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Malerei Acht Meter einer dystopischen Welt

Der Maler Ruprecht von Kaufmann evakuiert in der Kunsthalle Erfurt den Himmel und scheut nicht die Emotion.

Kunsthalle erfurt
Ein Paar blickt aufs brennende Haus: „Prometheus“ von 2011. Foto: Stefan Maria Rother

Wer dieser Tage in Erfurt ist, sollte sich, neben Dom, Krämerbrücke oder Predigerkirche, wo dereinst Meister Eckhart wirkte, auch Zeit für die Kunsthalle nehmen. Er wird es nicht bereuen.

Das imposante „Haus zum Roten Ochsen“ steht ebenfalls inmitten der malerischen Altstadt, am historischen Fischmarkt, ist aber ganz der Gegenwartskunst gewidmet. Im aktuellen Falle einer Malerei, die in eher filmischer Weise erzählt. Und zwar davon, dass das Leben schön, die Welt aber ziemlich bedroht ist, weil es keine positiven Utopien mehr gibt. Uns das liegt bekanntlich nicht an Mutter Erde, nicht am Universum, an Gott oder den Göttern. Sondern an den Menschen selbst.

Der malende Erzähler ist der aus München stammenden Berliner Ruprecht von Kaufmann, Jahrgang 1974, ausgebildet zum Künstler in der Filmstadt Los Angeles, seit 2003 Wahlberliner, dann bis vor vier Jahren Anatomie-Professor an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er zählt zu den herausstechenden Figurenmalern und Bild-Erzählern seiner Generation.

Dieser markante Vertreter einer in der späten Moderne eher verpönten, auf das Menschenbild und die Narrationen der Alten Meister reflektierenden Malerei füllt 700 Quadratmeter mit seiner nahezu ketzerischen Schau „Die Evakuierung des Himmels“: An den Wänden in Karmesinrot, Grau und Weiß, wo dieser Hintergrund die Wirkung der Motive – Ölbilder, Gouachen, Studienblätter – verstärkt, hängen 100 Werke aus 15 Jahren, sehr große und sehr kleine.

Melancholische Farbigkeit, irreale, negativutopische Szenen auf Leinwand, Papier, Seide, sogar auf Linoleum tun sich auf. Mal sind sie streng gereiht, mal übereinander oder als Rauminstallation arrangiert, Bildbahnen von der Decke baumelnd wie schwebende Engel, verwandelt in Teufel und Dämonen. Nachgerade körperlich wirkt das in der einen Spannungsbogen vom Realen zum Manieristischen und Surrealen beschreibenden Installation „In the House“ – ein acht Meter messendes Panorama, das geradezu insistierend nach den – erweiterten – Möglichkeiten der doch angeblich toten, aber wie es sich erweist, sehr lebendigen Malerei in einer unablässig digitale Bilder produzierenden Medienwelt fragt. Und zugleich nach deren Grenzen.

Kaufmann scheut weder das Experiment noch Emotionen. Er hat auf fünf Linoleum-Paneele gemalt, collagiert. Man geht förmlich in diese merkwürdigen Räume hinein. Oder besser in Bild-Schnitte wie in einem Film. In einer Szene sieht man ein Paar, erwachend mit Schrecken: ein Monster auf seinem Liebes-Lager. In der nächsten scheint ein Klavier in surreal grünlichem Rauch aufzugehen. Im nächsten schwebt ein weißer Bootskörper durch den Bildraum, schiebt schlingernde Nebelbänder und geisterhafte Kreaturen beiseite, durch diese hindurch, ohne sie zu berühren. Ein gelbgrüner Raubvogel sinkt tot auf den schwefligen Boden.

Das Boot scheint unter Wasser zu manövrieren, jedoch ohne steuernden Passagier. Die kopflose Figur obenauf hat, scheint’s, alle Kontrolle über Weg und Ziel verloren. Überhaupt wirkt alles wie unter Wasser, aber beklemmend, so konträr zum Freud’schen „ozeanischen Gefühl“. Ein weißes Rundfenster tut sich auf, Lichtquelle, Fluchtweg durch die Decke? „Die Flucht von Ogigya“ heißt die Szene, frei nach Homers Odyssee. Irgendwie kommt einem auch Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, wo der Fährmann einen weißen Sarg über den Styx zu Hades bringt. Dann sieht man Prometheus in einer brennenden Arche. In einem Schilfkorb liegt der erwachsene Moses. Alles wie Kulissen eines Alptraum-Filmes, auch wie Renaissance-Gemälde: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, dicht mit Bedeutung aufgeladen, doch endgültig deuten lässt sich nichts.

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