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Museum für Industriekultur Die Liebe zu Dampfmaschinen

Peter Schirmbeck, 75 Jahre, über das von ihm geschaffene Museum für Industriekultur in Rüsselsheim und über den immer wieder neu entstehenden Zusammenhang von Technik und Gesellschaft.

Industriekultur
Hier ist es ein Ingenieur, der die Eingeweide einer Eisenbahn inspiziert. Foto: rtr

Herr Schirmbeck, die Epoche der Industrie ist zu Ende. Die Epoche der Museen für Industriekultur hat begonnen.
Nein, nein. Ich glaube nicht, dass irgendwann einmal die dreidimensionalen Objekte, die wir zum Leben brauchen, alle aus dem Computer kommen werden. Sie werden weiter weltweit in großen Fabriken gefertigt werden. Von Robotern, aber auch weiter von Menschen. Das Zeitalter der Industrie ist noch lange nicht zu Ende. Auch der Grundkonflikt, den es in der Industrie gibt, wird wohl weiter bestehen.

Was meinen Sie damit?
In Ironbridge, einer der Geburtsstätten der Industrialisierung in den westlichen Midlands Englands, traf ich im Industriemuseum auf einen Unternehmer-Brief von 1873. Darin teilt er einem anderen Unternehmer mit, dass seine Eisenschmiede-Leute dabei sind, eine Union zu schmieden. Er schreibt dann weiter, das Beste sei wohl, sie bei der nächsten passenden Gelegenheit los zu werden. Dieser Konflikt zwischen Unternehmern und Arbeitern ist bis heute nicht verschwunden.

Was tun?
Ich wohne in der Nähe der Technischen Universität Darmstadt. Dort stellen Wissenschaftler und Studenten regelmäßig neue Roboter vor. Meine Güte, warum stellt keiner mal eine Lösung vor, wie wir aus dem Antagonismus von Kapital- und Sozialinteressen herauskommen! Siemens macht zur Zeit Milliardengewinne und entlässt Tausende. Das geht doch so nicht weiter. Ich jedenfalls will nicht, dass es so weitergeht. Ich habe noch nie gelesen, dass sich irgendwo eine Universität mit Professoren und Studenten daran macht, ein Wirtschaftssystem auszuarbeiten, in dem der technologische Fortschritt und die Interessen der Menschen übereinkommen.

Wie ging es los mit dem Rüsselsheimer Museum?
Ich hatte gleich am Anfang großes Glück. Ich fand im dortigen Heimatmuseum unter vielen Papieren drei alte Belegschaftsfotos. Das ältere von 1876 stammte aus den Anfangszeiten der Fabrik. Es zeigte stolze, selbstbewusste Männer – noch in handwerklicher Tradition. In der Mitte steht eine Nähmaschine. Das war das erste Produkt der Opelwerke. Das Foto strahlt Stärke, Stolz, Identität aus. Die beiden Fotos von 1902 – Opel wurde vierzig Jahre alt – zeigen ganz andere Menschen. Keine Spur mehr von Identität und Stolz. Die Arbeiter stehen ausdruckslos neben einander. In den Händen nur noch die Einzelteile von Nähmaschinen und Fahrrädern. Innerhalb zweier Jahrzehnte hat die Industrialisierung die Menschen völlig verändert. Ich war geschockt und „elektrisiert“ zugleich.

Erklären Sie das bitte.
Es ist etwas anderes über „Entfremdung“ zu lesen oder sie den Menschen veritabel anzusehen, in Fotografien. Das hat mich erschreckt. Aber ich war natürlich auch glücklich, weil ich etwas in Händen hielt, mit dem sich ein neuer Typus von Industriemuseum entwickeln ließ.

Inwiefern neu?
Ich liebte Dampfmaschinen und Flugzeugmotoren in Industriemuseen. Aber ich war der Auffassung, dass ein Industriemuseum, das sich auf die Geschichte der technischen Innovationen beschränkte, einem die Seite, um die es eigentlich ging, die menschliche und soziale, vorenthielt. Die Industrielle Revolution war mehr als neue Technik, sie war verbunden mit tiefgreifenden Umbrüchen für die Menschen in der Arbeitswelt. Das sollte mein Museum zeigen, dass die Industrialisierung nicht nur gibt, sondern auch nimmt. Das war neu. Neben der Dampfmaschine brachten wir eine Drehwand an mit der Aufnahme der lebensgroß vergrößerten Arbeiter von 1876. Drückte man auf einen Knopf, waren – ebenfalls riesig – nacheinander die Fotos von 1902 zu sehen. So stand man vor der Maschine und sah was während sie rotierte, innerhalb von nur zwei Jahrzehnten aus den Menschen geworden war.

