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Lehmbruck-Preis Zärtlich aggressiv

Die Bildhauerin Rebecca Horn erhält den Wilhelm-Lehmbruck-Preis für ihr Lebenswerk.

Rebecca Horn
Rebecca Horn. Foto: Imago

Das ist mal eine überaus erfreuliche Nachricht aus der Kunstwelt, abseits aller spekulativen Sensationen, astronomischen Auktions-Summen und Verschwörungstheorien um Echtheit, wie jüngst im Falle einer 450 Millionen schweren Christus-Darstellung Leonardo da Vincis. Auch geht es um ein Lebenswerk, das aus der Routine, Massenproduktion und oberflächlichen Event-Geilheit des Kunstbetriebes herausfällt.

Bei Rebecca Horn, die in zwei Tagen den mit 10.000 Euro dotierten Lehmbruck-Preis erhält, liegt ein unspekulativ hart erarbeitetes und durchweg originales Œuvre vor. Die Jury würdigt Horn „...als eine der eigenwilligsten, innovativsten und experimentierfreudigsten Künstlerinnen Deutschlands.“ 

Ganz zu Recht. Denn die 1944 im Odenwald geborene, seit vier documenta-Teilnahmen weltbekannte Bildhauerin, langjährige Professorin an der UdK Berlin und Mitglied der Akademie der Künste, hat die Skulptur des 20. und 21. Jahrhunderts maßgeblich – und weiblich – geprägt. Der poetische Zauber, die Kraft – aber auch die Provokation – die von ihren meist kinetischen, sich zyklisch surreal bewegenden Gebilden, Aktionen und Filmen ausgehen, stammen aus konträren Signalen: aggressiven und zärtlichen, lustvollen und schmerzlichen, ironischen und poetischen. Sie baut magische Maschinen, Konstruktionen mit Spiegeln, Federn, Steinen, Messern, Pinseln und im Hell-Dunkel über Wände und Wasserbecken geisternde Gedichtfetzen. Klickende Mechanik und sphärische Musik schaukeln unsere Fantasie, die Gefühle, die Gedanken.

Horn, die ihre Affinität zur vertrackten Tragikomik eines Buster Keaton nicht verhehlt, neigt neuerdings zum Esoterischen, Schamanischen. Neider und Hasser nannten sie deshalb schon „die Hexe aus dem Odenwald“. Aber im Zentrum ihrer Kunst steht der Mensch und seine Seele, mit den dunklen Seiten, den Erfindungen, Maschinen, Apparaturen, die er sich selbst geschaffen hat, um den Tod, aber auch fatalerweise das Leben zu überwinden. Ihr geht es um den Homo sapiens sapiens – mit seiner Fähigkeit, Makel, Unvollkommenheit durch Schönheit und Poesie zu ersetzen. 

Im Duisburger Wilhelm- Lehmbruck-Museum ist nun Horns jüngster Zyklus „Hauchkörper“ zu sehen. Seelenverwandtschaft zum Bildhauer Lehmbruck (1881–1919) und dessen fragmentarischen Existenzzeichen aus der frühen deutschen Moderne wird erfahrbar. Sie stellt, sinnlich trotz der Abstraktion, den Zyklus des Lebens dar: Lebensalter und Jahreszeiten, wie einst Munch sie malte oder Mahler sie vertonte: das ewige Werden und Vergehen, die Irrungen und Wirrungen, das Überschreiten des Körperlichen ins Geistige: Hohe, spitze Messingstäbe bewegen sich in präziser Choreografie aufeinander zu und voneinander weg. Die unendlich scheinende Bedächtigkeit wirkt meditativ. Das entschleunigt, führt zur Versenkung. In Räume des Unbewussten jenseits der Alltagswelt.

 

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