwahlrecht auf der Insel einführte.

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