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NS-Erinnerung In der Sinteranlage verröchelt

Christian Boltanskis Mahnmal für die Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte.

Neuer Erinnerungsort fuer Zwangsarbeiter in der Voelklinger Huette
Schwarze Hosen und Jacken inmitten von metallenen Archivkästen. Foto: Oliver Dietze (Extern)

Wie die Industriekultur im Ruhrgebiet hat auch das Saarland aus dem Niedergang von Kohle und Stahl das Beste gemacht: eine Welterbe-Kulturlandschaft im Glanz erhaltener Industrieräume. Beim Rundgang durch die 1986 stillgelegte Völklinger Hütte stößt man derzeit außer auf die „Legende Queen Elizabeth II.“ und großformatige Fotos von Barry Cawston zu Urban-Art-Installationen von Banksy auf einen höchst eindringlichen Erinnerungsort des französischen Künstlers Christian Boltanski.

Wer meint, von ihm schon alle Varianten der Kommemoration gesehen zu haben – serielle Porträtfotos Verstorbener, Namenslisten von Opfern der Vernichtung, Berge von Kleidungsstücken, akustische und visuelle Erinnerungsfetzen-, der wird diese Elemente auch in Völklingen antreffen, aber in einer neuen, genau zum Ort passenden Anordnung.

In den Sinteranlagen der Hütte, wo härteste Knochenarbeit unter unerträglicher Hitze, Staub und Lärm geleistet wurde, entstand eine würdige Gedenkstätte an 12 393 überwiegend zwangsverpflichtete „Fremdarbeiter“, die im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg hier eingesetzt waren. Viele waren lebenslang traumatisiert, unter den rund 200 registrierten Todesfällen sind Säuglinge, die in Völklingen zur Welt kamen, und Selbstmörder, die den Arbeitsdruck, die Gemeinheit und die Einsamkeit nicht ausgehalten hatten. Wie Sklaven ausgebeutet wurden sie im Stahlwerk der Familiendynastie Röchling, deren Spross Hermann (1872-1955) eine zentrale Figur der NS-Rüstungswirtschaft war. Der Flick-Rivale und Hitler-Intimus wurde 1946 in Frankreich zu einer Haftstrafe verurteilt.

Beim Abstieg in den von acht Glühbirnen spärlich beleuchteten Erinnerungsraum hört man die von einer weiblichen und einer männlichen Stimme geflüsterten Namen der Zwangsarbeiter. Russische, ukrainische, italienische, serbische, polnische und französische Männer und Frauen treten da für einen Moment aus der Anonymität heraus. Christian Boltanski, dem im kommenden Herbst eine Gesamtschau im Centre Pompidou gewidmet sein wird, zeigt stets, dass jede verschwundene Person wichtig war und welche mögliche Lebensgeschichte hinter der Spur ihrer Existenz steht. Im Völklinger Kellerarchiv schreiten die Besucher durch eine lange Gasse aufgestapelter, rostiger und unregelmäßig nummerierter Metallkästen, an deren T-förmigem Ende abgelegte schwarze Kleidungsstücke aufgehäuft sind.

Die Szene ist eingebunden in den immensen, immer noch staubbedeckten Maschinenpark der vergangenen Zeit. In „Erinnerungen“, einer weiteren Arbeit Boltanskis in Völklingen, sind 91 historische Spinde der Hüttenarbeiter, teils aus Holz, teils aus Metall, alle abgewetzt und vereinzelt mit einem Namen oder einem Pin-up versehen, arrangiert, aus denen individuelle Erfahrungsberichte von Röchling-Arbeitern dringen. Beim weiteren Gang durch das Gelände, bis hinauf auf einen Hochofen, begleiten einen als stumme Zeugen des saarländischen Industriezeitalters Ottmar Hörls gleichförmige Arbeiter-skulpturen in verschiedenen Signalfarben. Dieses Erinnerungsensemble verdient einen aufmerksamen Besuchstag.

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