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„Local Histories“ Kunst schreibt Geschichten

„Local Histories“ machen die Rieckhallen zur Erzählbühne – auch über Möglichkeiten der Berliner Museen.

Cindy Sherman
Cindy Sherman, „Untitled #123“, 1983. Foto: Stefan Altenburger/Nationalgalerie/Friedrich Christian Flick Collection

Berlin mag es an so manchem fehlen, an allen Ecken und Enden und aufgrund seiner Geschichte und veritabler politischer Fehlentscheidungen. Aber eines ist die Stadt mitnichten: arm. Im Gegenteil. Sie ist schwerreich.

Berlins Staatliche Museen mit ihren 19 Ausstellungshäusern unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz besitzen 5,3 Millionen Kunstobjekte. Viele sind unvergleichlich: die Büste der ägyptischen Amarna-Königin Nofretete im vor Jahren wunderbar restaurierten Neuen Museum. Ebenso die mit nichts aufzuwiegenden mittelalterlichen Skulpturen im Bode-Museum. Und die Alte-Meister-Schätze des Botticelli, Altdorfer, Cranach, des Rembrandt und Vermeer in der oft so unverdient menschenleeren Gemäldegalerie (mit kläglichen etwas über 300.000 Besuchern im Jahr) und ihres wunderbaren Kupferstichkabinetts am ebenso oft menschenleeren Kulturforum. Dazu wären da die Rodins, Schadows, Caspar David Friedrichs in der Alten Nationalgalerie, die Antiken im Alten Museum.

Und in Charlottenburg hängen und stehen die erlesenen Picassos, Braques, Klees, Matisses, Giacomettis der Berggruen-Sammlung. Oder im Hamburger Bahnhof die kardinalen Werke von Beuys, Warhol, Kiefer, Richter, Polke, Roth, Baselitz.

Aber alles in allem fanden in den vergangenen zwölf Monaten – in dieser jederzeit touristenprallen Stadt – insgesamt bloß rund 3,5 Millionen Besucher in all die unverwechselbaren Sammlungen. Zum Vergleich: Allein im Pariser Louvre waren es mehr als acht Millionen. Wie viele würden es mehr, wenn Berlin künftig einen eintrittsfreien Museumstag im Monat eingerichtet hat? Das ist zumindest ein Zeichen in einer Stadt, die schon 1997 die Lange Nacht der Museen erfunden hat, welche mittlerweile auf der ganzen Welt erfolgreich nachgeahmt wird. In einer Stadt, in der Kunstfreude aus Nah und Fern stundenlang Schlange standen, um in der Sonderschau der Nationalgalerie die Bilder aus dem New Yorker MoMA zu sehen.

Warum haben die Berliner und ihre Abermillionen Gäste anscheinend inzwischen so wenig Lust auf die Kunst von einst und heute? Die Staatlichen Museen beschlossen das überaus wechselvolle vergangene Jahr – und das dürfte die Besucherzahlen so drastisch gemindert haben – vor allem mit einer Baustellen-Bilanz: Das Humboldt-Forum-Schloss, das die Schätze der geschlossenen Dahlemer Museen aufnehmen wird, entwickelt sich stetig, aber zäh. Das weltberühmte Pergamonmuseum steckt in der Generalsanierung. Ihren potenziellen Besuchern kann auch die an der Spree leuchtende, von Chipperfield erbaute James Simon Galerie mit ihrer Massentourismus-Kanalisierungsfunktion auf lange Zeit noch nicht dienlich sein.

Und die Neue Nationalgalerie – dieser besuchermagnetische Mies-van-der-Rohe-Tempel an der Potsdamer Straße – steckt ebenso unter Baunetzen. Gleich in der Nachbarschaft soll ein Neubau für die Nationalgalerie die Kunst des 20. Jahrhunderts aufnehmen. Zukunftsmusik.

Derweil aber braucht es Ideen, wie all die Kunst, gerade auch die der jüngeren Zeit, auch ohne die geplanten oder noch lange nicht fertigen Traum-Ausstellungshäuser ans Publikum gebracht werden kann, statt sie in den Depots zu versenken. Man kann die Werke woanders in der Stadt zeigen. Man könnte aus dem reichen Plastik-Bestand der Neuen Nationalgalerie zum Beispiel kleine Ausstellungen machen, etwa vor wenigen Wochen zum 100. Geburtstag des Berliner Bildhauers Waldemar Grzimek, dieses „Wanderers zwischen Ost und West“, in dessen Biografie sich das deutsch-deutsche Nachkriegsdilemma abzeichnet und plastisch erzählt werden könnte.

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