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Museum Angewandte Kunst Meine Marken-Kuckucksuhr

Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt gestaltet anhand von Richard McGuires Comics „Here“ die Ausstellung „ZeitRaum“.

Aus Richard McGuires „Here“: In ferner Zukunft. Foto: Pantheon Books, New York 2014

Richard McGuires unüberschaubares, zugleich ja extrem einfaches Comic „Here“ arbeitet mit Zeitsprüngen in immensen Dimensionen, von 10 000 v. Chr. nach 1915, von 500 957 406 073 v. Chr. nach 2027. Jede Doppelseite spielt aber an derselben Stelle, im selben Zimmer (sobald es Zimmer gab), so dass der Titel glasklar ist. Der Raum verändert sich also ungeheuer, auch auf den Seiten gibt es noch Schlupflöcher mit kleinen Ausschnitten aus anderen Zeiten. Alles ist genau datiert.

Hinlänglich begeistert wurde schon darüber berichtet, zumal das Buch seit dem vergangenen Jahr auch auf Deutsch erhältlich ist (im Dumont-Verlag). Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt aber ließen die offenkundig hausrelevanten Themen nicht mehr los – der gewaltige Zeitraum im winzigen Zimmer, die Flottheit und doch Sorgfalt, die der Amerikaner McGuire in Interieur, Design, die Visualisierung eines Zeitgefühls (und Zeitgeistes) legte.

Die Folge ist nun „ZeitRaum“, eine „sinnliche Mehrgenerationen-Ausstellung“ (Direktor Matthias Wagner K): Im Mittelpunkt steht der dreidimensionale – na ja: geschichtete – Nachbau von drei McGuire-Einrichtungen, die im Laufe der nächsten Monate durchaus zur Bühne werden sollen. Menschen als Akteure und Posierende können sich aber auch ohne Anleitung in Szene setzen. Alles ist erlaubt, erklärt Kurator David Beikirch, „auf eigene Gefahr“ jedenfalls, wie man liest – nur unversehrt müssen die Räume sein, wenn man sie wieder verlässt.

Dazu Werke von zwei anderen Künstlern, die sich ebenfalls besonders direkt mit den Verbindungen von Zeit und Raum, der Sichtbarmachung von Zeit beschäftigt haben: Leanne Shapton, indem sie auf ihren „A9 paintings“ entlang der Strecke zwischen Berlin und München sich aquarellierend orientiert (2015).

Spektakulärer ist Carl Burtons Animationsfilm „Shelter“ (2012), in dem ein Raum in einen rasenden Sog gerät. Die rührende Lokomotivenzeitmaschine, von der aus man sich den Film anschauen kann, lässt nur darüber spekulieren, an welche Generation hierbei gedacht wurde.

Der interessanteste Teil der Schau, sofern man sich nicht spontan vor den Büffel lagern oder an einem der Workshops teilnehmen möchte, ist aber der Parcours auf der Rückseite. Hier haben die Ausstellungsmacher selbst ein paar Räume eingerichtet und mutig Jahreszahlen zugeordnet. Zweifellos wurden die Parzellen mindestens so sehr aus ihren Privathaushalten wie aus dem Fundus des Museums bestückt. Dass kein Glas sie schützt, schützen soll, schränkte die Möglichkeiten ein.

So wirkt das Ergebnis zwar auf den ersten Blick recht schlicht – wobei die Kriegskasse von 1565 schon dazu angetan ist, die Fantasie anzuregen und daran zu erinnern, wie grauenhaft schwer Gegenstände früher waren. Dennoch fordern die Minieinrichtungen aber dazu auf, sie mit den eigenen Vorstellungen abzugleichen.

Fühlt man sich im Zimmer des Jahres 1989 (Kassetten, Alessi-Kuckucksuhr) nicht weit mehr zu Hause als im Zimmer des Jahres 2014 (Beistelltisch „Gello“, Wanduhr „Catena“, Regal „Bookworm“)? Muss es nicht erst recht nachdenklich machen, dass einer anderen Besucherin auffällt, dass das 2014er-Zimmer ganz 90er-Jahre-mäßig eingerichtet ist? Für neue Entwürfe sei er offen, betont Beikirch.

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