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„Ramses – Göttlicher Herrscher am Nil“ Dem Frieden einen Vertrag geben

Das Badische Museum in Karlsruhe würdigt in der Ausstellung „Ramses – Göttlicher Herrscher am Nil“ einen gefürchteten Staatschef und Strategen der Diplomatie.

Kopf einer frühen Statue Ramses’ II.
Kopf einer frühen Statue Ramses’ II. Foto: Hildesheim, Römer und Pelizäus-Museum

Ägypten an erster Stelle, und der Pharao noch vorneweg. Betonte doch die Supermacht ihre vermeintliche Vorzugsstellung, was unter den benachbarten Großmächten, in Babylonien, in den Reichen der Assyrer und der Hethiter Unwillen und Unruhe hervorrief. Jedes Großreich wurde beherrscht von einem „Großkönig“, doch so angespannt die Beziehungen, die Gebieter sprachen sich untereinander an als „Brüder“. Allein für den Staat am Nil galt: Ägypten first. Und der Pharao fühlte sich als erster Fürst unter Fürsten.

Nicht von ungefähr ist es eine kolossale Faust, die, Fragment einer ehemals 15 Meter hohen Statue, im Badischen Landesmuseum Karlsruhe die Hegemonieansprüche Ägyptens im 14. Jahrhundert v. Chr. zur Zeit Ramses II. veranschaulicht. Eines Pharaos, dem das 19. Jahrhundert, die Ära der Wiederentdeckung des alten Ägypten, den Titel des Großen verlieh. Und dem jetzt Lars Petersen, als Kurator der Ramses-Schau, den Untertitel „Göttlicher Herrscher am Nil“ mitgibt.

Ägypten war seinen Nachbarn alles andere als wohlgesonnen, im Fremden sahen das politische und religiöse Ägypten die Mächte des Chaos am Werk. Zur Vormachtstellung, in der man sich wähnte, gehörte die Selbstdarstellung – und gewiss handelt es sich bei der überlebensgroßen Standfigur Ramses II., gleich zu Beginn der Schau, nicht nur um ein erstaunliches Artefakt aus Rosengranit, sondern bei dem Objekt um eine Machtdemonstration monumentaler Art.
Zusammen mit der ebenfalls überlebensgroßen Sitzstatue im nächsten Raum lässt die Ausstellung von Beginn an keinen Zweifel an der Omnipräsenz des Herrschers, die noch die Alltagsgegenstände erfasste:  einen Skarabäus mit Pharao, eine Fayencefigur, die den Herrscher als Falkengott darstellt. Ein Grundsteinziegel ist mit einer Kartusche versehen, die Ramses II. zeigt, und das gilt für das Fragment einer Wandverzierung aus dem sagenumwobenen Königspalast wie für das Kalksteinrelief unbekannter Herkunft.

Die Schätze, die man in Karlsruhe selbst hegt, hat Petersen zusammen mit seinem Team durch Kostbarkeiten aus den großen Ägyptensammlungen Europas, aus Turin und Basel, aus dem British Museum und dem Louvre, aus Berlin und Hildesheim, auch aus Heidelberg und Frankfurt, anreichern können. Nicht zu vergessen diese eine umwerfende Skulptur aus Essens Museum Folkwang, überhaupt nicht kolossal, sondern von ergreifendem Realismus. Ein in Kniehöhe abgebrochener Torso, ein dem Amun geweihter Stabträger steht vor dem Besucher. Keine Überhöhung, wie so oft, vielmehr frappierende Natürlichkeit.

Durch Inszenierungen veranschaulicht die Ausstellung ihr Anliegen, durch belichtete, rund gehängte Fadenvorhänge, die einen Säulensaal andeuten, oder durch die Anordnung der Vitrinen nach Pyramidenart. Sie macht von vorneherein deutlich, wie sehr die Ramessiden-Dynastie daranging die Amarna-Zeit vergessen zu machen. Getilgt werden sollte die Erinnerung an den religiösen Furor des Echnaton, womit Ägypten zum Schauplatz des Monotheismus wurde – seiner Erfindung, Einführung, totalitären Durchsetzung.

Die Götterdämmerung des Aton, der Theologie des einen Gottes, damit auch eines Gottesstaates, hatte schon unter den Vorgängern der Ramessiden stattgefunden – wobei auch Ramses II. als irdische Verkörperung eines Gottes galt, des Horus. Also solcher war er der Einzige, der im Tempel den Kult vollziehen durfte, war es doch Pharao, „der mit den Göttern spricht“. Allerdings wurde die Mittlerrolle, die Pharao zwischen den Menschen und den Göttern einnahm, im Großreich durchaus unterschiedlich wahrgenommen. Im Nordreich sah man in Ramses den menschlichen Sohn eines göttlichen Vaters, im südlichen Nubien, gegen das er schrecklich zu Felde zog, gar einen selbstständigen Gott.


