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Munch in Norwegen Es war sein Himmel dort oben

Vor der großen Ausstellung in Frankfurt: Auf der Spur des besitzergreifenden Malers Edvard Munch in Norwegen.

Edvard Munch. Zwei Menschen. Die Einsamen. 1905. Foto: Schirn. Pressefoto (VG Bildkunst)

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Dass Edvard Munch und seine Bilder in und um Oslo zum Leben gehören, dokumentiert nicht so sehr der kleine aufblasbare Schrei im Fenster und auch nicht der Briefkasten im Schrei-Design. Würde das bei uns verkauft, fände es ebenfalls sofort Abnehmer. Wer wissen will, wie es sich mit Munch lebt, geht stattdessen in die Schokoladenfabrik Freia. Hier gibt es eine Kantine, die mit einem Fries aus zwölf großen Bildern Munchs ausgestattet ist.

Unter den Bildern sitzen die Angestellten mit ihren Hygienehäubchen und essen Fischhappen. Auf den Bildern winken Frauen Segelbooten zu, gießen Blumen, pflücken Obst, während immer auch das Meer zu sehen ist. Und häufig massive Munch-Sonnen, deren tiefer Stand sie mit der Spiegelung im Wasser zu umgedrehten Ausrufezeichen macht. Dabei herrscht eine Ruhe, die man mit stiller Heiterkeit verwechseln könnte, die aber doch eher tiefe Verschwiegenheit ist.

Bilder wirken wie rasch gemalt

Die Bilder wirken wie rasch gemalt, manchmal ist die Farbe gelaufen, aber mit Flüchtigkeit hat das nichts zu tun. Etwa anderthalb Jahre lang arbeitete Munch an dem Auftrag für die damalige Frauenkantine, den er Anfang der zwanziger Jahre sofort angenommen hatte (Munch, den schnell Entschlossenen, trifft man in Norwegen immer wieder). Ihr heutiger Standort – auch für Männer – ist nicht mehr der ursprüngliche, wurde aber noch unter Munchs Aufsicht eingerichtet.

Nur das Oberlicht und das Glas zum Schutz der Bilder kamen später dazu, und der gelbe Klops, an den das Menü gepinnt wird. Ein Museumssaal für die Belegschaft. Und der einzige Platz der Welt, an dem sich trotzdem eine panoramagroße Melkesjokolade-Reklame in einen Munch-Fries zwängen darf.

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Das Gegenstück zum Freia-Fries findet sich mitten in der Stadt in der Aula der Universität. Richard Strauss soll stumm staunend davor gestanden haben, als er hier dirigierte. Der heutige Besucher kann das nachvollziehen und sich angesichts der gigantomanischen Sonne, die von sinnfälligen Darstellungen zur Wissenschaft umgeben wird, doch nach der privaten Sphäre der Schokoladenfabrik sehnen. Pathetischer ist Munch nicht mehr geworden, größere Leinwände – kaum zu glauben, dass das keine Wandmalerei ist – hat er nicht bemalt.

Allerdings ist nicht auszudenken, was daraus geworden wäre, wenn nicht er den Auftrag bekommen hätte. Scheu schwülstige Entwürfe sind dokumentiert, nach der Unabhängigkeit von Schweden 1905 suchte Norwegen nach seinem Nationalismus.

Munch obsiegte dabei in einem Wettbewerb, zu dem er zunächst gar nicht eingeladen worden war. Mit einiger Energie und unter Ausnutzung seiner internationalen (hier: deutschen) Kontakte brachte er sich in Stellung. Man muss sich den neurotischen Einzelgänger unbedingt auch als Strippenzieher in eigener Sache vorstellen.

Munch ist überall spürbar

Zwei Dinge begreift man früh, wenn man in Oslo und seiner Umgebung nach Munch sucht und ihn überall findet. Wie unvermittelt die komplizierten Arbeiten dieses überaus komplizierten Malers ihre Wirkung entfalten. Wie konkret die universellen Traumlandschaften in dieser Gegend verankert sind. Es mag sehr schwierig sein, im ruhigen tiefen Hintergrund des „Schreis“ den heutigen, abends spektakulär verglitzerten Blick von Ekeberg aus auf die Stadt wiederzuerkennen. Und doch machte Munch hier die ersten Skizzen. In Asgardstrand am Oslofjord, wo Munch ein winziges, aber begehrenswertes Sommerhäuschen hatte, schneit es jetzt dermaßen, dass es unmöglich ist, sich Farben vorzustellen. Aber dort taucht der Landungssteg auf, auf dem „Die Mädchen auf der Brücke“ stehen.

