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Lorrain-Ausstellung im Städel Die sublimen Passagen-Werke des Claude Lorrain

Die Gemälde, Radierungen und Zeichnungen des italienischen Feinfranzosen im Frankfurter Städel sind großartige Verführungskunst. Gezeigt werden in der Schau sowohl frühe Werke als auch sein letztes Bild überhaupt.

Die Ausstellung "Claude Lorrain. Die verzauberte Landschaft" im Frankfurter Städel. Foto: dapd

Die verzauberte Landschaft“ nennt das Städel seine neueste Ausstellung etwas auftrumpfend. Claude Lorrain, der Geheimnisvolle, der Malermagier, der Landschaftsträumer, möchte man uns sagen. Aber man hat damit, um es vorwegzunehmen, nicht zu viel versprochen. Wer in die gemalte und gezeichnete Welt des Claude Lorrain eintaucht, der wird in diesen Landschaften Erfahrungen machen, wie sie sich, zumindest was das Subtile und Sublime angeht, woanders schwerlich wiederholen lassen.

Claude Lorrain, der barocke Feinfranzose, der so gar nicht dem (deutschen) Vorstellung vom Barocken entspricht, der fast sein ganzes langes Leben in und um Rom verbrachte, ist einerseits bekannt bis zum Klischee, andererseits als einer der ganz großen der europäischen Malerei ein Unbekannter. Vielleicht liegt es daran, dass er sich sein Leben lang nur mit einem Thema beschäftigt hat, der Landschaft. Lorrain hat sich der Natur dabei mit einem merkwürdig ruhigen, insistierenden Feinsinn genähert. Es steckt so etwas wie schauende Bescheidenheit in den Bildern.

Im Frankfurter Städel sind jetzt 13 Gemälde, vor allem aus englischen Beständen, zu sehen. Sie reichen von frühen Werken der 1630er Jahre bis zum letzten Bild überhaupt, „Landschaft mit Ascanius den Hirsch der Sylvia erlegend“, aus seinem Todesjahr 1682. Daneben werden sehr viele Radierungen und Zeichnungen gestellt, Kunstwerke eigenen Rangs. Eine typische Claude-Landschaft ist „Hirtenlandschaft mit Titusbogen“ von 1644. Es ist eine ideale Szenerie, hügelig gestaffelt, entspannte Ruhe ausströmend. Claude hat das der Umgebung Roms zugleich abgeschaut und es in sie hineinphantasiert. Er hat diese Landschaft, die unsere Augen bis heute sehen, entdeckt und geschaffen.

Leuchten aus dem Hintergrund

Das morgendliche Leuchten, das aus dem Hintergrund kommt, sickert gemächlich durch den weit sich dehnenden Bildraum bis in die vorderste Schicht. Das Bild duftet nach Licht. Es ist zusammengesetzt aus einem Weiher, dem verfallenen Titusbogen, einem Aquädukt, einer kleinen, entspannten Menschengruppe, einer weidenden Tier- und einer dem Bild Rahmen und Stütze gebenden Baumgruppe. Das alles kehrt in den meisten Bildern wieder, ist immer sehr natürlich gemalt, aber immer ganz willkürlich zusammengesetzt. Es folgt einem sensiblen Kompositionsgefühl, nicht der Natur.

In der „Hirtenlandschaft“ (aus englischem Privatbesitz) tragen zwei Mädchen eine Ziege, es handelt sich also um eine Hirtenszene, eine typische Idylle. Wie immer ist die Aktion bei Claude in vollkommene Ruhe aufgelöst. Man sieht ein Drama, aber es findet nicht statt. Et in arcadia ego – was man spürt, ist ein wehendes Gefühl der Vergänglichkeit. Wie immer malt Claude ein Bild des Übergangs, immer sind seine Szenerien in morgendlich-silbriges oder abendlich-goldenes Licht getaucht, immer sind es so Passagenwerke, Bilder des Hinübergleitens, immer scheint sich der Maler vor allem für den Raum und die Luft des Dazwischen zu interessieren. Und wie immer ist so das untergründige Thema dieser Bilder, der Tod, im Sichtbaren aufgehoben.

Claude Lorrain verbindet höchste Künstlichkeit mit großer Offenheit in der Naturwahrnehmung. Diese feine Wahrnehmung, man muss etwa auf die zugleich filigranen und fülligen Bäume achten, ließ ihn bis hin zu den Impressionisten zum Maßstab werden. Die Künstlichkeit dagegen, die paradoxer Ausdruck einer ganz aus dem Inneren kommenden Sehnsucht nach Geschlossenheit und Einheit mit der Natur ist, macht die Bilder bis heute so verführerisch.

Das ist kaum zu steigern. Und doch hat Claude sein Leben lang an der Verfeinerung dieses Bildraums gearbeitet und damit sein Leben lang den Erfolg gehabt, der ihm ein sorgenfreies Dasein ermöglichte. Die verhaltene Größe dieses Malers findet sich denn auch wie nirgendwo in der Ausstellung in der „Landschaft mit Ascanius“, dem letzten Bild. Es stammt aus dem Ashmolean Museum in Oxford, mit dem das Städel für diese Ausstellung kooperiert.

