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Rubens-Ausstellung Schrecken und Not, Schönheit und Tod

Wie zum Greifen gemacht, präsentiert das Frankfurter Städel die Schau „Rubens. Kraft der Verwandlung“.

Pan und Syrinx
Peter Paul Rubens (und Jan Brueghel d. Ä): „Pan und Syrinx“ zählt zu den Kostbarkeiten der Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel. Foto: mhk gemäldegalerie alte meister/ute brunzel

Na? Könnte es sein, dass er den Betrachter brüskiert? Oder doch auf jeden Fall befragt? Dass er ihn herausfordernd anschaut. Dass er, von seinen Peinigern durch Peitschenstriemen gezeichnet, durch die Dornenkrone verhöhnt, dem Augenzeugen zu verstehen gibt: Ich, der Menschensohn, bin dir, Mensch, überlegen. Ach!

Das Bild, in dem Pilatus auf den Verurteilten zeigt, mag „Ecce homo“ heißen: Sehet, welch ein Mensch. Aber was heißt das, Mensch? Wahrhaftig, dieser Gepeinigte schaut den Betrachter prüfend an. Sieht er in ihm den Erlöser? Dieser Misshandelte heischt nicht nach Mitleid, er befragt ihn: Hast du Mitleid - oder womöglich doch kein Mitleid? Aber wie ist es dann mit meiner Gnade, meiner Vergebung deiner Sünden? 

Wahrhaftig war es eine Provokation, die Peter Paul Rubens um 1612 mit seiner Interpretation des „Ecce homo“-Motivs schuf, wenn er die Darstellung des geschundenen Christus so sah. So neu, so anders sehen ließ – ganz abgesehen davon, dass der Maler mit seinem Christus weder einen vergeistigten Messias, keinen entrückten Schmerzensmann schuf, vielmehr einen Modellathleten, einen nach antikem Vorbild, abgeschaut einer römischen Marmorskulptur. 

Jochen Sander hat bereits in der vergangenen Woche an dieser Stelle angekündigt, dass der „Ecce homo“, der die Rubens-Ausstellung im Frankfurter Städel eröffnet, den Besucher aufputschen wird. Kann man wohl sagen, kann doch die von ihm kuratierte Schau plausibel machen, wie Rubens seine Szene nach der Plastik „des von Cupido gezähmten Kentauren“ schuf, die er 1601, bei seinem ersten Rom-Aufenthalt gesehen und in einer grandiosen Kreidezeichnung festgehalten hatte, um die ungemein körperlich durchgebildete Szene mit zwei triebhaften Wesen in ein Passionsbild zu übertragen. Wie kam das an, unter Kunstkennern, Bibelkennern, Sittenwächtern, Eiferern seinerzeit, na? Ja, 400 Jahre her.

Eine vorsätzliche Übertretung war überhaupt der Barock, und im Besonderen beteiligte sich an der bewussten Irritation auch Rubens, wie jetzt etwa 100 Werke belegen, die das Städel für die Sonderausstellung „Rubens. Kraft der Verwandlung“ bereichern. Darunter sind 31 Gemälde und 23 Zeichnungen von dem Meister selbst, aus dem eigenen Haus, dazu enorme Leihgaben.

Zusammen mit Werken von Tizian oder Tintoretto, zusammen mit weiteren Könnern des 16. Jahrhunderts und einem Zeitgenossen, den man in Frankfurt besonders verehrt, Adam Elsheimer, gemeinsam auch mit einigen Abgüssen antiker Skulpturen zeigen sie, woher Rubens seine Themen und Motive bezog. Denn er war nicht bloß ein genialer Bilderfinder. Er war ein hochtalentierter Kopist – auch darin ein begnadetes Kind seiner Zeit.

Die „Metamorphosen“ des Ovid als Inspirationsquelle 

Abzeichnen, abmalen von Bildwerken, nachahmen, die modellhaften Werke weiterentwickeln, sie übertreffen. Translatio, imitatio, aemulatio – ein fortgeführter Dreischritt, hochaktuell. Um sich auf dem Laufenden zu halten, studierte auch Rubens die Vorbilder, die Bilder ebenso wie die Bücher, angefangen mit den „Metamorphosen“ des Ovid. In Frankfurt unter Glas ein besonderes Exemplar: Frankfurt, 1587, aufgeschlagen die Seite zum „Tod des Adonis“. Ja, ein Adonis immer wieder auch sein Christus. Allein zum Bild, das Rubens von der „wahren“ Adonislegende malte, gehört auch, dass ein Jagdhund das Blut des soeben verstorbenen Jünglings aufleckt. 

Rubens’ Neuerfindungen speisten sich aus der Erfahrung, hinzu kamen ein immenses Bücherwissen und Gelehrtenwissen. Der Reisende, der sich von Antwerpen aus aufmachte, ließ in Italien und Spanien keine Gelegenheit aus, um mit den Geistesgrößen seiner Zeit ins Gespräch zu kommen – über Naturphänomene, den Tumult der Natur, deren Gewalt, den stillen Mond, den Milchstraßenhimmel Adam Elsheimers. 

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