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Neuseeland auf der Biennale Secret Power - die geheime Macht der NSA

Der diesjährige Beitrag Neuseelands auf der Kunstbiennale in Venedig thematisiert die Kraft der Bilder im Kontext von staatlichen Machtansprüchen. Dabei spannt der Künstler Simon Denny einen weiten Bogen von der Macht Venedigs in der Renaissance bis zu den Geheimdienstaffären der Gegenwart.

19.05.2015 14:46
Daniel Kortschak
Der neuseeländische Künstler Simon Denny zeigt in der Markusbibliothek in Venedig Dokumente, Grafiken und Objekte rund um die Überwachungstätigkeit der NSA und ihrer Partner-Geheimdienste in befreundeten Ländern. Foto: Nick Ash

Wer dieser Tage auf dem Marco-Polo-Flughafen in Venedig ankommt, findet sich plötzlich in ungewohnt historischem Ambiente wieder: Der Boden im Ankunftsbereich ist mit prächtigen Gemälden tapeziert und sogar auf den Gepäckbändern drehen aufgeklebte Kunstwerke gemeinsam mit den Koffern ihre Runden. Schautafeln informieren darüber, wo die Werke im Original zu besichtigen sind: in der Biblioteca Nazionale Marciana, Venedigs prächtiger Markusbibliothek.

Was viele der Ankommenden wohl für Touristenwerbung halten, ist in Wahrheit Teil des neuseeländischen Beitrags zur Kunstbiennale. Während die meisten anderen Länder entweder ihre Pavillons in den Giardini bespielen oder sich in Palazzi in der Altstadt einmieten, ist Neuseeland auf dem Flughafen und in der Markusbibliothek präsent.

In seinem zweiteiligen Länderbeitrag geht der neuseeländische Künstler Simon Denny der Frage nach, wie politische Kräfte die Sprache der Bilder als Mittel zur Demonstration ihrer Macht nutzen. Die Nationalbibliothek auf dem Markusplatz ist für Denny ein Zeichen für den großen wirtschaftlichen und politischen Einfluss Venedigs zur Zeit der Renaissance. Davon zeugen neben der prächtigen und kunsthistorisch wertvollen Ausstattung auch zahlreiche einzigartige Dokumente, darunter Fra Mauros Weltkarte oder das Testament von Marco Polo.

Der Flughafen wiederum gilt ihm als modernes Einfallstor für Besucher aus aller Welt, die kommen, um die Schönheit Venedigs zu bewundern. Gleichzeitig stehe er mit dem Namen des Reisenden und Händlers Marco Polo für die jahrhundertealte Tradition Venedigs als bedeutende See- und Handelsmacht.

"Der Flughafen und die Bibliothek sind beide voller Informationen. Sie zeichnen sich durch eine visuelle und architektonische Sprache aus, die funktionalen und didaktischen Zwecken dienen", erläutert Denny. Außerdem seien sowohl der Flughafen als auch die Nationalbibliothek Gebäude mit öffentlicher Funktion, daher passe ein vom Staat Neuseeland in Auftrag gegebenes Kunstprojekt perfekt in dieses Umfeld. "Ich betrachte die beiden Orte als die Hälften eines einzigen Pavillons. Die beiden Ausstellungen sind gemeinsam konzipiert und erforschen beide die Wirkung von Wissen über die Staatsgrenzen hinweg."

Im modernen Umfeld des Flughafens präsentiert Denny die Meisterwerke aus der Markusbibliothek. Die raumgreifenden Installationen in den beiden nach Schengen- und Nicht-Schengen-Ländern getrennten Ankunftsbereichen überschreiten dabei ganz bewusst die Grenze zwischen den allgemeinen Bereichen und jenen Zonen, die nur Fluggästen vorbehalten sind. Wer nicht mit dem Flugzeug nach Venedig kommt, der kann sich diesen Teil der Installation auf der interaktiven Website des neuseeländischen Pavillons ansehen.

Im historischen Ambiente der Bibliothek am Markusplatz setzt sich der Künstler mit der modernen Form der Machtausübung durch Zeichen und Bilder auseinander. Dazu hat er unter den einzigartigen Fresken und zwischen den jahrhundertealten Globen und Landkarten Vitrinen platziert, in denen es vor Kabeln wimmelt und wo Server blinken und surren. Sie bilden mit ihrem kühlen Design und der grellen LED-Beleuchtung einen scharfen Kontrast zum prunkvollen, von warmen Farbtönen geprägten Renaissance-Interieur.

"Die Ausstellungsorte machen es 'Secret Power' möglich, Bilder aus dem 16. und dem 21. Jahrhundert in Beziehungen zu setzen, die ihre Rolle in staatlich beauftragten Projekten hinterfragen und Verbindungen zu Begriffen wie nationale Identität und Autorität schaffen", erläutert Neuseelands Biennale-Kommissarin Heather Galbraith.

