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Riedel-Ausstellung Welpenschutz und Loblied unerwünscht

Das Museum Angewandte Kunst zeigt grafische Arbeiten des Frankfurter Künstlers Michael Riedel aus fast 25 Jahren.

Michael Riedel
Michael Riedel, Muster des Kunstsystems, 2013 Foto: Michael Riedel

Die Reproduktion im Zeitalter ihrer künstlerischen Verwertbarkeit, dafür steht der Konzeptkünstler Michael Riedel. Von seiner Geburtsstadt Rüsselsheim aus hat er es in die Museen der Welt geschafft. Tate Modern, Palais de Tokyo, Kunsthalle Zürich, Museum für angewandte Kunst Wien. Sogar eine erste Retrospektive wurde dem heute 45-Jährigen 2012 in der Frankfurter Schirn beschert, die der Künstler jedoch nicht als solche bezeichnet wissen will. Auch im Museum für Moderne Kunst und im Städelmuseum war er zu Gast, jetzt kommt er mit einer umfangreichen Ausstellung ins Museum für Angewandte Kunst (MAK). 

In fünf Räumen werden 400 Exponate aus Riedels gesamter Schaffenszeit gezeigt. Begonnen wird im Jahr 1994 mit seinen sogenannten „Signetischen Zeichnungen“, weiter geht es mit einer Auswahl von Publikationen, die Riedel in den letzten zwei Jahrzehnten entworfen hat. Über die falschen Banknoten, die er auf echtes Eurobanknoten-Papier drucken durfte, kommt man zu einer neuen, raumfüllenden Wand- und Bodenverkleidung, die sich aus seinen Poster Paintings speist. „Grafik als Ereignis“ nennt sich die Ausstellung, die viele grafische Werke aus Riedels Karriere chronologisch anordnet.

Dem als „Signetische Zeichnungen“ titulierten Frühwerk werden gleich zwei Räume gewidmet. Die systematisch angelegten Zeichnungen auf vergilbtem Papier, die sich oft aus Michael Riedels M-Initial speisen, evozieren den Vergleich zur grafischen Formensuche der Bauhauskünstler; nach Angaben der Kuratorin Eva Linhart seien für die Arbeiten tatsächlich Papierbögen aus den 20er Jahren verwendet worden. Der Diskurs zur Prozesshaftigkeit des Kunstwerkes, der sich an den mannigfaltigen Zeichnungen laut Ausstellungskatalog entfalten soll, ist theoretisch stark überformt. Hannah Höch, Paul Klee, Andy Warhol. Alle haben sie mal klein begonnen, daran ist nichts schändlich. Michael Riedels frühe Arbeiten brauchen weder Welpenschutz avant la lettre, noch Lobeshymnen. Neue Formen werden aber leider auch nicht aus der Taufe gehoben.

Das Image von Michael Riedel scheint gut justiert: Meisterschüler bei Hermann Nitsch, Alumnus der Städelschule, Copycat, Zweitverwerter, Xerox-Parvenü; gerne wird die Beschreibung seiner Kunst mit Versatzstücken Luhmann’scher Systemtheorie unterfüttert.

Leider rückt durch den Ausstellungsort MAK und die damit einhergehende Fokussierung auf das Frühwerk im Speziellen und die Grafik im Allgemeinen, die fast schelmische Appropriation Art Riedels in den Hintergrund, die sich neben Performances immer wieder auch in seinen grafischen Arbeiten zeigt. Die Geldscheine, die reproduzierten Kunstkataloge fremder Ausstellungen, die HTML-Code-basierten Poster Paintings: vieles ist vor Ort, geht aber in der Objektflut unter.

Irritierend ist immer wieder auch die systemtheoretisch begründete Scheidung von Gebrauchsgrafik und Kunstgrafik, gerade in einem Haus wie dem MAK. So wie die selbstredend pfiffigen Grafiken eines Konzeptkünstlers sollte man auch die Arbeiten von Grafikerinnen und Grafikern adeln dürfen. Längst hat die Kreativindustrie sie zu Künstlerinnen und Künstlern gemacht, die unter dem Radar täglich Wunder vollbringen.

Die gegenseitige Durchdringung von Schrift, Grafik und Layout ist weder in der angewandten, noch in der autonomen Kunst neu, sie ist vielmehr konstitutives Element der Gestaltungsbereiche, wie auch Luhmann in „Die Kunst der Gesellschaft“ anmerkt. Dass man nun aus HTML-Code oder Büchern, die überwiegend aus ASCII-Text bestehen, Grafik gewinnen kann, ist im Ansatz leidlich revolutionär. Dass der HTML-Code von Internetseiten stammt, die sich mit dem Künstler Michael Riedel beschäftigen, ist eine Selbstreferenzialität, die sich bereits bei den „Signetischen Zeichnungen“ findet und am Ende des Tages so viel aussagt wie: Der Künstler Michael Riedel ist ein Künstler.

Die Freude am konzeptuellen Grafikspiel und die Selbstthematisierung des Künstler-Ichs sind in dieser Ausstellung sichtbar, die kolportierte Genialität vom Riedel’schen Werk als prozesshafte Struktur bleibt allerdings gut versteckt. Beziehungsweise: Ist nicht alles, was in der Welt ist, sowieso immer schon Prozess? Panta rhei, so lautet eine 2500 Jahre alte Erkenntnis.

Es gibt wahrlich viel zu sehen in dieser Ausstellung, die auch ohne Diskurs stimuliert und inspiriert. Von den Machern wird allerdings gleich kunstwissenschaftliches Gehirnjogging einverlangt. Da hilft es wenigstens, dass jedem Besucher ein theorie- und wortschwangerer Katalog zur Ausstellung ausgehändigt wird.

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