Links sind Säulen, Kolonnen, auf dem Bild, entstanden ist es im Auftrag eines Herzogs Colonna, in der Mitte ein Fluss, rechts der Hirsch im Gebüsch. Das Bild korrespondiert, paarweise gedacht wie die meisten Bilder Claudes, mit einer Jahre zuvor gemalten Ansicht Karthagos. Inhaltlich sind diese beiden Bilder durch den Äneas-Stoff verbunden. Die Figuren sind wie oft stark gestreckt, links steht eine Gruppe Jäger, es sind Trojaner, mit Hunden. Einer der Jäger, Ascanius, hat seinen Bogen angelegt.

Wie immer ist der Hintergrund des Bildes entscheidend. Die Landschaft dehnt sich unermesslich bis hin zu schneebedeckten Bergen in lichter Ferne. Wieder ist das Bild von großer Ruhe, der sich hier aber deutlicher als sonst etwas Vorgewittriges beimischt, ein atmosphärisches Grollen. Pikant und fundamental wird das Bild auch dadurch, dass der Hirsch, den Ascanius gleich erlegen wird, der Silvia gehört. Damit hat das Bild eine erotische Thematik, die aber nur für den Wissenden sichtbar ist. Zugleich, auch das muss man wissen, wird der erlegte Hirsch zu einem langen Krieg zwischen den Trojanern und Latinern führen, fast ist er eine Wiederauflage des Trojanischen.

Dieser Krieg ist es, der sich in der Atmosphäre andeutet. Von der Burg im Hintergrund, die göttergleich über der Szene thront, ziehen dunkle Wolken durch die Bilddiagonale über dem lichten Raum in Richtung der jagenden Trojaner. So ergibt sich aus einer einfachen Jagdszene auch ein Raum der Beziehungen und Bedeutungen, der genauso unermesslich ist wie der des strömenden Lichts.

Dass das alles keine kunstgeschichtliche Spekulation ist, sondern von Claude Lorrain so empfunden und gedacht wurde, zeigt sich besonders deutlich an den Radierungen. Der Maler wurde als Radierer zu einer Art Magier des Lichts, darin nur Rembrandt vergleichbar, indem er in diesem Medium ebenfalls Licht- und Raumwirkungen erzeugte, wie sie bei der auf den Strich beschränkten Möglichkeiten der Radierung eigentlich undenkbar sind.

Lichträume mit Strichen

Gerade die Insistenz, mit der Claude daran arbeitete, zeigt, wie wichtig es ihm war. Verfolgt man, etwa in den frühen „Ziegen“ von 1634, dem „Hafen bei Sonnenaufgang“ von 1635/6 oder dem besonders berückenden „Rinderhirt“ von 1636, wie er mit Strichen Lichträume erzeugt, kommt man aus dem Staunen schwer heraus.

Claude Lorrain hat später keine Radierungen von dieser Qualität mehr geschaffen, vielleicht benötigte er sie nicht mehr. Dafür gibt es eine comicartige zehnblättrige Folge eines römischen Feuerwerks, deren fulminanter Überraschungseffekt sich gut 350 Jahre danach noch mühelos vermittelt.

Auch in den Zeichnungen, angefangen schon in der frühen Pyramide von 1630, lässt sich genau nachvollziehen, wie Claude Lorrain sich für Licht und Luft (und an den Dingen für die Textur) interessierte. Wie penibel und kreativ zugleich er gewesen ist, zeigt sein Liber Vertitatis, ein Buch von Zeichnungen aller seiner Gemälde, das er für sich selbst anfertigte, als Archiv, Werkverzeichnis, aber auch als Arbeitsgrundlage zur freien Kombinatorik.

Claude Lorrains Wirkung war am nachhaltigsten in England. Die dortige Vorstellung von Landschaft, der Sinn des Wortes „picturesque“, die großen englischen Landschaftsgärten, die Italiensehnsucht, sie alle sind ohne ihn nicht vorstellbar. Erst wenn eine Landschaft so war, wie von Claude Lorrain gemalt, war sie für den Engländer perfekt. Hier ist Lorrain, hier kann ich sein – und packt bis heute den Picknickkorb aus. In Deutschland war es nicht nur Goethe („Im Claude Lorrain erklärt sich die Natur für ewig.“), der sich in Claude verguckte. In dem Moment, wo die Romantik auftauchte, schien Claude ihr Vorläufer zu sein. Und Kleist, der 1801 erstmals in Dresden und der dortigen Gemäldegalerie war, meinte in einem Bild des Claude Lorrain zustehen, als er auf die Elbe blickte.

Trotz dieser Abhängigkeit gab es auf dem Kontinent lange keine große Ausstellung. Im Städel war nach eine Restaurierung 1988 eine Poussin/Lorrain-Ausstellung zu sehen, die letzte große Ausstellung war, ebenfalls in den Achtzigern, in München, wo sie ein großartiges Bild besitzen, das jetzt in Frankfurt zu sehen ist: die „Verstoßung der Hagar“. Diesen Zustand beendet das Städel endlich: die „Rückholung des Claude“.

Städel Museum, Frankfurt. Bis 6. Mai. Katalog, 250 Seiten, 34,90 Euro.

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