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Lehmbruck-Museum Keine Kisten, keine Rahmen

Dafür „öffentliche Autorschaft“: Jochen Gerz denkt für „The Walk“ in Duisburg die Kunst abermals neu.

Deutschlands minimalistischster politischer Konzeptkünstler und Mahnmalsgestalter des öffentlichen Raums ist aus Irland angereist, aus der Nähe von Dublin – wo Jochen Gerz seit 2007 auf dem Land lebt und tagelang nur Schafe weiden sieht. Weit weg vom kunstbetrieblichen Kommerz.

Der gebürtige Berliner, 78 Jahre alt, Mitglied der Akademie der Künste, hat – das war ihm wichtig – zuerst in der Hauptstadt, in der daueraufgeregten Schaltzentrale der demokratischen Macht, sein nun gestartetes und überaus ungewöhnliches Duisburg-Projekt vorgestellt: „Eine Ausstellung ohne Kisten und Rahmen. Nur mit Text!“ Und diesen bereits vorbereitend abdrucken lassen in der „Rheinischen Post“ – die Zeitung als Werkzeug der Organisierung, der Aufklärung, wie einst bei Lenin.

Fünfzehn Jahre lang hat der intellektuelle Preuße, der dem intellektuellen Iren Samuel Beckett äußerlich immer mehr ähnelt, mit seiner Interaktions-Konzeptkunst die Museen gemieden. Stattdessen bevorzugte er Straßen und Plätze in Frankreich (wo er vor dem Umzug nach Irland vierzig Jahre lang lebte), in England, in Deutschland, hier vor allem im Ruhrgebiet.

Gerz wählte mit Absicht stets Ballungs- und soziale Konfliktzentren, so auch jetzt: Duisburg mit seinem sozialen Brennpunkt Marxloh. Gerz will möglichst viele Menschen erreichen, auch jene, die sich abgehängt fühlen, fremd und angefeindet: Arbeitslose, von staatlicher Stütze Abhängige, Migranten. Und deren Verächter. Auch mit denen sucht dieser kommunikationsfreudige Künstler hartnäckig immer wieder das Gespräch.

Nun also macht Gerz die 100-Meter-Glasfassade des ohnehin transparenten Lehmbruck-Museums zur Projektionsfläche. Ein über die Scheiben gezogener riesiger Text ist dort zu lesen. Der verbindet Biografie und Werk dieses wortgewaltigen Konzeptualisten mit achtzig 80 Jahren deutscher, europäischer, globaler Zeitgeschichte.

Das ganze Äußere des Ausstellungshauses, das Wilhelm Lehmbrucks charismatische, als zeitlose humanistische Gestaltzeichen und mahnende Botschaften lesbare Plastiken und Skulpturen bewahrt, wird verwandelt in ein monumentales Buch: Jede Scheibe der sieben Meter hohen Fassade dient als Textspalte einer exemplarischen Erzählung über Kunst und Welt, die Geschichte und den Blick auf unsere Zeit, auf die Zivilgesellschaft.

Um größtmögliche Nähe zum Text herzustellen, ließen die bei diesem Projekt wahrlich waghalsige Museumsdirektorin Söke Dinkla und ihr Team von Gerüstbauern einen an einer Stelle bis zu sechs Meter hohen metallenen Steg längs der Fassade bauen. Bedächtig, geduldig, also nur im Gänsemarsch ist „The Walk“ zu absolvieren, um wirklich gut lesen zu können, was möglichst im Gedächtnis hängen bleiben soll – über den Zweiten Weltkrieg, darüber, wie Stadt und Land 1945 aussahen und was die Menschen leisten mussten, damit das Leben weitergeht.

Jochen Gerz’ Texte erzählen Geschichten aus der „Steinzeit“ der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, von der Geburt der Zivilgesellschaft, dem Topos der Erinnerungen, vom Alltag im geteilten Deutschland und den radikalen technologischen Veränderungen, von den Verwerfungen in der Arbeitswelt, von Zuwanderung, vom Fall der Mauer und dem Ende des Eisernen Vorhangs, von der Erkenntnis der überlebenswichtigen Nachhaltigkeit und zugleich von der immer instabileren Perspektive Europas.

Gerz erzählt Erlebtes. Und er stellt unbequeme Fragen, beispielsweise: „Wie erlebst du unsere Zeit? Ist das deine Geschichte? Wie stellst du dir unsere, deine Zukunft vor? „Autorschaft bedeutet Zeitgenossenschaft“, erklärt Gerz. „Wer sich selbst in der Welt sehen will, muss ihr Autor werden!“ Die Emanzipation des Betrachters ist für ihn keine Utopie, sondern eine Frage „der Verantwortung von Kunst für die Demokratie“.

Bei seinem Duisburger „Walk“ arbeitet der Konzeptkünstler mit acht aus Bürgerkriegsländern Geflüchteten. „Intelligente Arbeit für intelligente Asylsuchende“, so nennt er das herausfordernd. Diese acht werden bis Mai 2019 Führungen anbieten, Vorleser und auch Übersetzer sein. Nicht zuletzt in ihren eigenen Sprachen, für ihre Landsleute.

Lehmbruck-Museum, Duisburg: bis 5. Mai 2019. www.lehmbruckmuseum.de

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