Göttlich, so der Glaube, der ein komplexer Glaube war, herrschte Ramses 66 Jahre, so lange wie keiner vor ihm, als er 1279 v. Chr. den Thron bestieg, keiner nach ihm, als er 1213 v. Chr. mit etwa 90 Jahren starb. Er herrschte als Staatschef unangefochten und als Bauherr unübersehbar. „Im Innern galt es, die durch den Umsturz erzürnten Götter durch ein gewaltiges Tempelbauprogramm zu versöhnen“, kann man in Jan Assmanns „Ägypten. Eine Sinngeschichte“ lesen, und diese bereits für Sethos I., als Nachfolger von Ramses I. geltende Bilderpolitik, wird auch von dessen Enkel in einem bisher nicht dagewesenen und später auch nicht mehr vergleichbaren Ausmaß fortgesetzt.

Als Stadtgründer war (auch) dieser Pharao prächtig, als Stratege weitsichtig, als Ägyptens Oberhaupt dafür bekannt, dass er „jedes Feindesland zertrampelt“. Nachbarn mussten ihn fürchten, die Statuette eines gefangenen Nubiers demonstriert dies deutlicher als die Profilansicht auf der Fayencefliese eines Beduinen. Mit dem Ruf, seinen Feinden ein leibhaftiger Schrecken zu sein, glaubte er sich gesegnet. Allerdings, und das ist sicherlich das Zentrum der Karlsruher Schau, war der Kriegsherr nicht nur erfolgreich, auch wenn er sich zu einem Triumphator stilisierte.

Eine Umzeichnung der Darstellung der Kadesch-Schlacht, wie sie in Abu Simbel zu sehen ist, wird nun in Karlsruhe vor Augen geführt. Ägyptens Machtansprüche richteten sich seit 1550 v. Chr. gegen Vorderasien, anfangs gegen die Hyksos, schließlich 300 Jahre später gegen die Hethiter. Durch List geriet der Feldherr Ramses in Syrien in eine Falle – ägyptische Quellen haben die Stationen festgehalten, wobei die „Knappheit des Berichts“, so hat es Jan Assmann interpretiert, „der Schnelligkeit eines Streitwagenangriffs“ entsprach. Es kommt, unter literarischen Aspekten sensationell, vor 3300 Jahren zu Perspektivwechseln!

Wie auch immer, Kadesch, im fünften Regierungsjahr des Ramses, wurde 1274 zum Debakel für die ägyptische Streitmacht, auf jeden Fall zu einem Fehlschlag für die militärische Führung, die Ramses verantwortlich machte für ein schmähliches Patt, das der König gleichwohl als Triumph darstellen ließ. Die Glorifizierung schlug sich nieder in einer Offensive der Bilder.

So ausgeprägt die „Übersteigerung der Darstellung ins Überlebensgroße“ (Assmann) in den schriftlichen Quellen, so gewaltig auch die bildliche Darstellung. Einzelne Szenen werden auf dem Flachrelief in Umrissen hervorgehoben – Stadt, Pharao, Streitwagen – wie in einem Bewegtbild, wie auf einem unübersehbaren Wimmelbild. Die Stationen, die Entwicklungen, das Nebeneinander und Nacheinander in Raum und Zeit, wurden fixiert in einem Panorama des Simultanen. Das vermag kein Film, das stellt kein Roman her. Noch eine Sensation!

Jahrelang zogen sich die Verhandlungen hin zwischen den beiden Großmächten, bis schließlich beide Parteien 1259 einen Vertrag schlossen, einen paritätisch zu verstehenden Pakt – den ersten Friedensvertrag der Welt, so zu sehen auf Pergamentfragmenten. Der Vertrag trägt Paragrafen, insgesamt 21, wie in Karlsruhe zu sehen, wo die Papyri gescrollt werden – denn nicht das Internet erfand die Schriftrolle.

Staatsmann und Stadtgründer: Zwischen Löwenfigur und Falkensphinx geht es für den Besucher auf Pi-Ramesse zu, jedenfalls auf der prächtigen Promenade durch das Badische Landesmuseum zu auf eine Simulation. Die Ausstellung rekonstruiert die Sommerresidenz im östlichen Nildelta, raffinierte Computertechnik veranschaulicht die Neugründung einer Metropole, Wohngebiete und Regierungsviertel, Tempelbezirk, Waffenschmieden und Kasernen der Streitkräfte, nicht zuletzt die Stallungen. Pferde in Ägypten? Ein Erbe der Hyksos. Streitwagen? Nationaler Protektionismus wäre lebensgefährlich gewesen.       

