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Skulptur Projekte Münster Schmuddelecken dringend gesucht

Alle zehn Jahre verwandeln die Skulptur Projekte die Stadt Münster in ein Freiluftmuseum. Ein Besuch bei Kasper König, der die bürgerliche Behaglichkeit der Stadt nur zu gerne wie in früheren Zeiten aufmischen würde.

Ex-Bundespräsident
Kasper König (l.) mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler in Münster, 2007. Foto: epd

Es gab Zeiten, da ließen sich die Münsteraner noch erschrecken, indem man ihnen moderne Kunstwerke vor die Haustür legte. Dann kam Kasper König und machte sich einen Spaß daraus, die Bürger der Stadt alle zehn Jahre mit zeitgenössischen Skulpturen zu umstellen. Mit der Zeit ermattete der Widerstand und heute, eine Woche vor Eröffnung der fünften Skulptur Projekte, freut sich ganz Münster auf sein weltbekanntes Festival. Dafür erschrecken sich die weit gereisten Künstler: Die sehnen sich nach urbanen Problemzonen und finden das bürgerliche Münster ganz furchtbar langweilig, berichtet Königs Co-Kuratorin Britta Peters. Aber Aufgeben gilt nicht, und so steigt Peters auf den letzten Metern zur Eröffnung noch mal aufs Fahrrad, um für eine Plakataktion des Künstlers Andreas Bunte eine schmuddelige Ecke ausfindig zu machen. „So etwas gibt es in dieser durchgeplanten Stadt gar nicht“, sagt Peters, setzt ihre letzte Hoffnung auf die Rückseite des Bahnhofs und zieht auch dort enttäuscht wieder davon.

Entweder es regnet oder die Glocken läuten, sagt der Volksmund über Münster. Der Regen steht für die üppigen Ernten im Münsterland, die Glocken für die lange katholische Tradition des Bischofssitzes. Reich und gesegnet war die Stadt eigentlich immer, heute ist die Universität der größte Arbeitgeber, und das lautere Läuten kommt von den Fahrradklingeln der rund 44 000 Studenten in der westfälischen Metropole. Münster gehe es so gut, sagt Kasper König, „die laufen in Watte“. Und in Watte packen lässt sich der langjährige Direktor des Kölner Museum Ludwig nun wirklich nicht.

Als König 1977 für die ersten Skulptur Projekte in seine Heimatregion zurückkehrte, war Münster noch eine Festung des guten Geschmacks. Einige Jahre zuvor hatte Klaus Bußmann, am Landesmuseum für die Moderne zuständig, die Stadt dazu überredet, eine abstrakte Plastik für ein Stück Grünfläche anzuschaffen, und erntete dafür Hohn und Spott. Zur Strafe lancierte Bußmann eine Ausstellung im Landesmuseum über die Skulptur der Nachkriegszeit und fragte den gerade aus den USA heimgekehrten König, ob dieser nicht ein ergänzendes „Projekt“ für den öffentlichen Raum zusammenstellen wolle. König lud einige New Yorker Kumpel nach Münster ein und trieb die Stadt mit Arbeiten von Richard Serra, Donald Judd oder Richard Long zur Weißglut. Gegen Claes Oldenburgs „Giant Pool Balls“ formierte sich eine große Koalition der Kunstverächter: Linke Studenten versuchten, die riesigen, im Boden verankerten Betonkugeln in den Aasee zu rollen, und wurden von Polizisten abgeführt. Nach Ende der Ausstellung kaufte die Stadt das Werk an, weil das Honorar geringer ausfiel als die Abrisskosten.

Heute sind Oldenburgs „Giant Pool Balls“ ein städtisches Wahrzeichen und der Aasee ist so etwas wie ein Freilichtmuseum geworden. Hier finden sich eine Spirale von Donald Judd, ein von Rosemarie Trockel gepflanzter Busch und ein begehbarer Pier von Jorge Pardo. Auch im übrigen Stadtraum sind die Überbleibsel der Skulptur Projekte unübersehbar: Thomas Schüttes rote Kirschen stehen immer noch auf ihrem Sockel, Daniel Burens gestreiftes Stadttor markiert weiterhin den Übergang zum alten Monasterium und auch Hans-Peter Feldmanns Kronleuchter wippen wie gehabt in den unter dem Domplatz installierten öffentlichen Toiletten. Die Stadt lebt mit ihnen, als wären sie schon immer da gewesen, weil sie, anders als die behördlich vorgeschriebene Kunst am Bau, die Gesichtslosigkeit der modernen Architektur nicht spiegeln, sondern ihr den Spieltrieb des künstlerischen Experiments entgegensetzen.

