Lade Inhalte...

Robert Doisneau Ihm war nichts Menschliches fremd

Der unvergleichliche Fotograf des Pariser Alltags um 1950: Robert Doisneaus städtische Szenen im Berliner Gropius-Bau machen das Private öffentlich, ohne je zu desavouieren.

„Mademoiselle Anita“, 1951. Foto: Atelier Robert Doisneau

Es heißt, er sei scheu gewesen, jedenfalls überaus zurückhaltend. Ein stiller Beobachter eben, meist mit der Rolleiflex vor der Brust. So sieht man Robert Doisneau (1912-1994) auf einem einzigen großen Porträt, ein Schwarz-Weiß-Abzug am Eingang zur Berliner Ausstellung, die seinen Weg vom fotografischen Handwerk zur Kunst nachzeichnet. Er hat ein schmales, ernstes Gesicht, eins, das aus der Menge nicht herausstechen würde. Aber diese wachen, dunklen, irgendwie melancholisch blickenden Augen!

Die Fotos stammen aus den späten 1940er, 1950er Jahren, einige aus den Sechzigern. Da sieht man dann auch schon die hohen, der Wohnungsnot nach dem Krieg geschuldeten uniform-seelenlosen Neubauten der Pariser Vorstädte, die Doisneau „Kistenkästen“ schimpfte. Auch er stammte aus einem der – alten – Banlieues. Mit welcher Ausdauer und Perfektion er das Milieu gerade der Ränder der Metropole aufgenommen hat, erzählen seine Bilder. Im Gropius-Bau wurden 100 ausgewählt, aus dem Nachlass von 350 000 Fotografien, viele im Auftrag von Zeitschriften wie „Vogue“, „Paris Match“, „Life“, „Le Point“ entstanden.

Es ist durch und durch „humanistische Fotografie“, eine, die das Private, Intime öffentlich macht, ohne je zu desavouieren. Immer ist da auch ein Augenzwinkern; nie Häme. Doch was zunächst skurril und amüsant war, führte am Ende in die Melancholie. „Wie konnte ich nur so stur sein und immer wieder Fotos machen, die mir später meine verlorene Zeit, meine verlorene Jugend vor Augen führen“, sagte Doisneau 1993 in einem Interview, ein Jahr vor seinem Tod. „C’est très mélancolique.“

Und auch diese Selbstbezichtigung war natürlich kokett: Der große Pariser Fotograf schrieb in seinen Lebenserinnerungen, er sei ein „Bilderdieb“, einer, der den Großen und Kleinen seiner Zeit ein Abbild stahl: Picasso, der im Matrosenpulli vor zwei prankenartig geformten Broten sitzt. Das Foto, gedruckt in einer Zeitschrift, ist in einer der langen Vitrinen der Schau zu sehen. Und da ist natürlich diese Ikone der Stadt der Liebe schlechthin: das junge Paar, das sich an einem diesigen Sommertag vorm Rathaus ungeniert küsst.

Um das Motiv gab es viel Rummel, etliche Paare glaubten sich, als es weltberühmt geworden war, wiederzuerkennen. Irgendwann gab Doisneau es dann zu: Die innige Szene war gestellt: Die Studenten Françoise Bornet und Jacques Carteaud standen Modell. Er hatte die beiden in einem Straßencafé angesprochen, gegen ein Taschengeld für ihn als Liebespaar zu posieren.

Man geht, mehr und mehr gepackt von der herb-melancholische Erzählkraft der schwarz-weißen Aufnahmen durch zwei große Säle im Gropius-Bau. An den Wänden die mitunter fast als Serien erlebbaren, schlicht gerahmten Momentaufnahmen. Die französische Kuratorin Agnés Sire entschied sich nicht für chronologische, sondern thematische Hängung. Einzig das Foto des „Akkordeonspielers an der Rue Mouffetard“ von 1951 ist groß reproduziert. Ganz nah kommt einem der abgehärmte, derbe, aber ganz von seinem Spiel erweichte Mann. Hinter ihm Straßengeschehen, Männer mit Krücken Passanten. Alle lauschen dem Spiel.

Und immer wieder Paris aus leichter Vogel- oder Frosch-Perspektive: Brücken im Dunst, Kinder, die über Pfützen springen, der Pont Notre Dame mit gleichsam grafischen Spuren im Schnee, ein gestürztes Pferd, um das sich die Passanten aufgeregt scharen, Kohle-Sammler, Zeitungsverkäufer, Frauen im Luftschutzraum der Metro 1944, Flieger-Alarm. Und die Kriegsbrachen, Kinder, die Kreidemännchen aufs Pflaster malen, der „Letzte Walzer“ eines Paares in einer nachtschwarzen Gasse am 14. Juli 1949, seither Nationalfeiertag der Franzosen.
Doisneau, so scheint es, hat nie geschlafen, war immer als stiller Beobachter dabei – als das Leben im Krieg aus den Fugen war, die Obdachlosen auf den Straßen lagen, Krüppel und Kinder bettelten. Und als das Leben sich endlich wieder normalisierte, die Sehnsucht nach dem Schönen und Guten übermächtig war, als die Leute wieder Hochzeit feierten, tanzten, ins Kino, Café, Varieté gingen. Er hielt das Pariser Nachtleben fest, die Huren, den Lebenshunger. Fleischeslust im wahrsten Sinn des Wortes: Aufnahmen in den Kühlräumen von Les Halles, Männer in Wachstuchschürzen mit Rinder- und Schweinehälften. Unwillkürlich denkt man an Zolas „Bauch von Paris“.

Ja, Robert Doisneau war fasziniert vom Alltäglichen, vom Überlebenskampf wie der Lebenslust, vom Stinknormalen, Kleinbürgerlichen. Gerade dabei machte er das Melancholische, Zerbrechliche überdeutlich. „Coco“, 1952, zeigt einen Alten mit Hut – ein einsamer, verkorkster Absinth-Trinker, wie man solche Gestalten schon aus Bildern von Toulouse-Lautrec und Manet kennt.

Vor allem aber verraten die Motive dieses Meisters der Momentaufnahme ohne Pathos, eher mit trockenem Esprit, wie sehr das Metier für ihn nach und nach alles Hölzerne des Handwerks verlor und zu einem lebenslangen Abenteuer mit wie er es nannte „elektronischen“ Qualitäten wurde. Im Zeitraffer erlebt man das auch im Film, in einer Koje am Ende der Ausstellung. Robert Doisneaus Enkelin Clémentine Deroudille drehte ihn für den Sender Arte.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 5. März 2017. www.gropiusbau.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen