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Martin Luther Die Geschichten der Reformationen

„Der Luthereffekt“ im Gropius-Bau ist die erste der drei nationalen Sonderausstellungen zum Jubiläum – und zeigt, wie ungerade die Linien des Protestantismus verliefen.

Lutherausstellung
1748: Johann Valentin Haidts „Erstlingsbild“, das alle Bekehrten bis in seine Gegenwart hinein zeigen soll. Foto: Unitätsarchiv der Evangelischen Brüder-Unität, Herrenhut

Es soll im Jahr 1562 gewesen sein, als der jungen Dorothea von Meding, der späteren Äbtissin des Klosters zu Lüne, „nebenst etlichen anderen Jungfern abends nach sechsen“ eine Vision widerfuhr, bei der ihr der gekreuzigte Christus „in den Wulcken“ erschien. Auf dem Bild eines unbekannten Malers, das sie als 65-Jährige anfertigen ließ, ist aber nicht nur der schwebende Christus, sondern auch eine Schar Nonnen zu sehen, zwei in schwarzen, mehrere in weißen Schleiern.

Die Reformation hatte die Gläubigen in diesem nördlich von Lüneburg gelegenen Kloster zwar in Lager geteilt, die schwarzen Schleier tragen die katholisch gebliebenen, die weißen gehören den protestantisch gewordenen Nonnen. Und doch bilden sie eine Gemeinde. Im Text unter der als „Trost Bild“ betitelten Abbildung heißt es: „Jch weiß kein raht O Jesu Christ / wo du mir nicht behulfflich bist, So hilff mir nun, gib trost vnd raht / O Jesu Christe fru vnd spat!“

Das beten alle Christen, und darin liegt die heimliche Hoffnung dieses Gemäldes: dass das Verbindende der Konfessionen bei aller Verschiedenheit erhalten bleiben möge. Wunder wie diese Vision zum Beispiel hält der konfessionsgeschulte Mainstream ja eher für eine katholische Angelegenheit, hier jedoch erlebt es eine protestantische Nonne. Die Reformationsgeschichte ist von Anfang an auf ungeraden Linien geschrieben, man sieht es an den Details.

In der Berliner Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ ist diese Lüner Leihgabe unter dem Stichwort „Frauen und Männer“ einsortiert. Gleich daneben hängen die bekannten Porträts von Luther und seiner Frau Katharina von Bora aus der Cranach-Werkstatt, ein schöner Kontrast. In der Vitrine gegenüber liegen Schriften der Altenburger Reformatorin Ursula Weyda, die sehr früh und sehr derb wider das Zölibat stritt. Noch etwas, das im allgemeinen Reformationsgedächtnis ein Schattendasein führt: die Rolle der Frauen.

Es ist der Stolz dieser vom Deutschen Historischen Museum im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgerichteten Ausstellung, den gängigen Reformationsklischees das Wasser abzugraben. Ausdrücklich geht sie deshalb vom Plural der Reformationen aus, versteht diese als so umfassenden wie konfliktreichen Transformationsprozess, von dem der Katholizismus natürlich nicht ausgekommen ist. Sie entspricht damit dem Stand der Forschung, scheint sogar ganz der zugespitzten These des US-amerikanischen Historikers Scott H. Hendrix zu folgen: „Recultivating the Vineyard“ heißt sein bereits 2004 erschienenes, vieldiskutiertes Buch, in dem die verschiedenen Konfessionen als unterschiedliche Wege beschrieben werden, den „Weinberg des Herrn“ zu bebauen. Eine gut gewählte Leitidee für eine Groß-Schau im Rahmen des Reformationsjubiläums.

Man muss sich ja nur erinnern, wie triumphalistisch frühere Reformationsjubiläen ausfielen, daran etwa, dass Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert Luther als „kühnen, großartigen und festen Geist“ feierte, als „vordringenden Genius“, mit dem er zum Helden der Reformation als Befreiungsgeschichte stilisiert wurde – solche Geschichtsbilder haben sich tief eingeprägt. Man muss auch daran erinnern, dass 1617 die Reformation das erste historische Ereignis überhaupt war, für das es ein Jubiläum gab. Die historische Last des Reformationsgedenkens ist übergroß, bis hin zur Vereinnahmung als „deutsche Sache“ bei den Nationalsozialisten oder als „sozialistische“ in der DDR.

