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Sachsen Von Mössinger bleiben mannigfaltige Spuren

Zum Abschied von Ingrid Mössinger, die nach 22 Jahren das von ihr geführte Museum in Chemnitz verlässt.

Chemnitz ehrt Expressionisten Schmidt-Rottluff mit Retrospektive
Ingrid Mössinger, 2015 in ihrer Karl-Schmidt-Rottluff-Schau. Foto: Wolfgang Schmidt (epd)

Da saß sie nun, Ingrid Mössinger, in einem Kleid von verwegen aparter Eleganz, ihr Stil, mit vierzig vom Ministerpräsidenten des Landes zu ihren Ehren geladenen Gästen im Festsaal der Sächsischen Staatskanzlei in Dresden – und hatte vor sich vierzig rosa Karteikarten. Es galt, deswegen die Karten, jedem der Gäste, ohne etwa einen versehentlich auszulassen, noch einmal Dank zu sagen für die Unterstützung vor allem natürlich finanzieller, jedoch mitunter auch moralischer Art, die Mäzene, Sponsoren und Freunde dem von ihr 22 Jahre lang geführten Museum der Kunstsammlungen Chemnitz hatten zukommen lassen.

Es war die Verabschiedung Mössingers aus der Position der Museumsleitung der Anlass dieser festlichen Zusammenkunft von Menschen der Wirtschaft, des Geldes und der Kultur. Die Geehrte rühmte die Geladenen und die Geladenen rühmten – in Gegenwart auch von Petra Roth, Ex-Oberbürgermeisterin Frankfurts, von wo aus Mössinger in den Osten gewechselt war – der gastgebende Ministerpräsident Michael Kretschmer und der Historiker Christoph Stölzl mit klugen Worten die Geehrte. Ingrid Mössinger zeigte dabei, es gehört zu ihr, etwas von jener „Verlegenheit vor der Welt“, die für Botho Strauß (in einem Notat seines neuen Buchs „Der Fortführer“) als eine Haltung zur Welt unabdingbar ist.

Sie wird ihr geholfen haben, als der nachmalige Oberbürgermeister von Chemnitz, Peter Seifert, sie 1996 auf Empfehlung des aus der Nähe von Chemnitz stammenden, mit seinem Stuttgarter Büro zu internationalem Ansehen gekommenen Architekten Günter Behnisch, der zuvor schon mit ihr zusammengearbeitet hatte, zur Direktorin der Kunstsammlungen berief.

Vierhundert Ausstellungen hat sie in den folgenden Jahren veranlasst, im Schnitt bedeutet das achtzehn jährlich. Es waren viele, weit über die Region hinaus Aufsehen erregende Ereignisse darunter, „Picasso und die Frauen“, mit Leihgaben aus aller Herren Länder, die für das Museum in Chemnitz, nüchtern besehen, als nicht erreichbar gelten mussten. Aber es ist eine der Qualitäten Mössingers, sich niemals abweisen zu lassen, Ausdruck ihrer unbedingten Hingabe an ein Projekt, eine Idee, an die Kunst. Sie hat mit ihrer unnachgiebigen Insistenz manchmal auch prinzipiell wohlwollende Förderer an den Rand der Verzweiflung getrieben – bis diese schließlich doch taten, was von ihnen erwünscht wurde.

So konnten in Chemnitz reich bestückte Ausstellungen, um nur die Spannweite zu markieren, von Munch und Warhol und Sam Francis, von italienischer Avantgarde bis zu russischer Revolutionskunst, verwirklicht werden - die FR hat immer wieder berichtet. Bob Dylan hat Mössinger, durch einen zufällig in einem New Yorker Buchladen gefundenen Hinweis, überhaupt als Maler entdeckt, die Ausstellung in Chemnitz wurde, kein anderes Wort: ein Welterfolg.

Umfängliche Retrospektiven wurden den ja nicht nur sächsischen Heroen Kirchner und Schmidt-Rottluff gewidmet. Dem deutschen Expressionismus hat Mössinger, indem ihr die Übernahme der Sammlung des Münchner Kunsthändlers Alfred Gunzenhauser und der Umbau eines Gebäudes in der Innenstadt zum Museum gelang, einen eigenen Schauplatz geschaffen. Es war ihr bewusst, dass sie ein Doppeltes zu leisten hatte: Einerseits musste das Publikum in Chemnitz herangeführt werden an das, was in der DDR bis zur Wende nicht zu sehen gewesen war, also an Westkunst älteren wie jüngeren Datums; andererseits war aber auch die Anbindung des Museums an die regionale Kunstszene geboten. Ein Akt der Balance, der ihr gelang. Auf hohem Niveau.

Zurückgeholt hat Mössinger manches von dem, was durch die Nazis aus den Chemnitzer Sammlungen geraubt worden war, zumal Werke von Lehmbruck und Beckmann. Im besuchenswerten Schlossmuseum wurden die Bestände neu positioniert. Den zweithöchsten Schornstein in Deutschland hat sie von David Buren, dessen Hauptwerk den Platz am Palais Royal in Paris schmückt, mit Bändern in sieben Farben gürten lassen und so zu einer weithin sichtbaren Attraktion gemacht. Die Ausstellung der in dem wunderbaren Hauptsaal des Museums seriell rhythmisierten, leuchtenden Textilfelder David Burens ist wahrscheinlich die schönste, die es bisher von ihm gab.

Unter den vielen Auszeichnungen, mit denen das Wirken der Direktorin bedacht worden ist, gebührt besondere Bedeutung der großmütigen Ehrengabe des Berliner Galeristen Bastian und seiner Familie, die Chemnitz ein Hauptwerk von Robert Rauschenberg und mehr als einhundert erstrangige Bildwerke gegenwärtiger Kunst überlassen haben. So werden von der nun scheidenden Direktorin – als deren Nachfolger Frédéric Bußmann, gebürtiger Münsteraner, berufen wurde, zuletzt wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator am Museum in Leipzig – mannigfaltige Spuren bleiben. In einer Stadt, die sie unter schwierigsten Bedingungen, es ist nicht zuviel gesagt: neu belebt und zu einem Ort der Kunst sich hat entwickeln lassen.

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