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Maler Lothar Böhme Schwer wie die Erde selbst und dabei sehr verletzlich

Dem Menschen-Maler und früheren „Berliner Cézannisten“ Lothar Böhme zu seinem 80. Geburtstag.

Wie wäre das Geheimnis dieser herb-strengen Körper und helmartigen Köpfe, die aus dem Hellen ins Dunkle wachsen, zu entschlüsseln: Soll man das weltabgewandte Sitzen, Hocken, Neigen, Beugen, Knien oder Stehen deuten als ein Sich-Versperren vor der Welt? Als Schmerz, Trauer, Resignation?

Lothar Böhme, mit dem heutigen Tag achtzig Jahre alt und seit 1994 AdK-Mitglied, war einer der Protagonisten der sogenannten, dem Ideologischen des in der frühen DDR zum Dogma ausgerufenen „Sozialistischen Realismus“ abgewandten Berliner Schule. Es war kein Gruppe in dem Sinne, aber sie verstanden sich als „Berliner Cézannisten“. Der gebürtige Berliner hat zunächst Dekorateur gelernt und dann bis 1961 an der Charlottenburger Kunstgewerbeschule studiert. Der Mauerbau machte dem ein jähes Ende.

Böhme sitzt auf einem Hocker in seinem Atelier, ganz oben, unterm Dach eines liftlosen Gründerzeithauses in Pankow. Er lächelt, überlegt eine Weile und meint dann, es sei viel simpler. „Wenn man wie ich die Figur abstrakt sieht, aber nicht will, dass die menschliche Gestalt aus der Kunst verschwindet, muss man sie durch Intensität retten.“ Eine Haltung, die er mit Kollegen der „Berliner Schule“ bis heute teilt, mit Harald Metzkes, Wolfgang Leber, den verstorbenen Maler-Freunden Manfred Böttcher und Hans Vent.

Rundum stehen, in Magazinregalen oder an Wände gelehnt, zahllose solcher Motive, weibliche zumeist, sibyllinische, in sich selbst versunkene Figuren oder helmartige Köpfe. Sie gleichen vorchristlichen Archetypen, blicklos mystisch, warm und schwer wie die Erde selber und trotz ihrer Massigkeit verletzlich. Sie könnten auch griechischen Dramen und Tragödien entstiegen sein. Die Nacktheit dieser Wesen hat der Maler und Zeichner mit bronzedunkler Ölfarbe, Tusche und glutrot glimmender Kreide bedeckt. Ganzfigurig oder als Halbakt wirken sie introvertiert, weltentrückt, zugleich aber auch energetisch aufgeladen, so dass ihre Wucht aus dem Bildraum förmlich nach außen drängt. Andere wieder gleichen einem Relief, eingelassen in eine dunkle Schutzhöhle, man könnte meinen, eine Art Schrein.

Für solche, in den malerischen Mitteln extrem reduzierten Bilder kam der in der Öffentlichkeit eher scheue Böhme zu Ehren: 1988 lud ihn die Biennale Venedig ein. Später folgten der Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, Fred-Thieler-Preis, Gerhard-Altenbourg-Preis. Und im Februar dieses Jahres verhüllte er zur Passionszeit mit einem Gemälde den Altar der Paul-Gerhardt-Kirche Prenzlauer Berg.

Irgendwann vor vielen Jahren hatte dieser Maler, dessen Figuren-Kanon schon früh Giacometti verwandt war, die „Shelter Drawings“ von Henry Moore gesehen. Der Engländer hatte sie im Zweiten Weltkrieg in den zu Luftschutzbunkern gewordenen Londoner Metrostationen und Bahnschächten gezeichnet. Entstanden waren während der Luftangriffe der Deutschen statuarische Gestalten zwischen Schlaf und Tod, aber zugleich mit Hoffnung.

Auch Lothar Böhmes Figuren haben diesen Habitus des Aushaltens, des Überstehens, des Beharrens und Bewahrens des Schönen und Guten. Die dichte, gehöhte Oberflächenstruktur der Körper, der Haut gleicht gedengeltem Metall.

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