Lade Inhalte...

Raubkunst Die Entgiftung des Erbes

Zwanzig Jahre nach der „Washingtoner Erklärung“ zeichnet sich ein Paradigmenwechsel im Umgang mit geraubtem Kulturgut ab.

Raubkunst
Königssitz aus dem Königreich Dahomey im Musée du Quai Branly. Benin fordert ihn zurück. Foto: afp

Im Jahre 2002 rief „Der Watzmann“ nicht, sondern wurde gerufen, ging tatsächlich und kam zurück, und das alles war kein Wunder, sondern die „faire und gerechte“ Umsetzung der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 und damit ein Modellfall. Denn das Gemälde des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich von 1825 war zu dem Zeitpunkt Bestandteil einer bislang äußerst lückenhaft erzählten und erforschten Kunstraubgeschichte, hinter die damals erfolgreich ein Punkt gesetzt werden konnte.

1937 war „Der Watzmann“ von einem jüdischen Sammler an die Berliner Nationalgalerie verkauft worden, um sich und seiner Familie durch den Erlös die Flucht in die USA zu ermöglichen. Nach den Kriterien der „Washingtoner Erklärung“, die von 44 Staaten zum künftigen Umgang mit den von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken unterzeichnet worden war, galt Friedrichs Gemälde eindeutig als „verfolgungsbedingt geraubt“. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), zu der auch die Nationalgalerie gehört, gab es 2002 an die Erben des letzten rechtmäßigen Besitzers zurück. Dass Friedrichs Bild noch immer an der Berliner Museumsinsel zu sehen ist, ist dem Entgegenkommen der Erben zu verdanken. Sie verkauften es an die deutsche DekaBank, die es wiederum der Alten Nationalgalerie als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte.

Die Geschichte des „Watzmann“ ist eine der Restitutionsgeschichten, die auf einer Berliner Tagung kommen könnten, die nächste Woche unter der Regie des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste stattfindet und die zwanzig Jahre resümieren wird, die seit der Washingtoner Konferenz am 3. Dezember 1998 inzwischen vergangen sind. Nach neuester Nachrichtenlage spricht einiges dafür, dass die Geschichte des „Watzmann“ dort vielleicht doch nur eine Randnotiz sein wird, ebenso wie die rund 350 anderen Kunstwerke und 2000 Bücher, die die Preußen-Stiftung seit 1998 an ihre rechtmäßigen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben hat. Eine Bilanz, auf die man in Berlin stolz ist, die angesichts der jetzt von Frankreich eingeschlagenen Gangart in Sachen Restitution aber verblasst.

Denn der Bericht, den die in Berlin lebende französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr am Freitag dem französischen Staatspräsidenten Emmanuelle Macron übergeben haben (FR v. 22.11.), stellt alles in den Schatten, was bislang als Standard galt in dem schwierigen politischen Feld der Kulturgutrückgabe.

Beweislast umkehren

Savoy und Sarr fordern kurzerhand, im künftigen Umgang mit Kunstwerken kolonialer Herkunft die Beweislast umzukehren. Sofort und ohne weitere Erforschung der Provenienzen sollen alle in staatlichen Museen befindlichen Objekte, die im Zuge militärischer Aktionen erbeutet oder im Zusammenhang mit Expeditionen angeeignet wurden, zurückgegeben werden. Den Nachweis des rechtmäßigen Besitzes müssen demnach die Museen erbringen und nicht, wie bisher, die afrikanischen Staaten oder Volksgruppen, die Ansprüche auf die Werke erheben.

Das über 200 Seiten umfassende Papier wirbt für eine „neue Ethik der Beziehungen“. In Auftrag gegeben hat es Präsident Macron höchstpersönlich. Das Beben, das von dem Bericht ausgeht, dürfte auch in Berlin zu spüren sein, wo man sich bei der Einrichtung des Humboldt-Forums weitgehend auf die Berliner ethnologischen Sammlungen stützt, die mit zahlreichen Rückgabeforderungen konfrontiert sind.

Sarr und Savoy gehen davon aus, dass keine Entleerung von Museen drohe. Afrikanische Ansprüche auf Kulturgüter in europäischen Museen werden bislang auf einige wenige für die Länder und Regionen identitätsbildende Objekte erhoben. Unwahrscheinlich auch, dass etwa in Kriegs- und Krisenregionen restituiert werden wird. Tatsächlich aber wird es in den Erzählungen über das Raubgut aus kolonialem Kontext um konkrete Fälle gehen. Geschichten, die geeignet sind, den europäischen Blick auf den afrikanischen Kontinent von Grund auf zu verändern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen