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Restaurierung Das verlorene Museum kehrt wieder

Die Ernst von Siemens Stiftung finanziert den Staatlichen Museen die Restaurierung kriegszerstörter Schätze.

Donatello
Donatello, „Madonna und Kind mit vier Cherubim“, um 1440/45. Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Museumsleute glauben nicht an Wunder. Aber sie glauben an die Kunst. An die der Alten Meister und deren dauerhaften Wert in einer Zeit flüchtiger Effekte. Und im Berliner Bode-Museum glaubt man ebenso an die hohe Kunst der Restauratoren und der Historiker.

Zum geheimen Innenleben eines Museums, das Altmeisterschätze hütet, gehört wohl die Werkstatt der Restauratoren. Ein intimer Ort, den im Normalfall kein Publikum betritt, eine Art Pathologie und Labor der Kunst: weiß gekachelte Wände, auf fahrbaren Liegen, Tischen, Podesten lagern marmorne Skulpturenfragmente, stehen Köpfe ohne Hals und Körper, liegt schwer ein tafelbildgroßes rötliches Terrakotta-Relief, dessen vormals zerbrochene Einzelteile an etlichen Stellen mit einer rötlichen Masse zusammengehalten werden.

Kein Geringerer als der italienische Bildhauer Donatello, einer der Großmeister der Florentiner Schule, hatte diesen Altar um 1440 geschaffen. Die für damalige Verhältnisse ungewöhnlich dynamische Gestalt der Jungfrau und das Knäblein mit dem trotzigen Zug um den Mund, dazu die Engel, waren einst in Blattgold gefasst, Maria trug den typisch sakral-blauen Umhang. So jedenfalls besagt es das einzige überlieferte Foto aus einem Katalog des Museumsmannes Wilhelm von Bode.

Zusammen mit anderen Werken aus dem einstigen Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) war die Madonna zu Ende des Zweiten Weltkrieges ausgelagert worden in den Flakbunker Friedrichshain. Fliegerbomben der Alliierten setzten im April 1945 alles in Brand, drei Tage lang, unmittelbar vor der Schlacht um Berlin. Bei über 1000 Grad Celsius schmolz alles dahin, was Weltkultur-Erbe war: die Sammlungsbestände der Berliner Museen.

Mehr als 430 Bilder der Gemäldegalerie wurden damals ausgelöscht, antike und nachantike Skulpturen, Keramiken, Elfenbeine, Tapisserien, Schmuck. Und es verbrannten die Farben auf den Skulpturen aus Granit und Marmor. Tiefe Rußspuren durchziehen auch die Körperfragmente von Tuillo Lombardos beiden „Schildträgern“ aus weißem Carrara-Marmor. Die durch das Feuer, später wohl auch durch den groben Transport in zig Stücke zerbrochenen edelmaßigen Teile der im venezianischen Stil gemeißelten Jünglinge sind nur noch Teile eines Kunstpuzzles, das aufs Zusammenfügen wartet.

Alles, was im Flakbunker nicht in Asche und Rauch aufging, hatten die Trophäenbrigaden der Roten Armee nach Moskau und Leningrad (St. Petersburg) gebracht. Erst 1958 gab die Sowjetunion 1,5 Millionen meist nicht oder kaum gekennzeichnete Fragmente an die Ostberliner Staatlichen Museen zurück. Einige davon waren notdürftig restauriert worden, etwa Donatellos Madonnenrelief. Die meisten Objekte kamen, in ihrem prekären Zustand ins Depot. 2015 wies die Ausstellung „Das verschwundene Museum“ im Bode-Museum mit Nachdruck auf die Situation hin. Aber für die Erforschung und Restaurierung fehlte das Geld. Bis dato.

Nun nämlich stellt die Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen des Förderprogramms „Kunst auf Lager“ eine siebenstellige Summe bereit für die Restaurierung 59 kriegsbeschädigter Kunstwerke, für Forschungsprojekte und den Austausch von Fachleuten, auch den Restauratoten im Moskauer Puschkin-Museum. Martin Hoernes, Generalsekretär der Stiftung, hält „die Restaurierung eigener Bestände für oft wichtiger als Neuerwerbungen“.

Auf dem Kunstmarkt müsste heutzutage ein Vielfaches gezahlt werden, um Objekte dieser Güte zu bekommen. Falls sie überhaupt verfügbar wären. Aber keine perfekte Wiederherstellung im Sinne von Disney schwebt den Mäzenen vor, sondern eine sinnfällige Rekonstruktion. Eine, die der Schönheit und Wirkmacht der Renaissance-Kunst wie auch der brutalen, bitteren Wahrheit der Geschichte, nämlich eines verheerendes Krieges und seiner Folgen, gerecht wird. Und Julien Chapuis, der Leiter des Museums am Kupfergraben, hat voller Emphase erklärt: „So bekommen wir irgendwann ein verlorenes Museum zurück!“

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