Wer die prächtige Grand Sala der Markusbibliothek betritt, muss dies durch ein Tor aus zwei dieser Vitrinen tun, schreitet man hindurch, wird schnell klar, worum es hier geht: Neben den Flaggen der USA, Kanadas, Großbritanniens, Australiens und Neuseelands zeigt der Künstler Architekturmodelle der Geheimdienstzentralen aus diesen fünf Ländern, die die Five-Eyes-Alliance zu Überwachung der globalen Datenströme bilden.

In den anschließenden Vitrinen präsentiert Simon Denny Dokumente, die der Whitslebwlower Edward Snowden 2013 öffentlich gemacht hat und die belegen, wie allumfassend die Nachrichtendienste unter der Führung der US-amerikanischen NSA den weltweiten Datenaustausch kontrollieren. Dem Künstler geht es dabei weniger um die Inhalte, als um die visuelle Präsentation der zumeist als streng geheim eingestuften Unterlagen.

Zumeist handelt es sich dabei um Power-Point-Präsentationen, die offenbar zur Schulung von Geheimdienstmitarbeitern und zur Information vorgesetzter Stellen gedacht sind. Neben den üblichen Gestaltungsmerkmalen solcher Folien zeigen sie martialische Symbole und eine Reihe von Grafiken und schematischen Landkarten.

Für Denny eine klare Parallele zu den Gemälden und Globen der Renaissance, die sich dem Besucher direkt über und hinter den ausgestellten Geheimdienstakten präsentieren. "Es ist sehr aufschlussreich, diese Karten und Globen mit den Piktogrammen und Grafiken in Snowden-Dokumenten zu vergleichen", sagt Denny. Während die Bibliothek für den Erwerb und den Erhalt von Wissen in der Zeit der Renaissance stehe, zeigten die von Snowden veröffentlichten Dokumente, über welche geopolitischen Machtinstrumente die USA und ihre vier Partner heute in der Five-Eyes-Allianz verfügten, betont der Künstler.

Die Autoren der in den Geheimdienst-Dokumenten verwendeten Bilder und Grafiken bleiben meist ebenso im Verborgenen wie die Agenten, die die Inhalte für die Akten liefern. Einen von ihnen hat Denny gemeinsam mit David Bennewith, dem Ausstellungsdesigner des Biennale-Beitrags, ausfindig gemacht: Der Designer David Darchicourt arbeitete von 1996 bis 2001 für die NSA als Grafikdesigner, danach bis 2012 als Kreativchef des US-Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency.

In dieser Funktion hat er zahlreiche interne Dokumente gestaltet, aber auch Ausstellungen für das Nationale Kryptologiemuseum der USA designt. Dieses Museum am Hauptsitz der NSA im Bundesstaat Maryland ist für den Geheimdienst das "wichtigste Tor zur Öffentlichkeit", wie die NSA auf ihren Internetseiten formuliert.

Simon Denny widmet dem langjährigen Geheimdienstgrafiker David Darchicourt und den umfassenden PR-Aktivitäten der NSA mehrere Vitrinen in der Marciana. Dabei zeigt er nicht nur die grellbunten Grafiken und Infoplakate, die die Geheimdienste für interne Zwecke fertigen ließen, sondern demonstriert auch, wie die NSA schon Kinder für ihre Sache zu begeistern versucht: Unter dem Label "CryptoKids" lässt die NSA Comics, Kalender und Poster fertigen, im Internet wirbt sie auf einer interaktiven Seite mit Spielen und Malbögen zum Ausdrucken um die Gunst der Kleinen.

Diese Arbeit nahm Simon Denny zum Anlass, bei Darchicourt speziell für seinen Beitrag zur Biennale zwei Werke in Auftrag zu geben: eine Comicserie über die Tuatara, die Brückenechse, die oft als eine Art Maskottchen von Neuseeland präsentiert wird. Und eine Weltkarte, deren Mittelpunkt Neuseeland bildet und auf der die Datenverbindungen in die USA und Australien eingezeichnet sind - beides im für Darchicourt so typischen grellbunten Design, das auf eine ganz spezielle Weise mit der prunkvollen Ausstattung der Renaissance-Bibliothek interagiert.

Besonders deutlich wird dies, wenn man die Ausstellungsräume in der Markusbibliothek verlässt: Zunächst passiert man wie schon zu Beginn das aus zwei Vitrinen bestehende Portal, wo auch die von Darchicourt designte Neuseeland-Karte präsentiert wird. Anschließend findet man sich im Foyer wieder, in dem unter Tizians allegorischem Deckengemälde "Die Weisheit" Fra Mauros Weltkarte aus dem Jahr 1450 ausgestellt ist.

Und schließlich steigt man im prunkvollen Treppenhaus unter Goldschmuck und zahlreichen Fresken, die die wirtschaftliche und politische Macht Venedigs im 16. Jahrhundert illustrieren, wieder auf den Markusplatz hinunter - jenen Ort in Venedig, der wie kein anderer den Machtanspruch der untergegangenen Republik Venedig und ihrer reisenden Händler verkörpert und wo gleichzeitig die Auswirkungen des Massentourismus der heutigen Zeit am deutlichsten spürbar werden.

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