Seine Bilder gehören in diese Umgebung. Dem Künstler selbst stellte sich das aber umgekehrt dar: Diese Umgebung gehörte in seine Bilder. Ebenso poetisch wie rabiat schildert er (in der dritten Person) in einem Notizbuch seine Ankunft in Asgardstrand und die Inbesitznahme nicht nur des Landes, sondern der Welt: „Niemand störte ihn hier – es war sein Besitz ... und draußen im Garten waren seine Bäume – Steine – Vögel – der Strand – und das Wasser, das über die Steine ging – es war sein Himmel dort oben – und es waren seine Sterne.“

Ingebjorg Ydstie, Chefkustodin des Osloer Munch-Museums, beschreibt, wie Munch sich mit dem umgab, was er zum Malen brauchte: Frauen, Tiere, Natur. Während er auf Reisen war, bekam seine Schwester genaue Anweisungen, welche Apfelsorten sie etwa in Ekely anpflanzen sollte. Dort, in seinem Anwesen bei Oslo, hatte er Pferde, die er – selbst kein Reiter – eher wie Hunde hielt, aber gerne malte.

Anders als sein Zeitgenosse Knut Hamsun, so Ydstie, habe Munch nicht ländlich gelebt, um mit seinen Händen die Erdschollen zu bearbeiten. Er habe ländlich gelebt, um seine Bilderwelt zu arrangieren. „Die Welt war ihm ein Modell, das er einrichtete, wie er es brauchte.“

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In Ekely kann der Besucher heute nichts mehr davon ahnen. Allein das Ateliergebäude steht noch, in dem sich Künstler einmieten können. Paul, der hier seit fünf Jahren arbeitet, liebt die Lichtverhältnisse im Winteratelier.

Das wäre sicher auch ein prächtiger Ausstellungsraum (eher nicht, meint Paul). Das Wohnhaus wurde nach Munchs Tod abgerissen, vom Garten ist nur ein Hang für schlittenfahrende kleine Osloer übrig. Dann geht das Gelände in vergleichsweise günstige Künstlerhäuschen in Toplage über, die nicht darüber hinwegtrösten können, dass diese Munch-Welt so restlos entfernt wurde. Es herrscht eine gewisse Verlegenheit. Das Gebäude sei baufällig gewesen, heißt es, und alle hoffen, dass sich im großen Munch-Jahr 2013 etwas tun wird. Alle, außer Paul vielleicht.

Als Munch 1944 starb, lagerten im Winteratelier – einem ordentlich großen, nicht riesigen Raum – praktisch alle seine Bilder, erzählt Ingebjorg Ydstie. Im Magazin des Munch-Museums wirkt das ganz unwahrscheinlich angesichts von 1100 Gemälden, 4500 Zeichnungen und rund 18.000 Grafiken.

Nicht zu reden von den Dutzenden Skizzenbüchern, die hier aufbewahrt sind. Auf einem Regal steht Munchs Filmkamera herum.

Ausstellungen zeigen nur einen Bruchteil

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Das Museum kann zwar am laufenden Band Ausstellungen aus dem Hut zaubern, aber nur einen Bruchteil der Sammlung dauerhaft präsentieren. Pläne für einen Neubau sind vor wenigen Monaten an der Standortfrage gescheitert. Wie es ist, kann es allerdings nicht gut weitergehen.

Übersichtlicher ist die Situation in Asgardstrand. Die Gemeinde kaufte das Häuschen nach Munchs Tod sofort, um es als Museum einzurichten. Beziehungsweise um es so zu lassen, wie es war: die braune Rankentapete, die auf Munchs Selbstporträts zu sehen ist; das Mobiliar des ehemaligen Fischerhauses, Alkohol- und Medizinflaschen; die Einschusslöcher.

Im erwähnten Notizbuch schreibt Munch: „Ich hatte mir einen Revolver gekauft, es amüsierte mich, auf ein Ziel in der Küche zu schießen ... “. Auch der Kampf mit seiner Geliebten Tulla Larsen fand hier statt, bei dem eine Kugel Munchs linke Hand verletzte.

Die Führerin kocht ganz guten Instantkaffee – Norweger scheinen generell darauf eingestellt zu sein, Vorbeikommende mit dem Nötigen zu versorgen –, während man überlegt, dass sich hier unfassbare Szenen abgespielt haben müssen. Da ist auch die Veranda, die Munch anbauen ließ und vor der die Kombattanten auf „Der Kampf“ zu Boden gehen: Munch und sein Kollege Ludvig Karsten, mit dem er 1905 in eine Schlägerei geriet.

Die Landschaft, die Munch sein eigen nannte, zeigt sich davon ungerührt. Der verschneite Garten fällt ab zum Wasser mit steinigem Ufer (dem Ufer der „Melancholie“-Bilder). Ob so viel Gleichmut beruhigt oder provoziert, schwer zu sagen.

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