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„Skulptur Projekte“ Und wo auf dieser Welt hältst du dich auf?

Entspannter und poetischer als die documenta können sich Münsters „Skulptur Projekte“ großen Fragen widmen.

Skulptur Projekte
Dicht unter der Oberfläche befindet sich Ayse Erkmens Skulptur „On water“ und lässt Menschen in einem Becken am Dortmund-Ems-Kanal auf Wasser wandeln. Foto: EPA

Münster ist nicht nur für Tatort- und Wilsberg-Fans spannend. Nach zehn Jahren ist wieder Gelegenheit, neben der Jagd nach Bösewichtern der historisch wie landschaftlich malerischen 300 000-Einwohner-Stadt in Westfalen noch eine andere aufregende Seite abzugewinnen.

Das 1977 initiierte, nur aller zehn Jahre stattfindende Skulpturen-Spektakel hat begonnen. Umsonst und draußen. Es wird seit 40 Jahren vom Mitbegründer Kasper König geleitet, 73, vormals Direktor des Ludwig-Museums Köln. An seiner Seite die Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner. Und wiederum treu an der Seite dieses passionierten Teams stehen der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Stadt Münster und weitere Geldgeber. Immerhin 7,7 Millionen Euro wurden investiert, „aber nicht für noch ein beliebiges Festival“, wie König betont, sondern für eine Ausstellung im öffentlichen Raum, die man „physisch, haptisch, emotional wahrnimmt“.

Die Kunst-Scharen, gerade erst auf der durchweg kapitalismuskritischen documenta 14 auf Sinn- und Form-Suche, sind von Kassel nach Münster gezogen. Die fürsorglichen westfälischen Gastgeber warten mit 250 nagelneuen gesponserten Leih-Fahrrädern. Und bei Bedarf auch mit Regencapes gegen das launische Wetter in dieser Region.

35 Skulpturen, Großinstallationen und Performances – ohne die geht schließlich nichts mehr im Kunstbetrieb – von 41 Künstlern aus aller Welt sind zu begutachten. Alles bezogen auf den Stadtraum, auf die Museen und andere Kultur-Instanzen. Im Theater, von Bomben zerstört und 1956 als erster bundesdeutscher moderner Theaterneubau nach dem Krieg wiedererrichtet, hat die Künstlergruppe Camp aus Mumbai über den Innenhof mit einem klassizistischen Fragment der Ruine und der modernen Glasfassade ein Kabelnetz gezogen. Daran hängen Knopf-Schalter, die per Drücken Glockengeläut, Muezzin-Rufe und ein babylonisches Stimmengewirr auslösen. Nach dem Willen der Künstler soll man das erleben als Sinnbild für die globale Vernetzung, aber auch für das bis heute nicht eingelöste Versprechen einer demokratischen Teilhabe aller an den Vorteilen dieses Zustandes.

Vernetzt geht es auch zu außerhalb der Stadt, am südöstlichen Ende des Aa-Sees. In der Nähe des ältesten Bauernhofs im Münsterland namens Haus Kump (aus dem Jahr 889) postierte Ei Arakawa aus Fukushima ein Hightech-Licht-und Klangspiel: sieben gerasterte LED-Panels – auf Leinwand unter Plexiglas. Tausende winzige farbige Leuchten generieren Gemälde, figurale von Courbet, abstrakte von Joan Mitchell. Man schaut auf digitale Tafelbilder in der Graslandschaft. Dazu ertönen elektronische Klangkompositionen als ein autovisueller Chor. Eine Sommer-Wiese als Ort des Pastoralen, der Meditation.

Erinnerungsarbeit betreibt der Düsseldorfer Thomas Schütte. Im Park, in dem sich früher der Zoo befand, stellte er unter zwei Weißbuchen eine tempelartige oxidierte Kuppel-Skulptur, acht Seiten, jeweils ein Torbogen. Es ist die Mini-Form des einstigen Elefantenhauses, an das sich ältere Menschen in Münster sofort erinnern. Allerdings nennt der Künstler den Rundbau mit den acht zum Zentrum und damit zu einer Leerstelle im Inneren führenden Gängen sarkastisch „Nuclear Temple“. So weist er auf eine andere gedankliche Ebene – vom aus der Stadt und aus der Zeit verschwundenen Elefantenhaus hin zu heutigen Fluchtlinien der Zivilisation. Zu dem, was verschwindet.

