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MMK Verflechtungen

„Soziale Fassaden“: Frankfurts Museum für Moderne Kunst und die Deka Bank präsentieren gemeinsam ihre Sammlungen

Meldeamt
„Meldeamt“ von dem Duo Elmgreen & Dragset. Foto: Axel Schneider

Das „Meldeamt“ hat noch zu; eine Nummer kann man aber schon ziehen. 907, das klingt nicht gut. Zumal das Display noch auf Null steht. Zum Glück gibt es eine Sitzbank mit Zeitschriften. Die allerdings kommen einem seltsam vor: Das „Hanfblatt“ liegt da, eine Ausgabe „Black Beat“, ein Merkheft zum Thema politische Ökologie und eine Zeitung mit arabischer Schrift. Für ein Meldeamt ist das womöglich passender als „Frau im Spiegel“. Aber natürlich ist das „Meldeamt“ nicht echt. Obwohl es eine charmante Idee wäre, wenn man auf dem Weg zur Behörde erst mal an zahlreichen Werken des Frankfurter Museums für Moderne Kunst vorbei müsste. Es handelt sich um eine Rauminstallation des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset, sie ist Bestandteil der Ausstellung „Soziale Fassaden“, in der Werke des MMK mit solchen, die der DekaBank gehören, zusammengestellt wurden.

Das Tolle ist: Ohne dass man auf die Werkschildchen guckt, lässt sich kaum herausfinden, welche Arbeit aus welcher Sammlung stammt. Tatsächlich habe man erstaunliche Parallelen entdeckt, erzählt Sammlungsleiter Mario Kramer, der die Ausstellung kuratiert hat. Oft habe man unabhängig voneinander zum gleichen Zeitpunkt Werke desselben Künstlers erworben. Daher wählte Kramer für die Schau fast ausschließlich Maler und Bildhauer aus, die in beiden Häusern präsent sind. Mit einer Ausnahme: Von Elmgreen & Dragset hatte das Museum noch nichts – bis die DekaBank dem Haus jetzt das „Meldeamt“ schenkte.

Ebenfalls als Geschenk der Bank zeigt das MMK jetzt eine Skulptur von Martin Kippenberger, der aus der jüngeren Geschichte Deutschlands ein seltsames Konglomerat mit dem Titel „NO NATI“ (1987) erarbeitet hat: Auf einer Trommel (als Reminiszenz an Günter Grass’ „Die Blechtrommel“) befinden sich eine Wärmflasche, eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“, ein Sticker der Anti-Atombewegung und ein Kackhaufen aus Bronze.

Ebenfalls aus der DekaBank stammt ein handelsübliches Wasserreservoir, in dem sich derzeit 1000 Liter Frankfurter Trinkwasser befinden. Im Kontext einer Bank wirkt die Skulptur von Tue Greenfort naturgemäß verstörend banal. Im MMK ist man dergleichen eher gewohnt. Hinzu kommt, dass man dem Reservoir eine Feuerqualle aus Muranoglas desselben Künstlers zur Seite gestellt hat. „Medusa“ ist schön, wird von Menschen jedoch als Urlaubsverderber gefürchtet. Dass das Quallenproblem durch den Menschen erst entsteht, da sich die Qualle durch die Bedingungen vermehrt, die sie durch Überdüngung und Überfischung im Meer vorfindet, ist ein interessanter Aspekt.

Der Titel „Soziale Fassaden“ ist übrigens einer Arbeit von Isa Genzken entnommen. Er steht laut Ankündigung „für idealisierte gesellschaftspolitische und soziale Konstruktionen“, die in den präsentierten Arbeiten thematisiert werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Film „Beijing“ (2008) der New Yorker Künstlerin Sarah Morris, der während der Olympischen Spiele in Peking entstanden ist und bereits im MMK gezeigt wurde. Nach zweijähriger Vorbereitung war es Morris gelungen (über einen kunstbegeisterten Vorstandsvorsitzenden im Olympischen Komitee, wie man hört) eine unlimitierte Drehgenehmigung für die Spiele zu erhalten.

Die Künstlerin konnte buchstäblich überall hin. Natürlich filmte sie keine Höhepunkte des Wettkampfs, sondern allenfalls unspektakuläre Ausschnitte, besuchte stattdessen die Garderoben, Masken, Dopingkontrollen, einen quietschbunten Bonbonladen und lief durch Straßen voller Neonreklamen. All dies läuft wie ein Farbrausch vor dem Betrachter ab, unterlegt mit einem bedrohlichen Sound, den Morris’ damaliger Ehemann Liam Gillick komponiert hat (von dem im selben Raum eine Wandmalerei zu sehen ist). Hier und da folgt man einem Geschehen (dem Rhythmus der Tischtennisspieler, dem Streit eines Pärchens vor der McDonald’s-Reklame im U-Bahn-Abgang), doch schon zappt der Film zur Blutentnahme, zum Teppichsaugen, zum Feuerwerk. Schnell wird klar, dass die gesamte Logistik, jedes Rädchen in der gigantischen Maschine ein unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen ist.

Dass es auch in den monochrom erscheinenden Bildern von Willem de Rooij um kulturelle Identitäten und Verflechtungen geht, würde man ohne Hintergrundwissen wohl kaum vermuten. Was man auf Anhieb sieht, ist ein gelbes neben einem rosafarbenen Hochformat. Die Titel „Pink on Yellow“ und „Yellow on Pink“ sorgen dafür, dass man die Stoffe genau betrachtet. Tatsächlich entdeckt man, das eines mit dem anderen verflochten ist. Durch die jeweils dominante Farbe – die Mario Kramer zufolge an menschliches Inkarnat angelehnt sind – ist die andere nahezu unsichtbar. Und doch ist sie zum Erhalt des Geflechts von elementarer Bedeutung.

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