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Salvatore Settis „Überschwemmt die Museen!“

Der Kunsthistoriker Salvatore Settis über Zerstörungen in der Kunst.

Martino di Bartolomeo
Martino di Bartolomeo: Der heilige Stephanus zerstört die Götzenbilder, um 1390. Foto: Städel Museum, Frankfurt

In der Italienischen Botschaft in Berlin fand eine italienisch-deutsche Tagung zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 statt. Salvatore Settis, Jahrgang 1941, Italiens wohl bekanntester Kunsthistoriker, seit Jahrzehnten ein Kämpfer für die Erhaltung des kulturellen Erbes, hielt einen fulminanten Eröffnungsvortrag, in dem er zeigte, dass die Vernichtung der Kultur immer auch zur Kultur gehörte. Er zitierte dafür das futuristische Manifest, in dem Filippo Tommaso Marinetti u.a. 1909 erklärt hatte:

„Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken! ... Leitet den Lauf der Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen! ... Oh, welche Freude, auf dem Wasser die alten, ruhmreichen Bilder zerfetzt und entfärbt treiben zu sehen! ... Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“

Settis, dessen Buch „Wenn Venedig stirbt: Eine Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte“ 2015 bei Wagenbach erschien, erinnerte auch an den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der Han-Vasen kaufte und sie vor Kameras zu Boden fallen ließ und als die chinesischen Behörden ihn der Barbarei beschuldigten,die Chance nutzte, um daran zu erinnern, dass sie ganze Städte niederbulldozern, um ihre neuen Wolkenkratzer aufzuziehen. Settis vergaß natürlich nicht die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan im März 2001 durch die Taliban. Ein halbes Jahr später wurden dann die Twin Towers in New York zu Fall gebracht. In den Augen des britischen Künstlers Damien Hirst, darauf wies Settis hin, war die Tat vom 11. September 2001 ein großes Kunstwerk.

Die Tagung stand unter dem Motto „Zwerge auf den Schultern von Riesen“. Es soll von dem 1124 gestorbenen, mit dem Platonismus liebäugelnden Philosophen Bernhard von Chartres stammen. Wir Menschen der Gegenwart müssen die Erkenntnisse der Großen der Vergangenheit als Podest nutzen, um weiter zu sehen als sie. So lernen wir es bis heute in der Schule, dazu gibt es Akademien und Universitäten, darum wird das Erbe gepflegt.

Settis erinnerte dran, dass die Zerstörung auch eine produktive Kraft ist. Er zeigte dazu auch ein Gemälde aus dem Frankfurter Städel: Die sieben Szenen aus der Legende des heiligen Stephanus von Martino di Bartolomeo, entstanden um 1390 (siehe dazu die Abbildung aus dem Städel). Eines davon heißt „Zerstörung der Götzenbilder“ Man sieht darauf den Heiligen Stephanus vor antiken Statuenfragmenten.

Das ist eine etwas freie Auslegung der in der Apostelgeschichte überlieferten Legende. Derzufolge wurde Stephanus nämlich nicht von Römern, sondern von Juden gesteinigt. Er betrachtete den Tempel als eine Beleidigung Gottes: „Salomo maßte sich an, Gott ein Haus zu bauen. Der höchste Gott wohnt jedoch nicht in Häusern, die von Menschen gemacht sind! Durch den Propheten Jesaja hat er gesagt: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde mein Fußschemel. Was für ein Haus wollt ihr da für mich bauen? Wo ist die Wohnung, in der ich Raum finden könnte? Habe ich nicht mit eigener Hand Himmel und Erde geschaffen?“ Dafür wurde er zum Tode durch Steinigung verurteilt und zum ersten christlichen Märtyrer. Martino di Bartolomeo zeigt uns einen christlichen Bilderstürmer, der sich gegen die Antike wendet. Das ist nicht die Stephanus-Legende, aber ein Stück der historischen Wahrheit.

Das Museum wandert in die Privathäuser ein

Salvatore Settis wies darauf hin, dass die antiken Überreste bis in die Gegenwart hinein genutzt wurden als Mauern für neue Häuser, als Figuren auf neuen Häusern. Karl der Große wurde in einem antiken Sarkophag begraben. Die Stadt Lucca organisiert sich bis heute um den Leerraum des antiken Amphitheaters. Das Museum ist eine späte Erfindung. An dessen Zukunft schon der französische Maler Hubert Robert (1733-1803) zweifelte. Seine berühmte apokalyptische Vision „Ansicht des Louvre als Ruine“ stammt aus dem Jahr 1796. Da war das Museum noch nicht einmal seit drei Jahren der Öffentlichkeit zugänglich. Salvatore Settis ist skeptisch, was die Museen angeht. Er scheint es zu sehen wie der türkische Autor Orhan Pamuk, der gegen den weltweit blühenden Museumsbau den Museen nur eine Zukunft gibt, wenn wir sie mit hineinnehmen in unsere Häuser.

Settis beendete seinen kurzen Parcours über die Stätten unserer Auseinandersetzung mit der Tradition mit einem trotz seiner fragwürdigen Metaphorik eher hoffnungsvollen Zitat von George Bataille, aus dessen kurzem Text über das Museum aus dem Jahre 1930: „Man sollte berücksichtigen, dass die Räume und die Kunstobjekte nichts als Behälter sind. Ihren Inhalt bilden die Besucher. Das unterscheidet ein Museum von einer Privatsammlung. Ein Museum gleicht den Lungen einer Stadt – jeden Sonntag fließen die Massen wie Blut durch die Museen und kommen gereinigt und erfrischt wieder heraus.“

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