Lade Inhalte...

Peter Kurzeck als Maler Erzählung als bildgebendes Verfahren

Drei Ausstellungen in Gießen stellen erstmals den Schriftsteller Peter Kurzeck als Maler vor.

31.01.2016 16:50
Hans-Jürgen Linke
Die Lollarer Pfingstweide, 1965. Foto: Axel Schneider Foto: Peter Kurzeck

Vorher immer beides – gemalt und geschrieben. Nachts und an Wochenenden. Bei Tag Geld verdienen, eine Handlangerstelle im Büro. Erst Hilfsschreiber, dann Personalchef. Hauptsache Arbeit. Nie genug Zeit! Und mir dann gesagt, für beides reicht die Zeit nicht mehr aus. Schreiben ist schwerer. Also hörst du solang zu malen auf, bis du mehr Zeit, bis du endlich einmal Zeit genug hast.“

Bei Peter Kurzeck prägt der chronische Mangel an Zeit schon Syntax und Rhythmus, und als er im November 2013 starb, hinterließ er nicht nur ein umfangreiches erzählerisches Werk, sondern auch ein riesiges Konvolut von nicht-realisierten Ideen, Skizzen und Plänen. Da sein Schreiben immer autobiografisch genährt war, kann man ihm den Entschluss, mit dem Malen aufzuhören, von dem er in „Vorabend“ erzählt, seinem letzten zu Lebzeiten publizierten Roman, vorbehaltlos glauben. Dass er ein bildgestaltender Erzähler war; dass nicht Handlung, sondern Wahrnehmung das treibende Moment seiner literarischen Produktion war, das war immer offensichtlich.

In Gießen haben sich der Kunsthistoriker Marcel Baumgartner und die Germanisten Joachim Jacob und Sascha Feuchert zusammengetan, um sich dem bildnerischen Werk Kurzecks anzunähern. In Zusammenwirken mit dem Neuen Kunstverein Gießen und seinem Vorsitzenden Markus Lepper sind drei Ausstellungen entstanden, die am Freitag- und Samstagabend eröffnet worden sind. Vielleicht ist es auch eine Dreifach-Ausstellung, denn die thematische Klammer ist die Stadt Gießen und ihre Umgebung, vor allem nach Norden zu. Dort, in Staufenberg, wuchs Kurzeck als Flüchtlingskind auf und wurde als Literat zum Chronisten dieser Region und der Stadt.

Die ambivalente Wahrheit ist, dass er einer der wenigen Schriftsteller ist, denen zum Thema Gießen etwas Freundliches – wenn auch aus der Vergangenheit – eingefallen ist. Es hat einige Zeit gedauert, bis Gießen und seine Umgebung das zu würdigen begonnen haben. Das aktuelle Ausstellungs-Projekt ist der vorläufige Höhepunkt dieser Würdigung.

Auf der Seite der biografischen Daten sieht es so aus, dass Peter Kurzeck zwischen seinem 16. und 23. Lebensjahr gemalt und um 1965 herum beschlossen hat, damit zugunsten des Schreibens aufzuhören. In den Anfängen dieser Arbeit ist, wie Marcel Baumgartner erläuterte, das Vorbild von Maurice Utrillo unverkennbar, von dem er sich aber bald löst. Ab 1963 beginnt eine fulminante Entwicklung seiner bildnerischen Sprache, bei der Kurzeck sich an Bernard Buffet orientiert. Das derzeit bekannte bildnerische Werk, das sich zum größten Teil im Besitz alter Freunde und zum kleineren Teil seiner viel beschriebenen Tochter Carina befindet, umfasst ein Dutzend Ölbilder und etwa 250 farbige Arbeiten auf Papier. Da Kurzeck an verschiedenen Stellen in seinem literarischen Werk von Bildverkäufen berichtet, wäre es möglich, dass in Folge der Ausstellung weitere Werke aus privaten Beständen bekannt werden.

Die Ausstellung des bildnerischen Werks im städtischen Ausstellungsraum Kultur im Zentrum („KiZ“) in der Gießener Kongresshalle deutet abgrenzbare Phasen und Werkgruppen an. Sie zeigt darüber hinaus eine pointierte bildnerische Fantasie, die auch unverkennbar Quelle seines literarischen Stils geworden ist.

Ein titelloses Ölbild, das die Kuratoren mittlerweile das „Massa-Bild“ nennen, zeigt einen Eindruck vom Gewerbegebiet des Ortes Lollar, nördlich von Gießen, im Jahre 1965. Mit einer Dringlichkeit erzählt das Bild die Geschichte einer gewaltförmigen, kommerziell motivierten Landnahme und Landschaftsvernichtung durch nachlässig-verantwortungslose Architektur. Eine späte Referenz auf dieses Bild findet sich in „Vorabend“ – in einer nur scheinbar betulichen Geschichte der Igel in ihren enger werdenden Biotopen rund um den bewaldeten Hügel mit dem Gemarkungsnamen „Hangelstein“.

Was im städtischen Ausstellungssaal zu sehen ist, ist keine autonome Kunst-Ausstellung, sondern vor allem eine Fundgrube. Motive, Arbeitsweisen, Plots, autobiografische Daten – all das findet der kundige Peter-Kurzeck-Leser hier wieder – weil die Ausstellung eben auch von kundigen Peter-Kurzeck-Lesern kuratiert ist. Die präsentierten Bildwelten bescheren Aha-Erlebnisse und Erkenntnisse über das bildgebende Verfahren des Erzählens und stehen zu nichts im Widerspruch, was man schon gelesen haben könnte.

Die flankierenden Ausstellungen legen die Akzente eher auf Peter Kurzeck als Chronisten der Stadt und ihrer Umgebung. Die Fotografin Christina Zück, die ebenfalls in der Region aufgewachsen ist, hat, angeregt durch ihre Kurzeck-Lektüre und das Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“, die ihr vertraute Gegend und ihre Bewohner fotografisch kommentierend porträtiert. Diese Arbeiten sind im Ausstellungsraum des Neuen Kunstvereins im Kiosk am Alten Friedhof zu sehen.

Im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek werden Blätter von Peter Kurzeck mit Gießener Motiven gezeigt, ebenfalls erweitert um fotografische Arbeiten Christina Zücks. Flankierend dazu gibt es zwei Vitrinen mit Materialien zu den beiden frühen Romanen „Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“ und „Keiner stirbt“, darunter auch eine kleine Dokumentation der Beziehungen zwischen Peter Kurzeck und dem Suhrkamp-Verlag.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum