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Museum Ludwig Köln Auf die Barrikaden

Das Kölner Museum Ludwig feiert sich, den Sammler Peter Ludwig und die Kunst, indem es all das auf die Probe stellt.

Tanz den Matisse: Das Künstlerduo Alexandra Pirici & Manuel Pelmus stellt Motive der Kunstgeschichte nach. Foto: Alexandra Pirici & Manuel Pelmus

In den Eingang hat Ahmet Ögüt einen Haufen Schrott gekippt: zwei Autowracks, Steine, viele Gemälde, darunter Andy Warhols Porträt von Peter Ludwig. Ganz so heftig, denkt man sich vor dieser Straßenbarrikade, waren die Proteste gegen das Kölner Museum Ludwig nun auch wieder nicht, und tatsächlich spielt Ögüt auch auf etwas ganz anderes an. Ihn treibt die Frage um, was denn aus der einst vielbeschworenen revolutionären Kraft der Kunst geworden ist, wozu Kunst überhaupt gut ist, wenn sie die Menschen nicht einmal davon abhalten kann, einander zu massakrieren.

Als Entree für diese Jubiläumsschau des Museums passt die Barrikade mindesten so gut wie die riesige, durchscheinende Spendenbüchse, die Christian Philipp Müller ihr gegenüber aufstellen ließ. Schließlich war der Sammler Peter Ludwig nicht nur ein Mäzen, der seine Kunst zu Hunderten auf Museen in aller Welt verteilte, sondern auch und vor allem ein gebranntes Kind. In der Nazizeit hatte Ludwig eine steile Karriere in die Führungskader der Hitlerjugend gemacht, bevor seine glühende Bewunderung in Entsetzen auch über sich selbst umschlug. Im Grunde war seine beispiellose Sammlungstätigkeit eine lebenslange Form tätiger Reue: Gerade weil er das Gegenteil hautnah erlebt hatte, wollte Ludwig daran glauben, dass uns die Kunst vor dem Schlimmsten retten kann. Und diesen Glauben wollte er mit so vielen Menschen wie nur möglich teilen.

Man könnte sich schlechtere Themen für eine Ausstellung denken als den zeitlebens umstrittenen Sammler Peter Ludwig und sein wichtigstes Museum – das Museum Ludwig in Köln. Und der Anlass ist auch noch ein feierlicher: Vor 40 Jahren schenkte Ludwig der Stadt 350 zeitgenössische Kunstwerke und machte Köln damit zur einer Hochburg der modernen Kunst. Und da das Museumsgebäude seit 30 Jahren steht, luden Direktor und Kuratoren des Museums Ludwig 25 Künstler ein, über das Haus, den Sammler und ganz allgemein über die Institution Museum nachzudenken.

„Wir nennen es Ludwig“ heißt die Schau, in der es am Anfang um das große Geld und die großen Ideale geht und die danach durchspielt, was alles zwischen diesen – unvereinbaren oder vielleicht auch untrennbaren – Polen liegt. Es beginnt mit Hans Haackes Installation „Der Pralinenmeister“, einem Klassiker der Ludwig-Kritik von 1981, in der Haacke einfach mal vorrechnet, was der Aachener Schokoladenfabrikant Ludwig durch seine großzügigen Stiftungen so alles an Steuern spart; auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken, erfahren wir, sollen nicht durchweg rühmlich gewesen sein.

Ein wenig unheimlich

Beinahe noch feucht ist dagegen das „Wirtschaftswunder“-Bild des Kölner Künstlers Marcel Odenbach. Bei ihm blickt man aus Peter Ludwigs Wohnhaus in dessen Garten und auf eine Skulptur des Bildhauers Arno Breker. Die stand tatsächlich dort, und als ob das nicht schon genügte, ließ sich Ludwig vom einstigen Vorzeigekünstler der Nazis auch noch porträtieren. Odenbach präsentiert uns dieses biografische Detail in seiner bekannten Collagetechnik: Das Motiv wird aus vielen kleinen eingefärbten Papierschnipseln zusammengesetzt, auf denen, wenn man nur nah genug herangeht, andere Motive zu entdecken sind – etwa der Warhol-„Elvis“ aus der Ludwig-Sammlung. Ein bisschen Mut erfordert es schon, hier genauer hinzusehen, denn wer weiß schon, welche Abgründe Odenbach in die Ludwig’sche Wirtschaftswunder-Welt gepflanzt hat.

Ein wenig unheimlich kam Peter Ludwig auch schon seinen Zeitgenossen vor. Allerdings weniger wegen seiner Arno-Breker-Verehrung (die keine Revision seiner Hitler-Verachtung war), sondern weil einem Museumsdirektor schon mal mulmig werden kann, wenn ihm jemand einen Lastwagen voller Picassos vor die Tür stellt. Solche Großzügigkeit will schließlich belohnt werden, und sei es nur, indem man das ganze sündhaft teure Zeug auch zeigt.

Aus diesem Grund feiert das Museum Ludwig mit seiner Schau ein drittes, sorgsam verschwiegenes Jubiläum: Vor 15 Jahren wurde das Ludwig alleiniger Herr im Haus, nachdem es sich dieses 15 Jahre mit dem Wallraf-Richartz-Museum teilte. Zur Wiedereröffnung räumte der neue Direktor Kasper König auf und nutzte die gewonnenen Freiräume, um aus dem überquellenden Sammlermuseum auch ein Haus für die Künstler zu machen. Insofern wirkt es beinahe kurios, wenn sich Königs Nach-Nachfolger Yilmaz Dziewior von seiner Künstlerausstellung nun auch eine Aufwertung der ständigen Sammlung erhofft.

Als ob die das brauchen würde. Aber schön ist doch, dass man jetzt im Ludwig von den Anfängen des 20. Jahrhunderts (der Haubrich-Sammlung) bis in die Gegenwart spazieren kann. In dieser stellt das Künstlerduo Alexandra Pirici & Manuel Pelmus berühmte Motive der Kunstgeschichte als lebende Gemälde nach und die als Gorillas maskierten Guerrilla Girls überprüfen in einem launigen Video, wie es im Ludwig mit dem Anteil weiblicher und außereuropäischer Künstler steht – so schlecht wie in beinahe allen berühmten westlichen Museen.

Mit der aktuellen Ausstellung hält das Haus nun tapfer dagegen, ohne dass etwa Candida Höfer und Rosemarie Trockel deswegen als Quotenfrauen dastehen. Höfer zeigt Fotografien der Umbauarbeiten im Ludwig aus dem Jahr 2001, Trockel tut so, als blicke sie heimlich in Arno Brekers Atelier. Einen ganzen Raum hat Gerhard Richter bestückt, Ai Weiwei schickte einen kreisrunden Turm aus Fahrradrahmen. Hier und anderswo erscheint der Bezug zum Anlass etwas dünn, da helfen auch die erklärenden Tafeln nichts. Aber grandios anzusehen sind auch diese Werke, und im Zweifelsfall wird halt, was nicht passt, passend gemacht.

Mitunter bringt sich die Kunst selbst zum Verschwinden, um die Frage nach Sinn und Zweck des Museums zu stellen. Christopher Williams hat einige Gemälde aus der Sammlung einige Zentimeter umgehängt, Pratchaya Phinthong zwei Porzellanteller an die Wand gelehnt. Sie stammen aus einer Flüchtlingsunterkunft, in der Phinthong einen Kleidertausch zwischen Flüchtlingen und Museumsmitarbeitern initiierte. Wer das nicht weiß, wundert sich, und wer es weiß, fragt sich vielleicht trotzdem, wo hier die Kunst ist. Doch genau darum geht es: Was soll Kunst, was sollen Museen, wenn die Welt an allen Enden brennt?

Auf diese Frage gibt das Museum Ludwig eine unbefriedigende und zugleich die beste Antwort, die ein Museum geben kann. Es setzt auf die Kunst als Kunst und gibt sich der Hoffnung hin, dass die Schönheit die Welt schon nicht hässlicher machen wird; und es verfällt dabei nicht dem Glauben, Museen seien Weltverbesserungsanstalten; denn dann lebten wir längst im steuerlich subventionierten Paradies.

Allein mit Steuergeldern geht es aber auch nicht mehr, dafür steht das Museum Ludwig ebenfalls. Beim Rausgehen werden die Besucher deswegen von der Barrikade zur Spendenbox geleitet. Hier stehen zwei leere Podeste, reserviert für die nächsten Stifter. Aber eigentlich sind diese doch besetzt: Peter und Irene Ludwig stehen drauf – vermutlich glücklich.

Museum Ludwig am Dom, Köln: bis 8. Januar. Der Katalog erscheint erst nach Ende der Ausstellung.

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