Dafür gab es den Museumspreis des Europarates.
Das war schön. Aber noch schöner war, dass Rüsselsheim Schule machte. Wir zeigten, dass die Industrie den Menschen millionenfach Produkte gibt, dass sie aber durch die Art wie diese hergestellt werden, den Menschen Stolz und Identität nimmt und wir machten die bisher tabuisierte industrielle Arbeitswelt zu einem festen Bestandteil von Industriemuseen. Schon als ich in den siebziger Jahren das Museum in Rüsselsheim aufbaute, wollte ich nicht nur „vor Ort“ ein Museum einrichten, in dem Technik und industrielle Arbeitswelt zusammen zu sehen waren, sondern ich wollte, dass die neue Konzeption ausstrahlte, sich durchsetzte. Das ist eingetreten. Natürlich hat mich das gefreut. Der damals beste Kenner der Industriemuseen weltweit, der Erfinder des Begriffs „Industriearchäologie“ Kenneth Hudson, bescherte uns den Museumspreis des Europarates und machte uns in seinem Buch „Museums of Influence“ als das erste Museum der Welt bekannt, das die Technik in ihren sozialen Kontext stellte.

Hat diese Geschichte etwas mit der Revolte von 1968 zu tun?
Ich weiß nicht, ob sie direkt etwas mit „68“ zu tun hat. Aber mein soziales Engagement, meine Vorstellung, dass die Menschen, die in der Industrie arbeiteten, nicht vergessen werden dürfen, dass sie dargestellt und gewürdigt werden müssen, das passte hervorragend in die 68er Zeit. Ich habe 1968 Soziologie in Frankfurt   studiert. Ich war sozial engagiert, hasste Ungerechtigkeit meinen Lebtag und erlernte bei der „Neuen Bühne“ der Universität kreatives Inszenieren. So konnte ich Technikbegeisterung und soziales Engagement beim Museumsaufbau zusammenbringen. Das war mein Glück. Dazu kam, dass die Firma Opel unsere Arbeit dreißig Jahre lang großzügig unterstützte. Was immer ich an Maschinen brauchte, Opel stellte sie mir zur Verfügung.

Als Sie damals Technik und Gesellschaft zusammenbrachten, wussten Sie, dass Sie die Museumslandschaft verändern würden?
Natürlich wusste ich das. Und natürlich  hatte ich auch Angst, man würde mich als Marxisten an die Wand nageln. Aber es kam anders. Das Museum war ein riesiger Erfolg. Die Besucher aus Rüsselsheim sagten: „Das ist ja gar kein richtiges Museum, da kommen wir ja vor.“ Die Unesco stellte das Museum international vor und die drei Fotos der Arbeiter gingen um die Welt. Zehn Jahre lang kamen Museumsleiter aus ganz Europa, um die neue Konzeption kennenzulernen und für viele neue Industriemuseen wurden wir das Vorbild.

Sie machen auch Kunst...
Ja. Ich komme aus einer künstlerischen Familie. Meine Großmutter war Malerin, mein Vater war Schriftsteller. Ich bin jemand, dem es nie genügt hat, zu lesen und zu lernen. Ich musste immer daraus auch etwas Kreatives machen. Die Kunst, die ich mache, hat zu tun mit meiner Arbeit. Ich habe auch privat alte Maschinen gesammelt.

Wie Jean Tinguely?
Ja, ich habe sie neu zusammengesetzt und kinetische Objekte gebaut. Zum Beispiel habe ich eine Seilflechtmaschine so umgebaut, dass sie ein „Ballett des Industriezeitalters“ aufführen konnte.

Wo sind die Objekte jetzt?
Die meisten in meiner zum Atelier umgebauten Garage.

Sie verkaufen nichts?
Doch, doch. Eines meiner schönsten Objekte, der „Maschinen-Mensch“, war ein Fernschreiber von SEL. Den Schreibkopf habe ich mit Augen versehen und wenn der Wagen zurückfährt, dann macht er Krach und bekommt knallrote Ohren. Das sind alte VW-Winker, die dann hervorkommen. Der Text, den er schreibt, ist eine Collage aus bürokratischen Vorlagen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die kann der Besucher abreißen und mitnehmen. Dieses Objekt hat das Frankfurter Museum für Kommunikation angekauft.

Als Museumsleiter zeigten Sie, wie die Technik die Gesellschaft veränderte. Als Künstler zeigten Sie, wie ebenso unbeabsichtigt, die Technik Kunst produzierte.
Mich hat immer interessiert, etwas aus dem zu machen, das die anderen wegwerfen. Schon als Kind sammelte ich aus der Eschach, was mir interessant vorkam und machte etwas daraus. Meine Mutter meinte: „Der Peter hat Gold in den Händen.“

Das war in Ihrer Kindheit,was treibt Sie jetzt um?
Die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens durch die Industrialisierung, die mit der Dampfmaschine begann. Sie sollte das Wasser aus den Bergwerken heben – jetzt hebt sich der Wasserspiegel der Ozeane – das müssen wir in den Griff bekommen.

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