Lade Inhalte...

Ruhr 2010: "2-3 Straßen" Fluss ohne Ufer

Der Konzeptkünstler Jochen Gerz stellt mit seiner Idee "2-3 Straßen" das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf die Probe: In den Brennpunkten von Duisburg, Dortmund und Mülheim bedeutet "Kultur durch Wandel" vor allem Sozialarbeit.

Sankt-Johann-Straße, Duisburg Foto: Rainer Krause

Rund um den Dortmunder Borsigplatz war die Arbeit mal zu Hause. Die Westfalenhütte hielt tausende Familien in Lohn und Brot und ließ in den 1920er Jahren ein Quartier aus schmucklosen Mietskasernen entstehen. Heute fehlt der Nordstadt die Arbeit mehr als alles andere. Ein Drittel der Einwohner lebt von Transferleistungen, und obwohl viel ins äußere Erscheinungsbild investiert wurde, liegen die Probleme teilweise offen zu Tage. Es gibt einen regen Drogenhandel, einen Straßenstrich und einen Schwarzmarkt für Tagelöhner. Viele, die es sich leisten können, sind deshalb weggezogen. Und wer trotzdem hierher zieht, wird von der Schufa angeblich automatisch herabgestuft.

Anfang 2010 sind 31 Teilnehmer der Ausstellung „2-3 Straßen“ rund um den Borsigplatz in leerstehende Wohnungen gezogen. Sie brauchen für ein Jahr keine Miete zu zahlen, sollen dafür aber an einem kollektiven Buch mitschreiben und die Straße, in der sie wohnen, verändern. Wie, ist ihnen selbst überlassen. Im Laufe des Jahres sind so etwa ein Dutzend Projekte entstanden, die mit Kunst erst einmal wenig und sehr viel mit grundlegender Sozialarbeit zu tun haben. Ein Mieter zeigt den Kindern beispielsweise, wie man Fahrräder repariert, ein Ehepaar hält die kleine „Weltbibliothek“ offen und ein anderer hat gefragt, wer was kann, und versucht nun, einen Tauschring für kleine Dienstleistungen aufzubauen.

„2-3 Straßen“ ist eine Idee des Konzeptkünstlers Jochen Gerz. Realisiert wird sie im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und stellt deren vielzitiertes Motto „Wandel durch Kultur“ wie kein anderes Projekt auf die Probe. Die ausgewählten Straßen in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr liegen allesamt in so genannten sozialen Brennpunkten.

Unvorhersehbare soziale Dynamik

Mit Kulturangeboten kommt man hier nicht weit, weshalb das eigentliche Kunststück des Projekts in seiner unvorhersehbaren sozialen Dynamik liegt. Den aktuellen Diskussionen um parallele Gesellschaften, aktive Integration und bürgerliches Engagement ist Gerz den entscheidenden Tick voraus. Nicht nur das Ruhrgebiet, sondern das ganze Land sollte darauf schauen, was im sozialen Laboratorium der „2-3 Straßen“ geschieht.

Volker Pohlüke ist einer der Mieter, die eigentlich nicht an den Borsigplatz gehören. Er hat BWL studiert, Auslandspraktika absolviert, während des Studiums eine Consultingfirma für Nanotechnologie gegründet und arbeitet jetzt freiberuflich als Berater. Am Anfang hatte Pohlüke immer das Gefühl, sich für seinen Wohnsitz rechtfertigen zu müssen, mittlerweile plant er eine kleine Revolution damit. Aus dem „Wer kann was“-Tauschring möchte er eine Genossenschaft entwickeln, in der sich nachbarschaftliche Einkaufsgemeinschaften bilden können und unternehmerisches Engagement mit Mikrokrediten gefördert wird.

Pohlüke versucht, Bäckereien und Bioläden zurück ins Quartier zu holen, und liebäugelt mit dem Gedanken, irgendwann eine lokale Währung einzuführen. Natürlich kann man sich fragen, ob das nicht zu einer Form der Zwangsbeglückung führt, die scheitern muss, und ob der Borsigplatz für diese durch und durch bürgerliche Utopie der richtige Ort ist. Andererseits traut Pohlüke seinen Nachbarn etwas zu und sieht dort Möglichkeiten, wo andere nur Probleme sehen.

Mehr als 3000 Seiten Einheitsendlostext

Mit einem Quartiermanager dieses Schlages hat wohl auch Jochen Gerz nicht gerechnet. Er möchte die Menschen mit seinen „2-3 Straßen“ zur Kreativität anstacheln. Das gilt für die 78 Teilnehmer wie für die alteingesessenen Mieter, wobei Kreativität eben auch bedeuten kann, sich auf etwas oder jemanden Neues einzulassen. Das ist wenig und zugleich viel. Jochen Gerz versteht Kunst als inneren Prozess und weniger als Weltverschönerung. Seine Werke bleiben bewusst unsichtbar oder weitgehend verborgen, etwa das Harburger Mahnmal gegen Faschismus, eine zwölf Meter hohe Säule, die über Tage und Wochen in der Erde versenkt und schließlich mit einer Glasplatte versiegelt wurde. Dahinter steckt der auch durch Christo und Jeanne-Claude vertraute Gedanke, etwas gerade dadurch „sichtbar“ zu machen, indem man es den Blicken entzieht.