Aber inwiefern verändern Skulpturen den Charakter einer Stadt? Eines von Kasper Königs aktuellen Lieblingszitaten lautet: „Es gibt nichts Unsichtbareres als Kunst im öffentlichen Raum.“ Auch einstige Skandalstücke gehören heute so selbstverständlich zum Stadtbild, dass nur noch Touristen vor ihnen stehen bleiben. Gegen diesen Gewöhnungseffekt arbeitet König gemeinsam mit seinen Co-Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner auch bei den fünften Skulptur Projekten an. Zu Weihnachten verschickten sie eine Grußkarte in der Stadt: Gregor Schneider skizziert darauf, wie er das etwas monumental geratene neue Foyer des Landesmuseums in eine Drive-in-Anlage für Autos verwandeln will. Reagiert hat darauf niemand – so leicht sind die Münsteraner dann doch nicht mehr zu erschrecken.

Für die Moral des Kuratorenteams kam Ludger Gerdes Leuchtschrift gegenüber dem Landesmuseum deshalb gerade zur rechten Zeit. Im Rahmen eines Skulpturentausches mit der Ruhrgebietsstadt Marl möchte Gerdes „Angst“ auf eine Gebäudefassade schreiben. Etlichen Bürgern hat das tatsächlich Angst gemacht: Sie fragen, ob das nicht Terroristen anziehen würde, ganz so, als ob der schrullige münstersche „Tatort“ die lokale Mordrate in die Höhe triebe. Viele der 35 teilnehmenden Künstler fliehen vor dieser münsterschen Behaglichkeit ins Grüne oder Blaue – wie Ayse Erkmen, die im Hafen einen „unsichtbaren“ Steg installieren lässt, auf dem die Besucher wie Jesus übers Wasser laufen können. Ei Arakawa stellt seine LED-Versionen berühmter Gemälde in die Landschaft und Justin Matherly hat es gleich vorgezogen, auf einem Bauernhof im Nirgendwo an seinem künstlichen Nietzsche-Berg zu basteln.

Münster sei ihm einfach zu klein und sauber, sagt Matherly, aber die Einsamkeit scheint ihn auch nicht zu inspirieren: Noch sieht der Berggipfel, vor dem dem Philosophen Friedrich Nietzsche der Gedanke von der ewigen Wiederkehr des Gleichen kam, wie ein schmelzender Eisberg aus.

Kasper Königs Geheimwaffe gegen die münstersche Wattewirklichkeit ist Marl. Mit dem armen, eine Autostunde entfernten Nachbarn am nördlichen Rand des Ruhrgebiets möchte er Münster ein wenig aufmischen und Marl zugleich seinen Dank abstatten; ohne das Vorbild des Marler Skulpturenparks hätte es die Projekte möglicherweise nie gegeben. Beide Städte mussten sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu erfinden: Die Arbeiterstadt Marl setzte auf die Moderne in Kunst und Architektur und stellte sich einen futuristischen Rathauskomplex ins Zentrum, das katholische Münster baute seine zerstörte Altstadt wieder auf. Marl setzte auf die Zukunft, Münster auf die Vergangenheit; und während Marl heute einer Geisterstadt gleicht, schieben sich die kauflustigen Massen durch Münsters Kulissenwelt. Für die Skulptur Projekte ist die Partnerstadt das, was das krisengeplagte Athen für die Kasseler Documenta ist. Nur besser: Marl lässt sich mit dem Nahverkehrszug erreichen, und niemand läuft Gefahr, es mit dem neuesten Hotspot des globalen Kunstwanderzirkusses zu verwechseln.

Marl ist auch deshalb ein guter Gegenpol zu Münster, weil sich an dieser Zukunftsstadt ablesen lässt, dass sich die Hoffnungen der Moderne, unsere Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln umzubauen, nie erfüllt haben. Eine Weile mag sich diese Hoffnung in Münster vom Widerstand der Bürger genährt haben. Doch seit die Skulptur Projekte in der Stadt angekommen sind, sieht man auch hier, dass Kunst im Grunde nur eines verändert – die Wahrnehmung der Kunst. Das ist nicht wenig. Aber für die Moderne sollte dies eigentlich nur der Anfang und nicht schon das Ende sein.

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