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Schirn Kunsthalle Form schlägt Inhalt

So krass, so banal: Neil Beloufa lässt in der Frankfurter Schirn Soldaten erzählen.

Die Bildqualität ist miserabel. Wobei das bei Skype-Videos auch nicht weiter verwunderlich ist. Mal taucht zu viel Licht alles in einen milchigen Nebel, mal ist die Übertragungsqualität so schlecht, dass das Bild verpixelt erscheint. Im Zentrum sitzt immer ein Mensch, der etwas von sich erzählt. Im Hintergrund liegt und steht meistens irgendetwas herum. Und auch das, was die Menschen erzählen, die jetzt in der Ausstellung „Global Agreement“ von Neïl Beloufa in der Frankfurter Schirn zu sehen sind, wirkt ziemlich ungeschönt.

Man braucht eine Weile, um zu verstehen, dass sie alle Soldaten sind, auch die Frauen. Einige haben bereits in diversen Kriegen gekämpft. In Sarajevo zum Beispiel oder im Kosovo. Andere scheinen zu bedauern, dass es noch nie dazu kam. Nach 200 kriegslosen Jahren seien sie „peace damaged“, also vom Frieden beschädigt, findet ein Soldat der schwedischen Armee. Man habe ohne Krieg schlichtweg vergessen, dass man in Form bleiben müsse. Seit der Besetzung der Krim durch Russland gebe es allerdings auch in Schweden häufiger militärische Übungen. Zudem würden drei Stunden Workout pro Woche bezahlt. Soso.

Andere sprechen über Waffen. Ein Amerikaner führt stolz seine Remington 870, eine Repetierflinte aus den Sechzigern, vor. Ein Koreaner berichtet davon, wie er beim Militär von seinen Freunden schlichtweg vergessen worden sei. Eine Ungarin erzählt, wie sie einmal 30 Kilometer durch den Schnee marschieren mussten. Manches klingt heftig, vieles banal. Zum Beispiel, die Gründe, warum man zum Militär geht. Geld ist einer. Vaterlandsliebe ein anderer.

In der Schirn Rotunde sitzt man auf seltsamen Gestellen mit rosafarbenen Polstern und schaut sich die Filme durch Masken mit Schlitzen an. Womöglich soll man sich dabei wie ein Heckenschütze fühlen. Die Fragen des Künstlers, der für seine Recherchen unterschiedliche Profile in sozialen Netzwerken erstellt hat, kann man nicht hören. In einem weiteren Ausstellungsraum hat Beloufa, der 1985 in Paris geboren wurde, wo er auch heute lebt, eine Collage aus dem Skype-Material in eine Rauminstallation integriert, die das Fragmentarische und Unperfekte der filmischen Statements in ein begehbares Bild übersetzt. Die schnell gesetzten Schnitte, die unvermittelt unterschiedlichste Erzählungen unterbrechen und verschränkt aneinander montieren, übersetzen die Flut der Bilder und Informationen aus dem Internet in ein verwirrendes Zerrbild der Realität. Spiegel und gestaffelte Scheiben zersplittern das, was ohnehin einem unlösbaren Puzzle gleicht, noch weiter. Bodybuilding-Posen und Sixpacks verschmelzen mit brennenden Landschaften, Jeeps, Tattoos und getapten Füßen.

Dass das Kunstwerk keine eindeutige Botschaft hat, ist von Beloufa genauso bewusst angelegt wie die Tatsache, dass der Großteil des Materials naturgemäß nicht von ihm selbst stammt und der Künstler somit die Herrschaft über das aufgibt, was und wie es auf den Aufnahmen zu sehen ist. Als Betrachter fühlt man sich ziemlich verloren und soll es wohl auch. Beloufa verdoppelt und verdreifacht in seiner Arbeit das, was durch die sozialen Netzwerke ohnehin täglich auf viele von uns einstürzt: Selbstdarstellungen, Dilettantismus, Meinungen, Schicksale. Eine Methode, die auf die Informationsverbreitung im Medienzeitalter verweist und zugleich als Bestandsaufnahme wie als Kritik gelesen werden kann.

„Die Fiktion, der Kommentar zur Fiktion und schließlich der Kommentar auf die Herstellung einer Fiktion werden miteinander kombiniert“, erklärt Kurator Matthias Ulrich. Das macht die Ausstellung allerdings sehr hermetisch. Die Form dominiert über den Inhalt, wird Inhalt. Für den Betrachter ist das kein Vergnügen.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 28. Oktober. www.schirn.de

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