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Riga-Biennale Hilflose Männlein im Maul des Esels

Apokalyptische Mahnung, Konsumkritik oder auch friedliche Zukunftsvision: Die Riga-Biennale zeigt ein breites Spektrum der Gegenwartskunst.

Aslan Gaisumov: „People of No Consequence“
Aslan Gaisumov: „People of No Consequence“, 2016 (Still). Foto: Aslan Gaisumov

Grüne Pflänzchen sprießen aus dem schmuddeligen Gewöll eines Wischmopps. Braune Moose haben sich eines vollgeschwitzten Turnschuhs bemächtigt. Gräser wachsen auf Schaumstoffbrocken. Selbst ausrangierte Elektronikteile bieten der Pflanzenwelt einen Lebensraum, Giftpartikel hin oder her. 2016 hat die polnische Künstlerin Diana Lelonek ihr „Centre of Living Things“ gegründet, ein Rechercheprojekt, in dem es darum geht, Wissen über „neue hybride Formen von Natur“ zu erlangen und zu verbreiten.

Die Dinge, die sie jetzt in Riga zur ersten Ausgabe von Riboca, einer internationalen Biennale zeitgenössischer Kunst, zeigt, sind Schrott. Kram, den Menschen irgendwo in die Gegend geschmissen haben, bevor ihn die Natur für sich erobert hat. So entstanden symbiotische Werke, die sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen interpretieren lassen. Als apokalyptische Mahnung, als Konsumkritik oder auch als friedliche Zukunftsvision, nach dem Motto: die Natur hat noch immer einen Weg gefunden. 

Womöglich ist die Arbeit auch ein passendes Sinnbild für Lettland, einen gebeutelten Staat, dessen Bevölkerung die Vergangenheit hinter sich gelassen – wenngleich nicht vergessen – hat. Das Geschehene als eine Art fruchtbarer Basis für die Gegenwart. „Everything Was Forever Until It Was No More“ lautet der Titel der Kunstbiennale, für die die griechische Chefkuratorin Katerina Gregos 104 Künstler und Kollektive eingeladen hat. Zahlreiche davon aus den baltischen Staaten. Schließlich habe man nicht wie ein Raumschiff in Lettland landen, sondern auch mit der ansässigen Kunstszene zusammenarbeiten wollen, erzählt die Kuratorin.

Gleichwohl hat sie diverse, durchaus namhafte Künstler aus Europa und weit darüber hinaus eingeladen, sich mit dem Ort oder zumindest mit dem Thema, bei dem es im weitesten Sinne um Veränderung – politische wie technologische – geht, auseinanderzusetzen. Die Werke sind auf acht Standorte verteilt, was eine hervorragende Gelegenheit bietet, die Stadt jenseits der Altstadt-Idylle zu erkunden. 

Und auch wenn die Welt bestimmt nicht auf eine weitere Kunstbiennale gewartet hat, muss man wertschätzen, dass diese Riga-Ausgabe eine lohnende ist. Äußerst sehenswert ist zum Beispiel die ehemalige Biologische Fakultät der Universität Lettlands, ein Neo-Renaissance-Gebäude, in dem zahlreiche, nach wie vor mit Instrumenten, Exponaten und Pappschubern bestückte Laborräume und Hörsäle ein reizvolles historisch angehauchtes Ambiente bieten, das an überkommene Ostblock-Zeiten gemahnt. 

Passenderweise zeigt man hier Werke, die sich mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und technologischen Entwicklungen auseinandersetzen. Darunter Sven Johnes fantastische Videoarbeit „A Sense of Warmth“, die in prächtigen Schwarzweiß-Bildern von einer Aussteigerin erzählt, die ein Leben ohne Ausbeutung, Krieg und Kapitalismus ersehnt. Sie landet auf einer Naturschutzinsel, wo sie Zugvögel, die hier auf ihrer Reise von Afrika nach Skandinavien zwischenlanden, untersucht und beringt. Als die Zugvögel auf der Insel heimisch zu werden beginnen, hat sie den Auftrag, diese zu töten, um das biologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Der Vergleich zu menschlichen Migranten drängt sich auf, aber auch die Erkenntnis, dass der Mensch – egal, welche Absichten er verfolgt – seine Umgebung stets prägt und verändert. 

Unweit davon präsentiert der Schweizer Julian Charrière unter dem Titel „Tropisme“ Pflanzen, die aus der Kreidezeit stammen, in einer hermetisch versiegelten Vitrine, wo sie bei minus 20 Grad kryokonserviert sind. Der Gedanke, dass diese Pflanzen, die unter ihrer Eisschicht eher wie Kristallgebilde als wie lebende Organismen wirken, ihren Ursprung in einer Zeit haben, die viele Millionen Jahre zurückliegt, löst Ehrfurcht aus. Und lässt überdies die menschliche Konservierungstechnik (mit der mancher auch sein eigenes Überleben zu sichern sucht) geradezu rührend grotesk erscheinen. Apokalyptische Visionen prägen auch „In the Land of Draught“, einen Film des Münchener Künstlers Julian Rosefeldt, der in einer Zukunft spielt, in der der Mensch die Erde längst ruiniert hat. Aus der Perspektive einer Drohne sehen wir Männer in weißen Allover-Gymnastikanzügen trostlose Landschaften durchkämmen, während ein anschwellendes Dröhnen und pulsierende Herzschlag-Rhythmen Dramatik suggerieren; womöglich handelt es sich ja um Außerirdische, die menschliche Hinterlassenschaften inspizieren. 

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