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Kunstverkauf Portigon AG Ein Moore im Schlussverkauf

In Nordrhein-Westfalen droht die Veräußerung einer Kunstsammlung, sie ist angeblich ohne Alternative.

Eine Skulptur Henry Moores (1898 - 1986) im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster (Nordrhein-Westfalen). Wieder wird hochkarätige Kunst aus Nordrhein-Westfalen verkauft. Foto: dpa

Die Welt ist so eingerichtet, dass große Katastrophen die vielen kleinen, die gleichzeitig stattfinden, in den Hintergrund treten lassen. Und so schien der empörte Aufschrei nordrhein-westfälischer Museumsleute, ja, der Protest von deren Kollegen in der ganzen Republik, am Mittwoch zunächst im fassungslosen Entsetzen über den Pariser Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ unterzugehen.

Aber da die Welt sich eben auch nach der verdammenswerten Schreckenstat einfach weiterdreht, drängt das, was fast schon nebensächlich schien, wieder auf die Tagesordnung: In Nordrhein-Westfalen kommt es wohl unweigerlich zu einem weiterer Ausverkauf von Kunst aus indirektem Landesbesitz.

Nach dem heftig umstrittenen Verkauf zweier Warhol-Bilder durch den Casino-Betreiber Westspiel bestätigt nun die WestLB-Nachfolgerin Portigon AG den Verkauf ihrer Kollektion, so, als handele es sich um schnödes Betriebskapital, nicht um Kunst. Doch man ist auf radikalem Abwicklungskurs. Schließlich müssen 25 Milliarden Euro Schulden getilgt werden. Und NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) ist da ganz auf Banken-Seite. Deren Kunstsammlung besteht aus etwa 400 Werken altmeisterlicher wie moderner Kunst; ihr Wert wird auf 150 Millionen Euro geschätzt.

Picasso, Dalí, Macke

Zur Kollektion zählen Plastiken von Henry Moore und Edouardo Chillida, Mittelaltertafeln des Italieners Giovanni di Paolo, auch die berühmte Serie von Stier-Lithographien Pablo Picassos, Bilder des Surrealisten Salvador Dalí, Gemälde des Expressionisten August Macke. Ebenso Werke von Joseph Beuys, Gotthard Graubner, Gerhard Richter und Günther Uecker, zudem kostbare alte Musikinstrumente, auch eine Stradivari, eine Leihgabe, auf der der berühmte Geiger Frank Peter Zimmermann spielt und der nun, durch den drohenden Verkauf, mit Recht den unersetzbaren Verlust befürchtet.

Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer sagte am Mittwoch im WDR: „Es gibt zum Verkauf der Portigon-Kunstsammlung keine Alternative“. Und: Man habe schon Kaufinteressenten. Zu denen gehören freilich nicht die am staatlichen Tropf hängenden Museen, in denen laut Portigon – welch schwacher Trost – in den nächsten ein bis zwei Jahren die Werke der Sammlung ausgestellt werden sollen, damit die Öffentlichkeit noch mal Gelegenheit hat, sie zu sehen.

Danach jedoch wartet der Auktionshammer. Und da orientiert man sich am derzeitigen Marktwert, der, in einer Zeit, in der Kunst als Wertanlage dient wie nie zuvor, höchsten Gewinn verspricht. Kein Wunder, dass man sich in den NRW-Museen dagegen verwahrt, als Durchlauferhitzer für den Kunstmarkt, damit für derart merkantile Wertsteigerung herzuhalten.

Eine Bankrott-Erklärung

In einer Petition der Museumsdirektoren heißt es denn auch, der Verkauf sei eine „kulturpolitische Bankrott-Erklärung“ auch der Landesregierung, die nicht entschieden eingeschritten sei. Gefordert wird eine juristische Prüfung, wie „diesem Ausverkauf kultureller Güter ein Riegel vorgeschoben“ werden könnte. „Zynisch“ empfinden Museumsleute die Portigon-„Offerte“, sie oder andere öffentliche Einrichtungen könnten die Kunstwerke doch kaufen. Nur: Einen Preisnachlass werde es nicht geben. Die West LB-Nachfolgerin hat schließlich „nichts zu verschenken!“

Man kann sich also an allen zehn Fingern abzählen, dass kein NRW-Museum auch nur den kleinsten Teil der großen Sammlung bekommen wird. Hart fühlt sich von der Portigon-Entscheidung gerade das Landesmuseum Münster getroffen. Da befindet sich eine kostbare Leihgabe der Bank, Henry Moores berühmtes „Working Model“, um 1963. Das Haus bereitet für 2016 eine große Moore-Retrospektive vor. Sollte die Bronze, ein Nachkriegs-Zäsurwerk des Engländers, verkauft werden, fehlte der Schau der Schluss-Stein.

Und auch die große Chillida-Skulptur „Toleranz durch Dialog“ im Rathausinnenhof von Münster, von der WestLB eigens zur 350-Jahrfeier des Westfälischen Friedens als Dauerleihgabe an diesen Ort gestellt, soll bald viel Geld einbringen. Die Stadt dürfte bei einer Auktion kaum mithalten können, sollte sich kein reicher Sponsor finden.

Als Feigenblatt, den glasklaren Verkaufsplänen von Portigon noch entgegnen zu können, nimmt sich der für den 5. Februar geplante „Runde Tisch“ aus, den NRW-Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) einberief. Übrigens ihre allererste Aktivität in diesem Konflikt. Es soll darüber debattiert werden, wie zukünftig mit Kunst in landeseigenen Unternehmen umgegangen wird. Auch Portigon, die Bank in indirektem Landesbesitz, wird zum Schein dabeisitzen. Vertrackter geht es kaum auf einem surrealistichen Gemälde zu.

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