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Mullican-Ausstellung Alles auf einmal – und was daraus folgt

Für seine Ausstellung im Pirelli Hangar in Mailand hat der amerikanische Künstler Matt Mullican 6000 Objekte zusammengetragen. Sie veranschaulichen Perfektion, Beliebigkeit und der Verlust des Zusammenhangs.

Mullican
Ein Teil der von Matt Mullican gestalteten Räume im Pirelli Hangar Bicocca. Foto: Courtesy dell’artista e Pirelli HangarBicocca, Milano/ Foto: Agostino Osio

Als ein Schauplatz der Kunst hat der „Pirelli Hangar“ im Mailänder Stadtteil Bicocca jedenfalls in Europa nicht seinesgleichen. 2004 eröffnet mit dem auf Dauer eingerichteten Ensemble der monumentalen „Sieben Himmlischen Paläste“, einem Hauptwerk von Anselm Kiefer, das er inzwischen erweitert hat um fünf großformatige Bildwerke, bietet die enorme Anlage, bis zu ihrer Umwidmung eine Fabrik für Lokomotiven, ebenerdig insgesamt 15.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, bei einer Raumhöhe von nahezu dreißig Metern. Allein schon die Kiefer hier gewährte Entfaltung macht den Hangar international hinsichtlich der Kunst der Gegenwart zu einer Attraktion erster Güte – es werden dem Publikum aber außerdem regelmäßig Präsentationen auch noch anderer aktueller bildender Kunst vorgeschlagen. 

Für die eingeladenen Künstler unumgänglich ist dabei allerdings, der Dimension des Schauplatzes, wie es Kiefer gelingt und etwa Richard Serra, Marc de Suvero oder Bernard Venet gelingen könnte, mit ihren Arbeiten zu entsprechen. Es ist eine Bedingung, welcher der 1951 im kalifornischen Santa Monica geborene Matt Mullican als Angebot einer Retrospektive, also des Blicks auf fast ein halbes Jahrhundert seines künstlerischen Wirkens gern akzeptiert und nachgerade im Übermaß erfüllt hat. 

Im Übermaß: Die Ausstellung umfasst die kaum vorstellbare Anzahl von 6000 Arbeiten. Vielleicht kann tatsächlich nur einer mit dem ewigen Sommerwind der amerikanischen Pazifikküste im Haar und spontaner Unbedenklichkeit im Sinn einen solchen Irrwitz planen und verwirklichen. Schwer zu sagen, wie viele Wochen es erforderte, bei täglichem Besuch, jedem der einzelnen Exponate einen Moment der Aufmerksamkeit zuzuwenden. Eine Wohnung in Mailand müsste her, mindestens ein Zelt vor dem Hangar. 

Aber würde solcher Aufwand sich überhaupt lohnen? Seine Bedeutung hat das Projekt vor allem, nach den Eindrücken allerdings nur eines Nachmittags, als Versuch der Kennzeichnung eines kulturpolitisch und zivilisationsgeschichtlich bemerkenswerten Zustands. Was ist zu sehen? Dem Anspruch Mullicans folgend, muss die einfache Antwort lauten: im Prinzip alles. Er wagt – was so, und das weiß er natürlich, nicht einmal ansatzweise noch möglich ist – die aristotelische Universalität einer Erfassung und Darstellung von einer immensen Vielfalt all dessen, das nicht nur die reale Welt, sondern auch die eigene Imagination zu bieten haben.

Die Formate des Materials dieser Einsammlung von Weltstoff, von Mullican teils selbst (nach)gebildet, teils auch als objet trouvé fertig vorgefunden, reicht vom Kleinsten ins Große, von winzig zarten Gebilden aus Glas, bis zu riesigen, aus der Höhe des Raums herunterhängenden Bannern mit rätselhaften Zeichen und ausgreifenden Tapisserien, die mitunter kunsthistorische Motive paraphrasieren, von Gerätschaften des alltäglichen Gebrauchs und einer Kollektion alter Maschinen in Originalgröße bis zu Skizzen und Modellen von Stadtzentren oder einzelnen architektonischen Entwürfen.

So unterschiedlich die Formate und so vielteilig die Belege für Kants „Mannigfaltigkeit des Seienden“, so unterschiedlich sind auch die Techniken, der die vorgeführten Dinge ihre Erstellung verdanken. Mullican ist offenbar nicht nur ein extrem seiner Umgebung zugewandter Zeitgenosse, sondern als Macher auch ein Alleskönner. Es gibt vermutlich kaum einen Gegenstand, den er nicht nachzubauen sich zutraut. Glas, Stein, Holz, Stahl, Draht, Plastik, Lichtröhren – was ihm auch unterkommt, wird ihm zum Mittel. Sogar Farben, mit denen er gegenständlich oder auch abstrakt Leinwände freilich mehr bepinselt, als sie wirklich zu Bildern werden zu lassen. Viel weiter kommt er auch als Fotograf nicht, ganze Alben der Fotos von Menschen, Objekten und Landschaften bezeugen das. 

 Damit sich der Besucher in der Fülle vorgeführter Einzelheiten nicht ganz verliert, ist die Ausstellung (dürftig) gegliedert in fünf farbig gekennzeichnete Zonen, gleichsam Welten in der Welt, grün für konkrete Materialität, blau für das tägliche, häusliche Leben, gelb für Requisiten der Kultur und der Wissenschaft, schwarz für die Zeichen der Sprache, rot für die Äußerungen besonders radikaler Subjektivität. 

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