 Artefakte, Wandmalereien und Reliefs, Möbel und Schmuck veranschaulichen ein Leben in Luxus, angefangen mit einer Babyflasche aus Ton. Ausgrabungen förderten eine Bügelkanne aus Mykene zutage – Beleg für die weitgespannten Handelsbeziehungen Ägyptens, deren Oberschicht sich den Goldbecher, zu sehen ein Fragment mit Keilschrift und Hieroglyphen, nicht vom Mund absparen musste. Der Vorläufer des Bierkrugs, auch dieser nicht zu übersehen, veranschaulicht die Tatsache, dass die Massen sich nicht allein von Brot ernährten.

Staatsmann und Stratege: Ramses belebte die Bilder- und Bauproduktion wie kein zweiter Herrscher und als Staatsoberhaupt, der Brunnen und Kanäle anlegen ließ, die Wüste. Er versah seinen Staat mit Sinn, darunter Monumente zum Niederknien. Ebenfalls, wenn auch nur als Kinderspaß sowie auf kleinen Videoschirmen, nachvollziehbar ist die gewaltige Verlagerung von Abu Simbel, die in den 1960er Jahren ein Rettungsprogramm der Unesco ermöglichte, ansonsten wären die meterhohen, die aus dem Fels gearbeiteten Tempel in den Fluten des Assuan-Staudamms untergegangen.

Als Außenpolitiker trieb Ramses die Handelswege in der Levante voran, als Diplomat betrieb er, auf einem frühreifen Niveau bilateraler Beziehungen, Heiratspolitik. Die Briefe, die hin- und hergingen, wurde auf Akkadisch verfasst. Der Briefpartner Ägypten wurde zu einem Partner für solche Großmächte wie Babylonien oder das Hethiterreich. An der Spitze eines gewaltigen Beamtenapparats stand ein Wesir, seine Präsenz demonstriert die Schau in vielfältigen Darstellungen. Der Name des Mannes war Paser; 25 Jahre war er ein loyaler Mann, vielfach wird er, der den Hofstaat führte, als Kniefigur gezeigt. Zur Ikonographie machtgestützter Demut ließe sich vieles anmerken.

„Göttlicher Herrscher am Nil“, so die Ausstellung, ist gewiss keine neue Erkenntnis, nach allem, was man über Ramses weiß. Es blieb kein Geheimnis, dass seine Lieblingsfrau Nefertari war – der Ring der Königin ist ein Kleinod. Wenn schon etwas länger bekannt ist, dass er, 1,73 Meter groß und 78 Kilogramm schwer, rund 100 Kinder in die Welt setzte, so ist in den letzten Jahren nicht verborgen geblieben, und von neuestem Wissen lebt die reichhaltige Schau, dass er braune Augen hatte und, nicht etwa an Altersschwäche, sondern an der Blutvergiftung durch einen Abszess im Unterkiefer starb.

Die große Ramses-Erzählung in Karlsruhe lässt kaum etwas aus. Also auch nicht im letzten Raum der Schau, im „Ramses-Lab“, die wissenschaftliche Karriere der Mumie, die, einmal entdeckt im Tal der Könige, dort nicht verblieb. Viele Geschichten, zahllose Mirakel, am hartnäckigsten die Legende vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ramses als Urheber des Exodus ist eine besondere Eroberungsgeschichte, eine unendliche Fiktion, in den letzten Jahrzehnten hat vor allem das Kino die Kolonisation der Köpfe betrieben.

In Karlsruhe, selbst eine Stadt mit Obelisk und Pyramide, entwickelt sich die Ramses-Schau zum Frieden hin. So kriegerisch der Beginn der Ramses-Ära – das 14. Jahrhundert wurde zu einer Epoche diplomatischer Anstrengungen. Das Erschlagen der Feinde, den Ägyptern stets präsent, wurde zur Episode, wurde Geschichte. Drei Jahrtausende war es ein geradezu emblematisches Motiv der Herrschaftsausübung, wie der König seine Feinde am Schopf packt, um sie hinzumachen.

Als Ausdruck einer neuen Friedenspolitik bringt die Rames-Ära ein Emblem hervor, das die „Vereinigung der Beiden Länder“ zeigt. Ein großer Augenblick, ein sprechendes Relief. Nicht niedermachen, sondern eine Handreichung. Zwei Götter bemühen sich um so etwas wie die versöhnende Verbindung von Gegensätzen. Nicht dass man einem blinden Glauben billiger Befriedung anhängt. Wohl aber verleiht die Kolossalstatue Ramses’ II. in Abu Simbel einer durch den Pharao geschaffenen Harmonie der Welt Hoffnung.

Zwei Götter, der Gestalt nach gleich groß, vollziehen zur Versöhnung der Gegensätze einen Akt der Gleichberechtigung. Das Relief hält sie fest im Profil, die Ansicht zeigt sie, ja, auf Augenhöhe. Im Götterbild scheint der politische Akt eines gleichberechtigten Friedens gutgeheißen.
 

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