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Museum der Weltkulturen Ferne Lichter, die unsere Welt erhellen

Das Museum der Weltkulturen ist eine Sammlung von mehr als 67.000 Objekten. Ein Schatz, den die Stadt zu ignorieren scheint. Die Ausstellung "Being Object. Being Art" macht dem höchst imposant ein Ende. Von Arno Widmann

Dieses Kultpferd aus Indonesien war bis 1990 in Gebrauch. Foto: Museum der Weltkulturen

Das Museum der Weltkulturen ist kein Ort des Ethnokitsches, keine Kanzel von der aus gepredigt wird: Völker liebet einander! Das Museum der Weltkulturen ist auch nicht ein Ort, an dem mal dieses, mal jenes aus der großen weiten Welt ausgestellt wird. Das Museum der Weltkulturen ist vor allem eine Sammlung von mehr als 67.000 Objekten aus Afrika, Asien, Nord- und Südamerika, Australien und Ozeanien. Es ist ein Schatz, den die Stadt seit Jahrzehnten zu ignorieren scheint.

Die Ausstellung mit dem sperrigen Titel "Being Object. Being Art" macht dem höchst imposant ein Ende. Sie zeigt Meisterwerke aus den Sammlungen des Museums. Sie lenkt den Blick auf die Ästhetik der Objekte und klärt - richtig genutzt - auch auf, über deren Funktion. Aber der überwältigende erste Eindruck ist der, der künstlerischen Brillanz. Das beginnt mit einem fast dreieinhalb Meter langen und zweieinhalb Meter hohen hölzernen Kultpferd aus Indonesien. Auf ihm sitzt der Klangründer. Bis 1990 war diese Figur in Gebrauch. Als das alte Kultgebäude abgerissen und ein neues gebaut wurde, wurde auch eine neue Kultfigur in Auftrag gegeben. Die alte Figur wurde in den Kunsthandel in Bali gegeben.

Neben monumentalen, den Besucher durch ihre übermächtige Präsenz beeindruckenden Prachtstücken, gibt es winzige Arbeiten wie zum Beispiel einen nicht einmal 4 Zentimeter kleinen Angelhaken aus Samoa. Der Blinker aus Knochen hat die Form eines Hais. Beängstigend prägnant, wenn man ganz nahe heran geht. Das wird einem in der Ausstellung freilich nicht gelingen. Da hilft das Foto im Katalog.

Es macht einen nicht unwesentlichen Reiz dieser Ausstellung aus, dass sie Stücke, die auf dem Kunstmarkt mehr als eine Million Euro bringen würden, neben Arbeiten stellt, deren ästhetischer Wert noch keinen Marktpreis hat. Es gibt allerdings keinen Raum, in dem nicht Arbeiten für insgesamt mehrere Millionen Euro zu sehen sind. Mit dieser Ausstellung hat das Museum der Weltkulturen den Frankfurtern eine ihnen bisher unbekannt gebliebene Schatztruhe geöffnet. Sie tun gut daran, sie sich anzusehen und sie aufzunehmen in den Speicher ihrer Erinnerungen. Der Laie wird möglichweise an dem Bogenhalter aus dem Kongo vorbeigehen. Er ist 1,2 Millionen Euro wert. An dem Thron aus Kamerun wird er mit Sicherheit stehenbleiben: eine 176 cm große Männerfigur, die das Metropolitan Museum in New York schon gebucht hat für eine seiner nächsten Ausstellungen. Dort wird auch die zu diesem Mann gehörende Frau zu sehen sein. Sie steht heute im Seattle Art Museum.

Man kann durch diese Ausstellung auch gehen und suchen nach dem, was über die Geschlechterbeziehungen zu erfahren ist. Da ist zum Beispiel eine fast viereinhalb Meter lange Kette aus 18-karätigem Golddraht, die bei festlichen Anlässen von Würdenträgern in Ostindonesien getragen wurden. Sie wurde mehrfach um Hals und Brust geschlungen, so dass die Endstücke auf der Brust auflagen. Sie sind aus Goldblech. Einmal ist ein Hengst mit einem auf ihm stehenden Mann zu sehen und das andere Mal eine Stute mit einer auf ihr stehenden Frau. Die Kette vereinigt also Männliches und Weibliches. Der sie tragende Würdenträger muss es verstehen, diese und die anderen polaren Gegensätze einer Gesellschaft miteinander zu verbinden.

Die Kette ist nicht nur Kunsthandwerk. Sie symbolisiert etwas. Sie ist das Bild einer gelingenden Gesellschaft. Zu der gehört die Domestizierung der Natur, dargestellt in der Dressur der Pferde. Das sind die Gedanken eines Besuchers. Ob es die der Handwerker, ihrer Auftraggeber und die der Nutzer dieser Kette waren - ich weiß es nicht.

Wen das Verhältnis der Geschlechter interessiert, der wird an der Mastgabel aus Melanesien nicht vorbeigehen können. Sie wurde eingelassen in den Segelbaum und diente der Führung der Taue. Man erkennt einen Frauenunterkörper mit Scham und Klitoris. Die Taue wurden über diese Klitoris geführt. Der Teil der Gabel, der in den Segelbaum eingelassen wurde, hat die Form eines Penis. Sodass das ganze Objekt, wie es jetzt - gewissermaßen auf den Kopf gestellt - in der Ausstellung zu sehen ist, ein Doppelgeschlechtswesen ist, eine Figur, in der Männliches und Weibliches ganz funktionell und auch ein wenig obszön zusammengebracht wurden.

Auf keinen Fall sollte man an einer zwar fast drei Meter hohen, aber doch einigermaßen schäbig aussehenden Holzgabel aus Ostindonesien vorbeigehen. Sie ist eine Himmelsstütze. Die ersten Menschen mussten, um auf der Erde leben zu können, erst einmal den Himmel von ihr wegrücken, das Firmament in die Höhe heben. Dazu verwendeten sie Holzstützen. Der biblische Gott hatte das gleiche Problem, aber in seiner späteren priesterschriftlichen Fassung war er kein Handwerker mehr und löste es so: "Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag." So führt uns ein unscheinbares Stück Holz aus Desa Leré - dorther stammt auch das Kultpferd vom Beginn der Ausstellung - zurück in unsere eigene Geschichte.

Es ist ein Licht, das von ganz fern unsere Welt erhellt, uns sie besser erkennen lässt. Sieht man im Katalog nach, wird man die beiden Figuren erkennen, in die die Spitzen der Gabel münden. Ein Mann und eine Frau. Stammvater und Stammmutter der Menschheit. Sie waren es, die Erde und Himmel trennten. Sie taten es gemeinsam. Gemeinsam schufen sie eine Welt, in der wir leben können.

Ein Symbol für das, was die Ausstellung und unsere Beschäftigung mit ihren Objekten sein könnte, ist eine Maske aus Guatemala. Wer sie von vorne betrachtet, sieht einen gelockten Spanier mit Schnurrbart. Wer sie von der Seite aus sieht, der erkennt ein typisches Maya-Gesicht. Man kann also Täter und Opfer zusammenbringen. Man muss es sogar.

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