Von dieser Last suchen sich die Macher des „Luthereffekts“ loszureißen, mit Erfolg größtenteils. Im Rundgang um den Lichthof werden Schlaglichter auf einzelne Aspekte geworfen, auf „Sprache und Bildung“ oder „Mission“ zum Beispiel, wohltuenderweise mit wenigen, aber klug kuratierten Objekten, Bildern und Karten. Zur Abteilung „Kirchenraum“ etwa wird ein Bild des Domes St. Petri in Bautzen gezeigt, eine der beiden Simultankirchen in Deutschland, die bis heute gleichzeitig von Katholiken und Protestanten genutzt werden. Die Botschaft: Der „Luthereffekt“ reicht bis in die Gegenwart, natürlich.

Das Verständnis der Gegenwart ist ohnehin immer „das letzte Ziel aller Historie“, wie Ernst Troeltsch 1911 bezeichnenderweise in seiner einflussreichen Schrift „Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt“ geschrieben hat. Und diese Bedeutung sei „vielfach eine indirekte oder gar ungewollte“, so Troeltsch. Die Ausstellungsmacher folgen ihm aufs Wort.

Die Weltwirkung der Reformation wird deshalb an den höchst unterschiedlichen Beispielen Schweden, Tansania, USA und Korea verhandelt. Dass sie dabei konkrete Fälle wie die Missionierung der Sami oder das auf Armut verpflichtete Leben der Amischen vorführt und sich nicht im Allgemeinen verliert, hilft, um die Reformationsgeschichte sinnlich fassbar zu machen.

Obwohl auch in dieser Ausstellung wieder reichlich Bücher in Vitrinen liegen und es seltsam bleibt, sie nur anschauen zu dürfen statt in ihnen lesen zu können. Zu sehen sind aber eben auch drei bunte Nadelkissen der Amischen: Ihre Vorstellung von Bescheidenheit will, auf Knöpfe zu verzichten, also braucht es Nadeln, Fäden – und eben Nadelkissen.

Was Glaube, Wahrheit und Kirche heißt, ist ohnehin Ergebnis der Geschichte – und der Geographie. Ein Höhepunkt der Ausstellung sind die 30 Gemälde des südkoreanischen Malers Kim Ki-chang, die erstmals in Europa gezeigt werden: Illustrationen der Jesus-Geschichte, in der Jesus als konfuzianischer Gelehrter auftritt. Noch eine Entdeckung dieser Ausstellung.
Dass sie unter dem Titel „Luthereffekt“ auftritt, ist im Übrigen ein plumper Marketing-Trick.

Anders als in den beiden folgenden nationalen Sonderausstellungen zum Reformationsjubiläum in Wittenberg (ab 13. Mai) und auf der Wartburg (ab 4. Mai), spielt Luther hier ja lediglich eine Nebenrolle. Und wer kam nur auf die alberne Idee, die drei Ausstellungen unter den Sammeltitel „Die volle Wucht der Reformation“ zu stellen, noch dazu mit einem Hammer als Symbolbild?
Die Berliner Ausstellung gibt sich jedenfalls gerade Mühe, die Reformation nicht mehr als Hammer-Ereignis hinzustellen. Es wäre hilfreich, wenn die konsumfixierten Marketingabteilungen den kundigen Kuratoren einmal zuhörten, man könnte wenigstens die gröbsten Unsinnigkeiten vermeiden.

Im Lichthof des Gropiusbaus ist übrigens eine Kunstinstallation von Hans Peter Kuhn aufgebaut, eine Art Doppelhelix, in der das Katholische und Protestantische miteinander verwoben bleibt. Das ist kein Trost-Werk, aber das Verbindende darin dennoch nicht aufgegeben. Warum auch.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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