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Marina Abramovic Reiskörner zählen, Schmerz empfinden

Die Bonner Bundeskunsthalle präsentiert Marina Abramovic’ unvergessliche, radikale Rituale.

Im vorletzten Jahr, pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag, veröffentlichte Marina Abramovic ihre Memoiren und raubte der Kunstwelt damit eine ihrer schönsten Illusionen. Offenbar hatten viele Kuratoren und Kritiker geglaubt, die Performance-Künstlerin hätte sich aus reiner Liebe zu Säuberungsritualen 40 Jahre lang selbst vor Publikum gequält und nicht, wie sich das der Laie vorstellt, um eine schwierige Kindheit zu verarbeiten. Doch jetzt kann es jeder wissen: Als sich Abramovic mit Messern traktierte, auf Eisblöcke legte oder als Gekreuzigte auf einem Fahrradsattel balancierte, war sie wieder die geprügelte Tochter, die ihre Mutter nur durch eines gnädig stimmen kann – die totale Hingabe an die Kunst.

Auch in der Bonner Bundeskunsthalle fühlt man sich ein ums andere Mal wie in einem Kabinett der Rohrstock-Pädagogik. Bereits auf dem Vorplatz schleppen ein Mann und eine Frau eimerweise Steine von links nach rechts und dann wieder zurück, und im zweiten Saal hört man das dumpfe Tock-Tock-Tock der Messer, die sich Abramovic 1973 während ihrer Jungfernperformance mit immer höherer Geschwindigkeit zwischen die gespreizten Finger rammte. Auf einem Tisch liegen Klingen, Peitschen, Nadeln und etliche andere zur sofortigen Verwendung bereitgelegte Folterinstrumente aus – und obwohl wir wissen, dass sich Abramovic damit selbst kasteite, sind sie auch als Warnung für uns gedacht. Mir zuzusehen tut weh, gibt uns Abramovic zu verstehen, und das gilt auch, wenn sie sich von Schauspielern vertreten lässt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass diese große, seit letztem Jahr durch Europa reisende Retrospektive vor allem dokumentarischen Charakter hat. Die Mehrzahl der Performances sieht man als Film- oder Videoaufzeichnung, dazu werden viele Projektskizzen und malerische Frühwerke gezeigt (zwei 1963 entstandene, halbabstrakte Autounfälle stechen hier heraus) und einige teilweise vor scharfen Klingen starrende Bühnenbauten, mit denen das Aufsichtspersonal sicher viel Freude hat. Abramovic’ wohl berühmtester Soloauftritt ist hingegen lediglich als großformatige Fotografie präsent: In Venedig saß sie auf einem blutigen, zum Himmel stinkenden Knochenberg und putzte als Klage über den Jugoslawien-Krieg das Fleisch herunter.

Allerdings leitet sich der Ausstellungstitel „The Cleaner“ gerade nicht von dieser infernalischen Arbeit ab, sondern von der läuternden Wirkung, die man insbesondere Abramovic’ spätem Werk nachsagt. Als sie sich 2010 im New Yorker Moma einfach auf einen Stuhl setzte und mit ihren wechselnden Gegenübern stumme Blicke tauschte, kamen Hunderttausende, um an diesem über 700 Stunden dauernden Reinigungsritual teilzunehmen – darunter Stars wie Björk und Lady Gaga. Seitdem ist Abramovic, die lange eher ein berühmter Fall als eine Berühmtheit war, so etwas wie der weibliche Dalai Lama. Sie lässt Besucher vor weißen Wänden meditieren, sich in Zeitlupentempo bewegen oder Reiskörner und Linsen zählen; für Letzteres liegen auch in Bonn Rechenblöcke, Bleistifte und Radiergummis bereit. Heute bietet Abramovic den Menschen nicht nur Kunst, sondern Trost und Hoffnung durch Exerzitien und Askese. Sie weiß, dass sie ein Vorbild ist: „Wenn ich durch die Tür des Schmerzes gehen kann, um das Leben dahinter zu umarmen, dann können es die anderen auch.“

Die Hauptattraktion der Retrospektive sind aber die Wiederaufführungen klassischer Performances. Man kann durch sie noch einmal erleben, wie Marina Abramovic und ihr Kunst- und Lebensgefährte Ulay mit ihren nackten Körpern einen engen Durchschlupf für das Publikum bildeten oder wie sie bis zur Erschöpfung gemeinsam Steine trugen – gibt es ein gruseligeres und zugleich zärtlicheres Sinnbild für das Eheleben? An ihrer Stelle leiden jetzt zwar Schauspieler, die Abramovic’ Enkel sein könnten. Aber man ahnt, dass auch sie ihre Rollen nie mehr vergessen werden. Dem Besucher geht es ähnlich: Marina Abramovic verwandelt ihren Schmerz in Kunst und macht uns zu ergriffenen Zeugen. Mama wäre stolz auf sie.

 

Bundeskunsthalle , Bonn: bis 21. August. Der Katalog kostet 32 Euro.

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