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Schirn Kunsthalle Die andere Natur

Außer sich sein, in uns sein, einfach nur sein: Die Frankfurter Schirn widmet sich der „Wildnis“.

Briton Rivière: Boyond Man’s Footstepfs
Briton Rivière: Boyond Man’s Footstepfs, 1894. Foto: Tate London

Befindet sich der Mensch in der Wildnis, ist er klein und vorsichtig. Ist die Wildnis im Menschen, transformiert er sich, steht als schemenhaftes Füchslein auf einer Lichtung wie Marcus Coates, „Red Fox (Self-portrait“), 1998, oder wird eine Vogelartige wie Ana Mendieta, „Bird Transformation“, 1972. Verschwindet in ihr wie in Max Ernsts „Lebensfreude“, 1937, oder in Mendietas Fotoserie „Silueta Works in Iowa“, 1976-78. Oder sie, die Wildnis, platzt aus ihm heraus, rasend wie auf den Bildern von Asger Jorn oder Karel Appel, die in der Schirn Kunsthalle zu einer wilden Wand werden. 

Angenehmer ist es dem Menschen generell, wenn die Wildnis ihm vom Leibe bleibt, aber es ist auch uninteressanter. Sobald sie gewichen ist, fängt er an, sie künstlich nachzustellen. Baut ein Objekt wie Frank Stellas „The Grand Armada“, 1998, eine fortan ewig unbewegte Wellenwildnis in vollem Schwung, und stellt im Katalog die entsprechende Passage aus Herman Melvilles „Moby-Dick“ dazu. Oder generiert auf dem Rechner ein fortan ewig bewegtes Ding, das selbsttätig durch eine Computerlandschaft wirbelt, wälzt und krabbelt wie in Ian Chengs „Something Thinking of You“, 2015. Der Künstler dazu: „Oft aber ist die Natur zu schnell, zu langsam, zu groß, zu klein für uns. Was wir brauchen, ist eine Live-Simulation im Maßstab der menschlichen Raumzeit ...  .“ Stimmt, das ist praktisch.

Wenn man sich überlegt, wann man das Wort zum ersten Mal benutzt hat, wird einem eventuell klar, dass viele Kinder an einem Punkt in ihrem jungen Leben auf einer Brache spielen, in einem ungepflegten Schrebergarten, einem Stück Gestrüppwald zwischen Hochhäusern oder Autobahnpfeilern, und dass viele Kinder nicht zögern, dieses Stück Pflanzengerümpel als Wildnis zu bezeichnen. Vielleicht bleibt man deshalb so lange an den Fotografien von Joachim Koester hängen, die 2001 den Wald von Bialowieza brüsk undekorativ zeigen. 

Die Wildnis macht jedenfalls schon als Spielplatz wenig Hehl aus ihrer aktiven Unfreundlichkeit dem Menschen gegenüber. Sie lässt ihn nicht ohne weiteres durch, sie pikst, und das ist noch nicht das Schlimmste. Mögen der Löwe, der Wisent und der Panda, so möglich, in die Wildnis (und eine Wildnis ist es, selbst wenn sich ein zivilisatorisches Wort einmischt und eine Wildbahn daraus macht) entlassen werden, so weiß der Mensch, dass er dort nicht willkommen ist. Sein Verhältnis zur freien Natur ist unklarer, erfreulich und erholsam kann’s dort sein. In die Wildnis jedoch begeben sich vornehmlich Abenteurer, Forscher und Verrückte, Missetäter auf der Flucht und Asketen auf der Suche nach Unbequemlichkeit. 

Idylle und Erhabenheit sind Sache der Wildnis nicht, selbst das Dramatische geht ihr weitgehend ab: Entweder fehlt es an Aussichtspunkten oder wiederum – ist die Wildnis eine Einöde, und sie neigt durchaus dazu – an sehenswerter Landschaft. Es ist also origineller und spezieller, der Wildnis eine Kunstausstellung zu widmen, als es die enge Verwandtschaft zur Natur – die Wildnis könnte ihre zauselig ungebärdige Schwester sein – auf den ersten Blick verrät. Und sogar noch auf den zweiten, denn natürlich gibt es auch tiefergreifende Zusammenhänge. Ist es die Natur, die im Menschen tobt und herauswill, oder ist es, o Graus, die Wildnis? Ist es die Natur, nach der der Mensch sich sehnt, sobald er sie ausreichend zerstört hat, oder ist es womöglich gar die Wildnis?

Hierbei, darauf macht Schirndirektor Philipp Demandt aufmerksam, handelt es sich immer auch um eine Projektion. Eine Projektion des Menschen, nicht der Wildnis. Die Wildnis ist einfach da. Die, die sich in ihr zu bewegen wissen, Tiere und Mogli, fühlen sich nicht wie in der Wildnis, sondern wie zu Hause. 

Bis zu den Anfängen der Industrialisierung, darauf macht Kuratorin Esther Schlicht aufmerksam, stellte die Wildnis unzweideutig eine Bedrohung dar. Während sie wich, fast verschwand und an unerwarteten Orten (im Inneren des Menschen, in Städten) verwandelt, aber immer noch wild wieder auftauchte, keimte metaphorisches Interesse: als Gegenwelt zur Zivilisation, als eine Grenzerweiterung über Konventionen hinaus, eine Bedrohung weiterhin, an der aber durchaus Lust zu empfinden war. Ist.

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