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Nachruf Willibald Sauerländer Kunsthistoriker und Bilderstürmer

Zum Tod von Willibald Sauerländer, der das genaue Hinsehen lehrte.

Willibald Sauerländer, geboren am 29. Februar 1924 im Württembergischen Waldsee, starb am 18. April in München. Seine Bücher und Aufsätze, seine Ausstellungsbesprechungen und Rezensionen haben Generationen von Kunstinteressierten nicht nur in Deutschland nicht nur das genaue Hinsehen auf die Kunstwerke, sondern ebenso das Nachdenken über sie gelehrt.

Jahrzehnte lang unterrichtete er Kunstgeschichte in München, in Princeton, Harvard usw. Er war Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste, der British Academy und der American Academy of Arts and Sciences. Er war einer der großen Mandarine seines Fachs. Von Chartres bis Rubens.

Aber er war mehr. 1964/65 wurde Willibald Sauerländer in New York neu geboren. Er entdeckte die Pop Art. Und mit ihr die weite Welt von Konsum und Werbung. Er verstand, dass es auch für einen Kunsthistoriker darauf ankommt, nicht nur die Bilder in den Museen aufzusuchen, sondern auch die zu entziffern, die von den Reklamewänden des Times Square auf uns einwirken.

Bilder, das waren von nun an für Sauerländer nicht mehr nur die Kunstwerke, sondern auch alle „neuen Formen der visuellen Kommunikation und Simulation“. Er wurde aber nicht vom Kunsthistoriker zum Bildwissenschaftler. Er verband, das war seine Stärke, beides. Gerade damit wurde er zum Vorbild und Kampfgefährten – wenn man diesen martialischen Ausdruck in einem Orchideenfach wie dem der Kunstgeschichte verwenden darf – jüngerer Vertreter des Fachs.

2004 erklärte Sauerländer: „Angesichts des Massenkonsums von Bildern drohen wir in die ästhetische Unmündigkeit, in die Idolatrie zurückzufallen, und das dürfen wir nicht zulassen. Wir brauchen daher nicht nur aus kunstgeschichtlichen und ästhetischen, sondern mehr noch aus zivilen und öffentlichen Gründen einen kritischen Ikonoklasmus der visuellen Wahrnehmung.“

Das Video, so erklärten Sauerländer und seine Kampfgenossen, sei dabei, das Argument aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Diese Entwicklung hat sich inzwischen gewaltig verstärkt und beschleunigt. Wir werden freilich nicht nur von Bildern, sondern auch von Musik überflutet. So wie es kaum einen Raum mehr gibt, in dem nicht Bilder über einen Schirm flirren, so gibt es kaum noch einen Ort ohne Lautsprecher. Schon darum, weil wir mit unserem Smartphone dafür sorgen, niemals unbegleitet nach Hause zu gehen.

Bilder bilden nicht nur ab, was ist. Sie schaffen eine andere Wirklichkeit. Das galt dem Nur-Kunsthistoriker Willibald Sauerländer einmal als der Raum der Kunst, der Schönheit. Dann lernte er – in Andy Warhols Factory und auf dem Times Square –, dass das Nicht-Wirkliche nicht darum schon Kunst ist.

Sauerländer lernte, dass die Gewalt, die von den Werken ausging, wenig zu tun hatte mit ihrem künstlerischen Wert. Es war die Gewalt der Bilder, nicht die der Kunst, die er erfahren und analysiert hatte.

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