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Nachruf auf Martin Roth Er hat die Dinge geregelt

Martin Roth ist tot. Er leitete mehrere Museen in Deutschland und war der erste Deutsche an der Spitze eines britischen Topmuseums. Eine Erinnerung an den Museumsmann.

Martin Roth
Martin Roth 2010 in Dresden vor Werken von Georg Baselitz. Foto: dpa

Spätestens seit Anfang Mai, als unser letztes großes Interview mit ihm in der Frankfurter Rundschau mit einem aktuellem Foto erschien, da war es offensichtlich: Martin Roth, dieser in aller Welt bekannte, kräftige, sportliche, rastlose Mann der Kunst und Kultur, war schwer gezeichnet. Abgemagert, bleich, aber die Augen wach.

Am Sonntagabend meldeten es erste Medien: Martin Roth ist einer unheilbaren Krankheit erlegen. Der 62-jährige gebürtige Schwabe starb, wie er es sich gewünscht hatte, in seinem von alten Bäumen umwachsenen Haus in Berlin-Dahlem; seine Frau Harriet, seine zwei Töchter und der Sohn waren bei ihm.

Er hatte im Mai, in seinem Arbeitszimmer, zu uns offen darüber geredet, wie es um ihn stand: Krebs, spät erkannt, Prognose düster. Aber er konnte, er wollte arbeiten. Gefasst, klaglos, ohne Larmoyanz und Bitterkeit sagte er, sein vorzeitiges Ende sei wohl unabwendbar. Da wäre noch so viel zu tun. Er wolle die Zeit nutzen, die ihm noch bleibe. Roth, das Energiebündel, der Durchreißer, bekannte in diesem Gespräch, dass er Demut empfinde, vor dem Leben, vor den Leistungen anderer Menschen und dem, was man gemeinhin Schicksal nenne. Mit dieser Haltung plante und arbeitete er, zunächst noch in Monatsdistanzen, dann wurden es Wochen, Tage.

Sich selbst hat er das Meiste abverlangt

Er hat die Dinge geregelt. Er ist noch einmal mit der Familie nach Vancouver gereist, in die einsame Landschaft, die er so liebte, ins alte Holzhaus. Und er hat den Kunst-Pavillon Aserbaidschans in der Lagunenstadt kuratiert und eröffnet. Er fand sogar noch Kraft für die Auseinandersetzung mit höhnenden Gegnern, die ihm diese Mission übel auslegten. Weil man nicht mit diktatorischen Staaten zusammenarbeiten dürfe. Jenen, die ihm unterstellten, er habe den Verstand verloren, entgegnete Roth bestimmt und sachlich, die Zusammenarbeit mit Museumsleuten, mit Künstlern und Galeristen gerade in autoritären Regimen sei wichtig für die Stärkung der Zivilgesellschaft. Diese Meinung vertrat er schon, als man ihm 2011, als er in Peking die Schau „Kunst der Aufklärung“ mitgestaltete, einen „Kuschelkurs“ mit dem Regime in China unterstellte.

Martin Roth dachte weiter, auch ohne Rückversicherung. Und er hatte etwas, das elektrisieren konnte. Er blickte über politische Grenzen, Zäune hinaus und hatte die Gabe, Mauern und Barrieren in den Köpfen zumindest ein wenig abzutragen. Das ifa-Institut, dessen ehrenamtlicher Präsident er am 1. Juli wurde, wird auf Roth nun verzichten müssen.

Die Zeit als Generaldirektor des Londoner Victoria & Albert Museums in London ab 2011 galt in der Museumswelt zwar als Ritterschlag, doch sie hat ihn auch aufgerieben, insbesondere die Erfahrung des Brexits. Seine empörten, verzweifelten Mails gab er rückhaltlos frei, seine Gedanken wurden auch in der FR veröffentlicht. Konsequent nahm er seinen Abschied, zog im Herbst 2016 zurück nach Berlin – ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben.

Martin Roth war ein Organisationstalent, er konnte seine Mitarbeiter motivieren, bis sie für eine Sache brannten. Er zog Fäden, überzeugte, besorgte die Finanzen. Seinen Fachleuten vertraute er und er traute ihnen viel zu. So kam das Bestmögliche zurück. Ihr Erfolg war seiner. Sein Erfolg der ihre. So hat Roth es immer gehalten.

Sich selbst hat er das Meiste abverlangt, seinen Mitarbeiten hielt er ermunternd ihre Kompetenz vor; er schätzte Fachwissen, war keiner, der es besser zu wissen glaubte. „Ich habe von meinen Kollegen immer gelernt“. Den Satz hätten sich gerade viele Dresdner Museologen, Kunsthistoriker, Restauratoren und sonstige Mitarbeiter ins Stammbuch schreiben lassen sollen. Zuerst die Leute im Dresdner Hygienemuseum, die er zu begeistern verstand, als es darum ging, die alte, verstaubte Instanz mit sensationellen populärwissenschaftlichen Ausstellungen aufzumischen.

Harald Marx, den Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister, sah Roth in seiner Generaldirektorenzeit 2001 bis 2011 gleichsam als Bruder im Geiste. Ihn und die anderen Sammlungs-Chefs der altehrwürdigen Dresdner Kunstsammlungen konnte Roth 2004 gewinnen für ein spektakuläres Ausstellungs-Opus in Jackson, Mississippi. Im Schneesturm – der Winter tobte im März über Europa und Nordamerika – flogen er und nacheinander seine Dresdner Kollegen los. 20, 30 Stunden waren sie und eine kleine Gruppe von Kunstjournalisten unterwegs – gestrandet in New York, Atlanta, Arkansas. Er schloss, morgens um fünf, jeden, der heil ankam, am Flughafen Jackson in die Arme. So kannten ihn seine Dresdner, als Mensch, der andere auf Augenhöhe behandelte, als Mutmacher, als Ratgeber. Und als Streiter für die Sache.

Sie konnten den Rastlosen nicht halten, aber sie ließen ihn ungern nach London weiterziehen. Er hat das Museumsfeld in Sachsens Hauptstadt gut bestellt. Er war gar zum Helden wider die Politbürokratie geworden, als er im August 2002, in der verheerenden Elbeflut, Tag und Nacht auf eigene Faust mit seinen Leuten die Kunstwerke aus dem Zwinger und dem Albertinum-Depot rettete, weil die Milbradt-Regierung die Feuerwehr angewiesen hatte, erst im Hotel Kempinski-Taschenbergpalais tätig zu werden.

Diese Ignoranz gegenüber dem Welterbe machte Roth so wütend, dass er „undiplomatisch“ wurde, fortan auf keinem guten Fuß mit Sachsens „Putzoberen“ stand. Das hielt ihn nicht ab, sich mit Zivilcourage der für ihn immer Völker und Menschen verbindenden Kunst zu widmen. Er traf sich mit russischen Kollegen, auch mit der gefürchteten Irina Antonowa, Kunstkommissarin der Roten Armee 1945, und Chefin des Puschkin-Museums Moskau. Ihn akzeptierte sie, selbst in Gesprächen über „Beutekunst“.

Er wird fehlen. Martin Roth, der die Institution Museum für die heutige Zeit, für die nachfolgenden Generationen entstaubte und mehrfach Chef herausragender Häuser war, in denen auch bei nicht in musealen Dingen erfahrenen Leuten die Schwellenangst vor der hehren Institution Museum verloren, wird kaum zu ersetzen sein.

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