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Nasca in Peru Die Wüste als Leinwand

Gigantische Geoglyphen und mythisch aufgeladene Keramiken: In der Bonner Bundeskunsthalle entfaltet sich die kraftvolle Kunst der längst untergegangenen Nasca-Kultur.

Museo de Arte de Lima
Tasse in Kopfform mit Gesichtsbemalung, aus der mittleren Nasca-Phase. Foto: Museo de Arte de Lima

Die Luftfahrt bietet viele Vorteile. Nicht zuletzt eröffnet sie Pilot wie Passagier schönste Ausblicke auf die Erde. So fügte es sich eines Tages in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dass eine Maschine über den Süden Perus flog. Plötzlich wurde aus himmlischer Höhe sichtbar, was auf Erden nicht zu erkennen war: Gigantische Zeichnungen auf dem Wüstenboden, sogenannte Geoglyphen. Geometrische Figuren von nie gesehener Dimension, die mal einem Kolibri gleichen und mal einem Wal, deren Linien am Horizont zu versinken scheinen oder sich in einer gewaltigen Spirale kringeln.

Die Wüste als Leinwand – das war ein neuer Ansporn, um die Kultur der Nasca zu erforschen, die zudem geprägt ist von so bunter wie bildmächtiger Keramik und von fein gewobenen Textilien. Ja, Kunst und Musik sollen prägend gewesen sein für ihren Alltag. Was Archäologen über die Zeit zwischen 200 vor Christus und 650 nach Christus ans Licht gebracht haben, wird nun anhand außergewöhnlicher Exponate in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt. Es ist ein Fest.

Die Nasca-Linien werden dem Besucher sogleich in Video-Projektionen vorgestellt. Anders als die Vorgänger-Kultur der Parasca, die große Bodenfiguren wie das „Augenwesen“ an den Hängen arrangierten, so dass diese weithin erkennbar waren, konzentrierten sich die Nasca auf die weite Hochebene zwischen Meer und Gebirge. Nicht zum Schauen waren diese Erdgravuren angelegt, sondern zum Begehen. Die größte Geoglyphe stellt ein Trapez dar und ist fast zwei Kilometer lang. Um solche Linien zu gestalten, die eher Pfaden gleichen, wurden die in der Sonne oxidierten, mit einer dunklen Schicht patinierten Steine beiseite geschafft oder umgedreht und der darunter liegende hellere Grund freigelegt. So wurde ein Bild daraus. Das war ein Projekt nicht für einen Einzelnen, sondern für eine Gemeinschaft.

Wozu die Bodenzeichnungen angelegt wurden, ist eine der beliebtesten Grübeleien der Archäologie. Einst wurde ein Kalendersystem vermutet, dann ein Fruchtbarkeitsritual oder die Nachbildung von Flussläufen – denn Wasser war in der Wüstenwelt der Nasca natürlich ein wichtiges Thema. Ahnenkult und Naturverehrung sind bei der Motivsuche auch im Rennen. Plausibel scheint aber vor allem, dass es sich um Prozessionsstraßen handelt. Entlang der Erdgravuren wurden viele absichtlich zerschlagene Keramiken gefunden, welche diese These stützen; und der festgetretene Boden ist ein weiteres Indiz für den Ritualraum auf 500 Quadratkilometern.

Nun spezifizieren die Kuratoren Cecilia Pardo vom Museo de Arte de Lima in Peru und Peter Fux vom Museum Rietberg in Zürich diese Version. Sie vermuten, dass es für die Nasca darum ging, sich in Trance zu versetzen, um höhere Kräfte zu kontaktieren. So glaubte man womöglich, sich beispielsweise in einen Kolibri verwandeln zu können, indem man sich musikalisch begleitet und unter Einnahme von psychoaktiven Substanzen auf den Kolibri-Linien der Küstenwüste bewegte. Für den Rausch der Verwandlung sorgte das Meskalin, das aus Kakteen gewonnen wurde.

Wenn Peter Fux, der selbst in Peru gegraben hat, durch die Ausstellung geht, dann blitzen seine Augen vor Begeisterung über die versammelten Attraktionen. Die Gestalten auf den Keramiken, aber auch auf den Textilien erinnern mit ihren dunklen Umrandungen, kräftigen Farben und klaren Gesten zuweilen an Comic-Zeichnungen. Besonders populär ist in diesem Figuren-Ensemble das „Anthropomorphe Mythische Wesen“, eine eigentümliche Gestalt mit Mundmaske und Katzen-Schnurrhaaren.

Ein seltener Glücksfall für die Forschung, sagt Fux, sind die Grabbündel, die dank des trockenen Wüstenklimas (das sich aktuell allerdings zum Feuchteren wandelt) gut konserviert sind. Hochgestellte Mitglieder der Gemeinschaft wurden, von äußerst fein bestickten Tüchern umhüllt, in sitzender Haltung beigesetzt.

Das wichtigste Objekt steht, so sieht es der Kurator, am Ende des Rundgangs. Da laufe alles zusammen, was der Besucher zuvor an Puzzleteilen habe aufnehmen können. Es ist das Figurengefäß eines mythischen Wesens, dem Kakteenzweige aus dem Körper treiben und ein Fluss aus dem Munde strömt. Abgetrennte Menschenköpfe kommen hinzu, die wohl keine Trophäen zur Schau stellen, sondern dem Ahnenkult dienten. Auch die Pampaskatze streicht vorbei. Eine komplexe Mythologie – ausgebreitet auf 63 Zentimetern Höhe und in einem Durchmesser von 42 Zentimetern. In der Nasca-Kultur, die keine Schriftlichkeit kannte, ersetzte eine solche Figur einen Folianten.

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