Lade Inhalte...

Reinhold Ewald Frankfurt Hanau Der biegsame, verschlossene Mensch

Wir sind alle bloß Farbe und Raum: Eine prächtige Doppelausstellung in Frankfurt und Hanau widmet sich dem seltsamerweise nicht mehr sehr bekannten Maler Reinhold Ewald. Und übergeht die Schattenseiten nicht.

Doppelung und Farbenspiel: Reinhold Ewald, Zwei sitzende Mädchen, 1921. Foto: Privatbesitz, Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.

Man muss sich nicht genieren, wenn man den Namen Reinhold Ewald nicht kennt. Aber man sollte die Gelegenheit nutzen, diese Lücke sogleich anzufüllen mit dem Anblick von hunderten expressionistischen, altmeisterlichen, naturalistischen, verblüffenden Ewald-Arbeiten, die jetzt im Museum Giersch in Frankfurt und in Schloss Philippsruhe in Hanau ausgestellt sind.

Und dann auch mit einem dicken Katalog, der das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit darstellt. Es geht aus ihm hervor, wie viel man inzwischen über Ewald weiß und wie viel mehr man nicht weiß. Und wie opulent das Werk ist, das bei näherer Betrachtung der schockierend langen Ausstellungsliste im Kataloganhang durchaus präsent blieb in der Region und anderswo. Seltener hingegen gab es noch größere Einzelausstellungen, die letzte 1990/91 zum 100. Geburtstag in Hanau. Erst für die aktuelle Retrospektive aber konnte der offenbar gewaltige Nachlass in Wort und Bild ausgewertet werden.

Hanau und Frankfurt: Ewalds Welt. In Hanau wurde er vor 125 Jahren am 30. März 1890 geboren und starb er 1974. In der damals höchst lebhaften Kunstszene Frankfurts konnte er rasch Fuß fassen, nachdem er an der Schule des Kunstgewerbemuseums zu Berlin gelernt hatte. 1914 erwarb der große und einflussreiche Georg Swarzenski für die Städtische Galerie Frankfurt ein Ewald-Bild, der erste Museumsankauf, bis heute der Einstieg in den seriösesten und langfristigen Erfolg versprechenden Sektor einer Künstlerexistenz.

Die zwanziger Jahre werden Ewalds große Zeit. Er lehrt an der Zeichenakademie Hanau, was ihm ein Auskommen sichert und bis 1933 auch eine Verbeamtung auf Lebenszeit. Er malt dazu wie besessen, vorerst cezannisch – worauf er immer wieder zurückkommt –, bald im äußerst farbigem, neugierigem Expressionismus. Er malt auch Räume aus und an, das meiste davon wird sich später verlieren, nicht aber der Kreuzweg für die Frankfurter Kirche St. Leonhard oder die allerdings erst in den fünfziger Jahren entstandenen Bilder für das Heinrich-Fischer-Bad in Hanau (die Eintrittskarte gilt auch hier).

Alle Menschen und Dinge malt Ewald, die er sieht und die ihn interessieren. Frauen sind das zum Beispiel und eigentlich vor allem, Frauen im Café und im Bade, als Akt und als Clique, großstädtische Frauen, gotische Frauen, manieristische Frauen, Ewalds Frauen (dreimal war er verheiratet, das musste er sich von Spießern und zwischendurch von Nazis vorwerfen lassen). Ruhe liegt über ihnen in den seltsamsten Verrenkungen – etwa der zugleich flächig und naturalistisch nackten drei Grazien – und Verzerrungen, Längungen, Verwirrungen, auch in Miniserie. Ewald treibt durch die Großstadt Frankfurt, zeigt sich im führenden Café Bauer an der Hauptwache (welches er gleichfalls bemalt), macht die Augen auf. Die Gesichter gehen manchmal ins Karikatureske, glänzende Porträts gelingen anscheinend mit Leichtigkeit.

Beim Gucken und Weitergucken begreift man aber, dass Ewald die Motive des modernen Getümmels – und der Hanauer Häuschen und der bereisten Länder und Landschaften und so fort – benötigt, um eine Grundlage, einen Anlass für seine Form- und Farbexperimente zu haben. Wir sind nichts als Farbe und Raum. Graue Alltagsmenschen, wilde Tänzerinnen, der Gekreuzigte, die koketten Mädchen, die ernsten, sehr dünnen Mütter, sie sind das Material, das der Maler jetzt formt und füllt und zerrt und doppelt und mit Farbflächen bedeckt, changierenden, plakativen, je nachdem. Weil es sich gleichwohl meistens um konkrete Situationen und Menschen handelt, haftet ihnen bei aller Dynamik und Biegsamkeit etwas Verschlossenes an. Es lässt sich leicht sagen, was man sieht, es lässt sich kaum sagen, was es bedeutet.

Ewalds Distanz zum Motiv – keine Wurschtigkeit, dafür war er kunsthistorisch viel zu informiert und interessiert – wurde bewundert und abgelehnt. Sein „überlegenes Verhältnis zu Mensch und Ding“ mindere seine Anteilnahme, hieß es dann: „zu dünn, zu geschmäcklerisch und spielerisch.“

In der NS-Zeit versucht er mitzumachen

Ein eigener Raum im Frankfurter Ausstellungsteil ist der NS-Zeit gewidmet. Ewald tritt schnell ein, verliert trotzdem seinen Posten an der Zeichenakademie. Er malt Hitlerbilder und schafft es trotzdem nicht in die Große Deutsche Kunstausstellung. Er gilt nicht direkt als „entartet“, aber auch nicht als „artgemäß“ (heißt es in einer Ablehnung 1940). Er ist kurz Blockleiter und schreibt mindestens einen schauerlichen Zeitungsartikel. Er malt Obst, entwirft Glas. Nachher kommt er in die Gruppe IV, Mitläufer.

Man hat nicht den Eindruck, dass Ewald im Alter nicht mehr recht will und kann. Nicht nur malt er unverdrossen weiter, figürlich, aber immer abstrakter figürlich. Er entdeckt auch das Fernsehen als Motivvorlage der Sonderklasse (wie schon zuvor den Kinofilm). Der alte Reinhold Ewald sitzt vor dem Fernseher und zeichnet und zeichnet. Oder er zeichnet alte Meister ab, zeichnet und zeichnet. Oder malt wieder. Und malt und malt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen