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Niki de Saint Phalle Die Vagina-Dialoge

Eine Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim rekonstruiert Niki de Saint Phalles Theaterarbeit für Kassel.

Abguss des Bühnenbildmodells für „Lysistrata“, 1966. Foto: Frank Möllenberg, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die eigene Kunst mit Leben füllen, mit dem Publikum interagieren, diesen Wunsch erfüllte sich Niki de Saint Phalle (1930–2002), als sie 1966 das Bühnenbild für Rainer von Diez’ Inszenierung der „Lysistrata“ schuf. Ihre liegende Nana, eine der vollen, runden, bunten Frauenfiguren, die sie ab 1965 herstellte und die schon Teil eines Pariser Balletts von Roland Petit waren, wurde Spielort des ins moderne Deutsch übersetzten Stücks von Aristophanes am Staatstheater Kassel, in dem Athenerinnen und Spartanerinnen ihre Männer mit Sex-Entzug zur Raison und damit zur Friedfertigkeit gegenüber dem jemals anderen Volk bringen wollen.

Dieser Phase des Schaffens der französisch-schweizerischen Künstlerin widmet die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim mit „Niki de Saint Phalle und das Theater – At Last I Found A Treasure“ eine ganze Schau. Zu sehen sind Werke aus der Zeit von 1966 bis 1974, die den Weg de Saint Phalles an die Seite des Theatermachers Rainer von Diez (bürgerlich Rainer von Hessen) und mit ihrer Kunst auf die Theaterbühne nachzeichnet und klar macht, wie sehr dies ihr weiteres Schaffen geprägt hat.

Die Werke de Saint Phalles, wie die 1966 im Stockholmer Moderna Museet installierte Nana „Hon“ (schwedisch „sie“), wiesen sie bereits vor der zweiten Welle der Frauenbewegung 1968 als eine energische Kämpferin der Gleichberechtigung aus. Das gilt auch für ihr „Lysistrata“-Bühnenbild, wieder eine ihrer Frauenfiguren, liegend, die Darsteller gingen auch, wie die Museumsbesucher bei „Hon“, bei dieser Nana durch die Vagina ein und aus. Die Kostüme der männlichen Schauspieler bestanden unter anderem aus übergroßen, bunt bemalten Phalli – deren deutliche Sichtbarkeit das damalige Theaterpublikum zum Teil aufgebracht haben soll. Die liberale Szene sei jedoch begeistert gewesen, erzählt Beate Kemfert, Kuratorin für die Opelvillen-Stiftung.

In mehreren bunten Zeichnungen und einer in Rüsselsheim erstmals wieder zusammengestellten Serie aus sechs Blättern beschäftigt sich de Saint Phalle auf fast kindliche Weise mit den Themen Liebe, Verliebtsein und Liebeskummer. Immer wieder tauchen die von ihr bekannten Motive Vogel, Drache, Baum und Frau auf, die Bilder haben etwas Träumerisches, einer ihrer Schwerpunkte heißt nicht umsonst „Last Night I Had a Dream“. „Niki de Saint Phalle zeichnet sich unter anderem durch eine ganz wunderbar einfach Sprache und Herangehensweise an Liebe und Sexualität aus“, so Kemfert. „Ihr Verständnis und die Darstellung in ihren Bildern und Skulpturen haben nichts Pornografisches, sondern eher etwas Unschuldiges, Naives.“

Kemfert und ihr Team haben sechs Jahre an der Ausstellung gearbeitet, nur eine intensive Archivarbeit machte es möglich, die Exponate zusammenzutragen. Da sind zum Beispiel die Modelle für die „Lysistrata“-Nana, die teilweise von den Zeitzeugen – Bühnenbildnern, Intendanten – auktioniert wurden und meist mehrmals den Besitzer wechselten, ohne richtig als Kunstwerke von Wert erfasst zu werden.

Die Bühnenskulptur selbst sei wohl zerstört worden, mutmaßt Kemfert, es fehle jede Spur von ihr. Daran wird deutlich, dass die Verbindung von Kunst und Theater nicht bedeuten muss, dass eine Skulptur für die Bühne auch als ein bewahrenswertes Kunstwerk konserviert wird.

Die Kuratorin berichtet, wie angetan sich die Enkelin und Nachlassverwalterin de Saint Phalles, Bloum Cardenas, von der Ausstellung in Rüsselsheim und ihrer Erzählkraft für die Gleichberechtigung zeigte. Die Niki Charitable Art Foundation in Kalifornien, neben dem Sprengel Museum Hannover die Hauptleihgeberin der Ausstellungsstücke, wird von Cardenas geleitet. Wie Kemfert berichtet, will die Enkelin die Schau in die USA holen. „Die Ausstellung ist das, was wir brauchen in Trump-Land“, habe Cardenas ihr gesagt, um dem Sexismus des US-Präsidenten etwas entgegenzusetzen.

Opelvillen Rüsselsheim: verlängert bis 26. März. www.opelvillen.de

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