Über sein Ruhr.2010-Projekt sagt Gerz: „Wir wollen äußerlich nichts verändern, aber die Straßen sollen nicht mehr dieselben sein.“ Einiges ist dann aber doch zu sehen: Der „Heimatgarten“ in Duisburg beispielsweise, in dem nun Kräuter und Pflanzen aus den Herkunftsländern der Bewohner blühen, ein aus Japan importierter „Hoffnungsbaum“ – und natürlich das kollektive Buch, an dem neben den Projektteilnehmern bislang knapp 500 Gastautoren mitgeschrieben haben.

Einen guten Monat vor Schluss zählt das als Einheitsendlostext konzipierte Werk bereits mehr als 3000 Seiten. Im März soll es als „Bibeldruck“ erscheinen, bis dahin läuft die aktuelle Fassung im Essener Museum Folkwang über einen Monitor. Man wird das Buch in die Hand nehmen, aber kaum wirklich lesen können. Gerz hat die Worte in den Seiten versenkt, die Buchdeckel sind die Siegel.

"Aufstieg durch Bildung"

Im Moment ist viel von freiwilligem Bürgerengagement die Rede. Das Rentner-Ehepaar Barbara und Peter Krüger hat sein soziales Jahr jetzt beinahe hinter sich. Beide waren in der Gewerkschaft engagiert und sind die Mühen der Ebene gewohnt. In Dortmund haben sie die Bibliothek betreut und eine herzliche und gute Nachbarschaft erlebt. Aber sie sind auch leise über die Resonanz enttäuscht und stehen damit stellvertretend für ein sozialdemokratisches Milieu, das erstaunt feststellt, dass ihr Erfolgsprogramm „Aufstieg durch Bildung“ in den letzten beiden Jahrzehnten ausgelaufen ist.

In Dortmund leisten die Projektteilnehmer Integrationsarbeit an der Basis. Da gehört es dazu, dass Türen verschlossen bleiben oder Eltern ihren Kindern den Besuch der „Weltbibliothek“ verbieten. Das Scheitern ist bei den „2-3 Straßen“ immer mit inbegriffen. Am Borsigplatz, wo relativ viele Nationen Tür an Tür wohnen, sind die Schwellen der Segregation vergleichsweise niedrig. In Duisburg-Hochfeld hat sich über Jahrzehnte ein türkisches Milieu gebildet, das sich weitgehend selbst genügt. Dazu passt, was die Krügers über ihre Erfahrungen sagen: Ein Jahr ist viel zu kurz, um über den ersten Schritt hinaus zu kommen.

Die Straße in Mülheim an der Ruhr fällt schon deswegen aus dem Rahmen, weil sie in die Vertikale führt. Auch die Projekte sehen anders aus, weil hier eher zwischen den Generationen vermittelt werden muss. In den Hochhäusern am Bahnhof wurde in den 70er Jahren eine Form des sozialen Wohnungsbaus erprobt, die heute wieder aktuell ist: Alles unter einem Dach, alles in Laufnähe. Im 20. Stock des Doppelhochhauses 7/9 befindet sich ein Schwimmbad mit Sauna und Solarium und weiter unten eine nicht mehr genutzte Kneipe; zum zentralen Einkaufszentrum ist es nur ein Katzensprung.

Viele Teilnehmer wollen auch nach dem 31. Dezember gerne hierbleiben

Zwischenzeitlich war die Gegend gründlich heruntergekommen, vor einigen Jahren wurde das Haus behindertengerecht saniert und wird seitdem erfolgreich als Alterssitz beworben. Mülheim gilt ja nicht deswegen als Florida des Ruhrgebiets, weil hier das Wetter besser ist als im sechs Minuten entfernten Essen. Im Konkurrenzkampf um die jungen Berufstätigen ist es hoffnungslos unterlegen und richtet sich damit ein. Die „2-3 Straßen“-Projekte im Haus 7 heißen „Etagenklatsch“ und „Rezeptbuch“, lockten allerdings nur wenige Senioren an. Hier hat die Idee nicht richtig Fuß gefasst, dabei reicht die Symbolik des Turms weit über das Ruhrgebiet hinaus: Ohne gelingende Integration wird Deutschland langsam zum mit Schönheitskorrekturen instandgesetzten Altersheim.

Am 31. Dezember läuft „2-3 Straßen“ offiziell aus, doch zahlreiche Teilnehmer wollen bleiben, und die lokalen Wohngesellschaften scheinen bereit, das Experiment zu angehobenen Konditionen noch ein wenig weiter zu finanzieren.

Über das kollektive Buch sagt Jochen Gerz: „Du steigst in den Fluss, das Wasser steht dir bis zum Bauchnabel und dann schaust du dich um und denkst: Scheiße! Kein Ufer!“ Ähnlich verhält es sich auch mit dem sozialen Experiment: Man muss sich ins Wasser wagen und von der Uferlosigkeit des Lebens nicht entmutigen lassen. Am Ende zählt nicht, wie viele das Buch lesen werden, sondern dass möglichst viele an ihm schreiben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen