Lade Inhalte...

Nazis Raubkunst Schatz Handlanger der Nazis

Es ist der sensationellste Nazi-Raubkunstfund der vergangenen Jahre: 1500 verschollen geglaubte Werke sind wieder aufgetaucht. Und damit die Fragen, wie Cornelius Gurlitt an die Kunst kam und wem sie gehört. Eine Expertin soll die Herkunft klären.

"Löwenbändiger" von Max Beckmann - das Kunstwerk stammt auch aus dem Kunstschatz. Foto: dpa

Wieder einmal pestet uns Hitlers Tausendjähriges Reich aus der Gruft der Geschichte an. Und kein Kunstkrimi reicht bislang heran an diese unglaubliche, perfide, und in ihren letzten Zügen zugleich auch banale Geschichte – von einem ungeheuerlichen Münchener Fund, dessen Hintergrund das Magazin „Focus“ soeben der Welt präsentiert. Als geretteten Riesenschatz, geschätzter Wert: mehr als eine Milliarde Euro.

Und dies ist nun auch gleich noch die Sensation zur Sensation: Die spektakuläre Entdeckung nämlich liegt schon zwei Jahre zurück. Zoll, Polizei und Justiz, Politik und die forschenden Kunstwissenschaftler jedoch hielten bis dato die Causa Gurlitt – denn um diese namhafte Kunsthändler-Person um 1938 und deren ebenso dubios agierenden Erben, dem lediglich der Vorwurf der Steuerhinterziehung droht, dreht sich nun alles – unter Verschluss. So gar nichts drang durch, keiner sagt auch nur einen Piep, und das ist kaum zu glauben in der heutigen Medienwelt.

"Chefeinkäufer Gurlitt"

In einem neusachlichen 60er-Jahre-Apartmenthaus in München-Schwabing, in der total vermüllten Wohnung eines greisen, kauzigen Herrn namens Cornelius Gurlitt, lagerten seit Jahrzehnten 1500 während der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ verschollene Werke. Gemälde, Zeichnungen, Grafiken der heute extrem teuren Klassischen Moderne, von Picasso, Chagall, Klee, Beckmann, Matisse, Nolde, Kirchner, Liebermann, Dix, Munch, Kokoschka, Kollwitz.

Alles von diesem seit 2011 beim bayerischen Zoll deponierten Bilderberg wurde nachweislich seit 1937 von den Nazis in Museen, Privatkollektionen, aus Ateliers beschlagnahmt, von jüdischen Sammlern geraubt, als „entartete Kunst“ diffamiert, vernichtet – verhökert. Und es gab Kenner unter Kunsthändlern, die sich für diesen Bütteldienst gut gebrauchen ließen. Etwa der einst angesehene Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895–1956), Cornelius Gurlitts Vater und nach dem Krieg von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde als Nazi-Opfer anerkannt.

Denn man hatte ihn nach 1933 wegen seiner mutigen Moderne-Affinität als Museumsdirektor in Zwickau umstandslos geschasst. Später freilich wechselte Hildebrand Gurlitt die Seiten, ließ sich als dabei gut verdienender Händler diffamierter Kunst-Ware korrumpieren. Goebbels war sein direkter Auftraggeber. Gurlitt hatte die beschlagnahmten und geraubten, in München auf einer regelrechten Schandschau „in den Augen des deutschen Kulturvolkes“ verunglimpften Kunstwerke gewinnbringend zu verticken. Zudem kaufte er verzweifelten jüdischen Sammlern, die Geld für die Emigration brauchten, viele Werke der Weltkunst ab.

Hildebrand Gurlitt wurde gar zum „Chefeinkäufer“ des bizarren Projekts. Und nebenbei sicherte er sich den einen und anderen Schatz aus der Kunstgeschichte, vor allem aus der nunmehr – gegenüber seinen Auftraggebern – nur noch ganz insgeheim geliebten Vorkriegsmoderne, mit Kubisten, Expressionisten, Veristen, Realisten. Was er für sich zusammengekauft und über den Krieg hinaus versteckt hatte, gaben er und seine Familie gegenüber den Alliierten und späteren Kunstfahndern als beim Bombenangriff am 13. Februar 1945 auf Dresden vollständig verbrannt an. Fortan blieben er und sein Sohn unbehelligt, obwohl, wie sich herausstellt, 200 Werke aus dem Schwabinger Wohnungs-Fund auf internationalen Such-Listen stehen und mindestens 300 weitere sich als Bilder aus der Aktion „Entartete Kunst“ belegen lassen.

Retter oder Raffke?

Zur Razzia des bayerischen Zolls bei dem 77-jährigen Gurlitt-Sohn war es dann vor zwei Jahren gekommen, weil skeptische Beamte besagten Herrn schon 2010 im Zug von Zürich nach München mit unerklärlich viel Bargeld erwischt und daraufhin festgestellt hatten, dass der alte Mann in München überhaupt nicht gemeldet war. Nun stellt sich heraus, dass er seit Jahren Gemälde und Grafiken aus dem ominösen Fundus seines Vaters in der Schweiz zu Geld macht und auch das Kölner Kunsthaus Lempertz sich mit dem Verkauf eines verschollenen, demnach vor der Auktion nicht provenienzgeprüften Beckmann-Bildes (Löwenbändiger) mitschuldig gemacht hat.

Gurlitt senior, Retter oder Raffke? Aus der historischen Distanz und mit Blick auf jenen unglaublichen Bilder-Fund war der wohl ein gespaltener, geradezu paradoxer Mensch: inniglicher Liebhaber und Kenner der von Hitler & Co tief gehassten europäischen Vorkriegsavantgarde. Und ein verschlagener, gieriger, ruchlos auf den eigenen Vorteil bedachter Händler, der die Not verfolgter Künstler und jüdischer Sammlerkollegen ausnutzte. So wurde ein glühender Verfechter der europäischen Avantgarde zu einem Handlanger der Nazis.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen