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Portikus Geld ist ein Naturmaterial

...wie Moyra Davey im Frankfurter Portikus zeigt.

Die Serie „Copperheads“ (seit 1990): Weitgereiste Fotos von Münzen mit LIncoln-Kopf. Foto: Helena Schlichting

Am Schluss brutzelt ein Spiegelei in einem schaumigen schmutzigen Fettsee. Am Boden der Pfanne liegt ein Haufen Pennies. Die Verknüpfung von Essen und Geld ist im Grunde nichts Ungewöhnliches. Nahrung ist schließlich das Elementarste, was man für Geld kaufen kann. Doch der unmittelbare Kurzschluss (Geld gleich Essen) in Moyra Daveys Film „Hell Notes“ wirkt dann doch einigermaßen befremdlich.

Das Werk, das derzeit im Portikus in Frankfurt zu sehen ist, zieht noch eine weitere Parallele: Geld gleich Scheiße. Zumindest geht es in dem 1990 entstandenen Super-8-Film, der in New York City spielt, immer wieder um Banken, Toiletten, Goldbarren, Fäkalien, die Wall Street, Pinkelgeräusche, Martin Luther auf dem Klo – und um ein Gestein namens Bedrock, auf deutsch: anstehendes Gestein, das in einem natürlichen Verband mit dem Gestein des Untergrunds steht und zum Beispiel im New Yorker Central Park oder auf der Upper Westside zu finden ist. Man hat lange geglaubt, dass die ungewöhnliche Agglomeration der Wolkenkratzer (und damit auch des Geldes) auf zwei Seiten Manhattans etwas mit dem Vorhandensein des Gesteins zu tun hat. Heute weiß man, dass das bloß ein Mythos ist.

Auch die neugotische Kathedrale Saint John the Divine, eine der größten Kirchen der Welt, die bis heute nicht fertiggestellt wurde, befindet sich auf der Upper Westside. Die Bauarbeiten, denen wir im Film eine Weile zusehen, ruhen seit dem Jahr 1999 – aus Geldmangel, womit wir wieder beim Thema wären. Zwar erschließt sich der Zusammenhang zwischen Felsen, Geld, Spiegelei und Kirchenbau nicht zwingend, aber man kann verschiedene Querverbindungen ziehen. Etwa die, dass auch Geld letztlich ein Naturmaterial und somit der Korrosion ausgesetzt ist.

Abraham Lincoln auf der Penny-Münze

Deutlich zu sehen ist das im Portikus auf einer fortlaufenden Wandarbeit mit dem Titel „Copperheads“ (seit 1990). Es handelt sich um mehrere hundert Fotopapiere, die alle das gleiche Motiv zeigen, das Profil von Abraham Lincoln, so wie es auf der amerikanischen Penny-Münze geprägt ist.

Moyra Davey, die 1958 in Toronto geboren wurde und in New York lebt, hat diese Münzen gesammelt und Makroaufnahmen davon angefertigt. Die Fotoausdrucke hat sie zu Umschlägen gefaltet (das Motiv außen), mit Briefmarken und Adressaufklebern versehen und zum Beispiel an die Galerie Buchholz oder den Portikus geschickt.

Man staunt, wie vielfältig die Ergebnissse sind, wie sie farblich und in ihrer Oberflächenstruktur deutlich variieren: Kerben, Dellen, Rost und Grünspan haben dem Präsidentengesicht auf unterschiedliche Weise zugesetzt und ergeben im Nebeneinander ein faszinierendes Flackern. Aber natürlich hat auch der Transport über Kontinente Gebrauchsspuren hinterlassen.

Als sie damit begonnen habe, die kupfernen Geldstücke für die Serie zu sammeln, sei sie gerade nach New York gezogen, erzählt Davey, die an der vergangenen Documenta mit einer Arbeit über die britische Fotografin Julia Margaret Cameron teilgenommen hat. Sie habe kein Geld gehabt, jedoch viel über die Psychologie des Geldes nachgedacht: „Freudsche Ideen, die Geld mit Exkrementen gleichsetzen; das Potlach-Ritual, bei dem ein Rivale mit extravaganten Geschenken beschämt wird; aus dem 19. Jahrhundert stammende Porträts von Geizhälsen und einen berühmten Münzfälscher“. Geld, so zeigt diese Arbeit, hat viele Gesichter. Man kann es zu fast allem gebrauchen. Nur essen kann man es nicht.

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