Auch eine philosophische Komponente hat, was die gebürtige Münchnerin Hito Steyerl ins Foyer des LBS-West-Gebäudes hineinbaute, im direkten Dialog mit einigen Preziosen der Spätmoderne – Arbeiten von Heinz Mack, Günther Uecker, Otto Piene. Auf Monitoren sieht man Video-Audio-Sequenzen, Labor-Dokumentationen über simulierte Krafteinwirkungen auf humanoide Roboter – Balanceverhalten im Test. Und ein paar Schritte weiter kombiniert die Künstlerin Videobilder aus einer vom türkischen Militär zerstörten kurdischen Stadt im Südosten der Türkei mit der Handy-Software Siri und der Frage: Welche Rolle spielen Computertechnologien im Krieg?

Es ist nichts beschaulich, illustrativ schön auf diesem Parcours, für den man eine Woche bräuchte, so komplex, so ineinandergreifend sind Inhalt und Reflexionsherausforderung an Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges. Immer wieder steht da die Frage im Stadt- und Landschaftraum: Wo auf dieser Welt hältst du dich auf? Wie wollen wir leben? Was derzeit die documenta 14 in Kassel politisch fast verbissen, banal bis verspannt – und doch so berechtigt! – als Gesellschaftskritik ausdrückt, ist in Münster formal entspannter, philosophischer, poetischer formuliert. Das mag auch an der lieblichen Kulisse liegen. Und ist doch nicht weniger dringlich und politisch am Puls der Zeit.

Aram Bartholl, geboren in Bremen, hat den lange geschlossenen Fußgängertunnel zum Schloss als besonderen Ort entdeckt. Niemand mochte diesen versifften Ort, der als Pissoir verschrien war, bis die Stadtverwaltung ihn sperren ließ. Nun ist der Tunnel gereinigt, hat Gitter zum Verschließen. An der kruden Betondecke hängen fünf „Kronleuchter“. Diese bestehen jeweils aus zehn thermoelektrischen, mit Teelichtern betriebenen LED-Leselämpchen. Das ist poetisch anzusehen. Und am Pumpenhaus, nahe dem Theater, unterhält Bartholl ein Lagerfeuer, da hinein kann man Stöcke halten, an denen Generatoren befestigt sind, tauglich zum Handy-Laden. Kunst mit Augenzwinkern: Archaik hilft notfalls der Moderne.

Nachdenklich macht John Knight aus Los Angeles mit seiner riesigen Wasserwaage, vertikal angebracht wie ein Hauszeichen an der Spitze des Neubaus am LWL-Museum. Alles im Lot? Architektur? Ökologie? Gesellschaft? Welche Rolle haben Museen im digitalen Zeitalter?

Weit zurück greift die New Yorkerin Nicole Eisenman: Brunnen als kultische oder auch ganz pragmatisch als Trink-Orte im Stadtraum gibt es seit der Antike. Auf der Wiese neben den Münster-Promenaden stehen um ein Becken fünf überlebensgroße klobig-träge Figuren, nicht Mann, nicht Frau. Aus diversen Körperteilen sprüht Wasser, das ist lustig, bricht das klassische Pathos. Eisenman wollte eher ein „queeres Arkadien“, ganz gegen die Rollenklischees.

Noch viel mehr Wasser brauchte die Berliner Deutsch-Türkin Ayse Erkmen für ihre spektakuläre Installation am Binnenhafen, mit Industrie auf der einen und Cafés, Kinos, Kunsthalle auf der anderen Seite. Zweifellos ist diese aufwendige, witzige, freilich auch eventträchtige „Auf dem Wasser“-Inszenierung am Dortmund-Ems-Kanal der magnetischste Beitrag zum Skulpturen-Projekt. Erkmens Unterwasser-Steg, über den die Leute mit hochgekrempelten Hosen und geschürzten Röcken begeistert staksen, war die größte Herausforderung. Eine technische, die sozusagen ein biblisches Wunder vorgaukelt: Über das Wasser gehen wie Gottes Sohn.

So viel zur Illusion, die ja auch zur Kunst gehört und für die sich jedermann wohl gern auch mal nass macht. Das Betreten ist sicher, trotzdem schiebt die Feuerwehr von Münster mit vier Tauchern und Rettungssanitätern aufwendigen Schichtdienst. Falls doch mal einer nicht wie Jesus ist. Auch die Kunst braucht Sicherheit.

Erkmen geht es keineswegs bloß ums Spektakel, um Nervenkitzel oder um einen Gag. Wasserwege, Kanäle sind für sie Katalysatoren für Urbanität. Und ihre Stege bestehen aus versenkten Cargo-Containern, die normalerweise auf Transport- Schiffen über die Weltmeere fahren. Wasser-Brücken als Metapher für die bedrohte menschliche Gemeinschaft.

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