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Mahnmal vor Höckes Haus Symbolpolitisches Stalking

Mit der Mahnmal-Replik vor dem Haus von AfD-Politiker Höcke geht das Zentrum für Politische Schönheit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus. Ihr künstlerisches Risiko liegt nicht nur in einer möglichen Strafverfolgung. Ein Kommentar.

Holocaust-Mahnmal
Der Ableger des Berliner Holocaust-Mahnmals neben dem Wohnhaus von Björn Höcke. Foto: Patryk Witt (Zentrum f. Politische Schoenheit)

Natürlich ist es zu erwartbaren Reflexen gekommen. AfD-Politiker geben sich empört darüber, dass ihrem thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke an dessen Wohnort in Bornhagen die Attrappe eines Holocaust-Mahnmals vor die Nase gesetzt worden ist. Wieder Opfer, das passt ins Politikschema einer Partei, die sich als Anwalt der Gekränkten und Vernachlässigten versteht und bei der Ausübung ihres selbstverordneten Mandats nicht gerade zimperlich mit sozialen Normen umgeht. Die Sitten sind rauer geworden im gesellschaftspolitischen Tagesgeschäft, das im Augenblick nicht einmal über eine ordentliche Führung verfügt.

Die 24 Stelen aus Pappmaché, die das Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit auf dem Nachbargrundstück vor Höckes Anwesen als Reaktion auf dessen geschichtspolitische Attacke gegen das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas aufgestellt hat, sind ein gezieltes symbolpolitisches Stalking – schrill, anmaßend und direkt. Und genau das soll es wohl auch sein. 

Eine Eulenspiegelei unserer Zeit

Aber selbst wer in stiller Schadenfreude genießt, sollte angesichts des Spektakels kurz innehalten und wenigstens versuchsweise den Gedanken zulassen, ob die gut organisierten Kunstanarchos nicht zu weit gegangen sind. Die Frage jedenfalls, ob hier die Persönlichkeitsrechte eines Bürgers und seiner Familie verletzt worden sind, ist nicht nur eine kuriose Begleiterscheinung des Projekts.

Das Zentrum geht mutwillig über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, und es wird wohl einmal mehr auf eine juristische Überprüfung der Demarkationslinie zwischen Kunstfreiheit und den Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches hinauslaufen.

Das ist ein Teil des Spiels, das das Zentrum für Politische Schönheit virtuos in Szene setzt und das der Kulturwissenschaftler Beat Wyss ausdrücklich für legitim hält. „Die Kunst darf alles, wenn sie zum Lachen führt“, hat Wyss im Deutschlandradio gesagt, auch weil sie quasi „als fünfte Gewalt in der Gesellschaft mit Machtlosigkeit geschlagen ist.“ Es handelt sich seiner Ansicht nach um eine Eulenspiegelei unserer Zeit. Und es sind nicht mehr nur die Herrschenden, denen ein Spiegel vorgehalten wird. Die Operation Bornhagen jedenfalls fördert einen emotional aufgeladenen Widerstreit in den sozialen Netzwerken und anderswo zutage, der ohne sie verborgen geblieben wäre. Aktionskunst als Bergungsunternehmen, auch wenn es weh tut. 

Auf die Radikalisierung der politischen Verhältnisse antwortet das Zentrum für Politische Schönheit mit einer Verschärfung der ästhetischen Mittel. Ihr künstlerisches Risiko liegt am Ende nicht nur in einer möglichen Strafverfolgung, sondern auch in einer Ermattung der Reize, die sie hervorzurufen beabsichtigen. Aber es war schon immer eine ganz besonderes Anliegen der Kunst, die Grenzen des Schönheitsempfindens zu erweitern.

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