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Kunstverein Frankfurt M'barek Was uns sonst durch die Finger schlüpft

So viel Kraft war im Frankfurter Kunstverein lange nicht zu sehen: Pauline M’bareks „Formen der Berührung“.

„Formen der Berührung“ heißt die starke Ausstellung, die Pauline M'barek im Frankfurter Kunstverein zeigt. Hier: „Semiophoren“, 2013. Foto: The Artist

Man denkt an seltsame Wesen. Ihre zart geäderte Haut erinnert an Fledermausflügel. Oder sind es exotische Muscheln? Knochen vielleicht? Wilde Blumen? Jedes dieser vielen weißen, so fragil anmutenden Gebilde ist anders, und man weiß eine ganze Weile lang nicht genau, was man da vor sich sieht.

Das liegt nicht zuletzt an der Präsentation: Die filigranen Objekte liegen auf verspiegeltem Glas, das ihre Konturen optisch verdoppelt. Sie sind von unten beleuchtet. Selbst als man an einigen Exponaten Finger erkennt, muss man lange nachdenken, um zu ergründen, was genau man vor sich hat. Es wirkt, als sei etwas (die Hände?) von innen nach außen gestülpt worden.

„Artefakte“ heißt die Arbeit von Pauline M’barek, die jetzt unter dem Titel „Formen der Berührung“ im Frankfurter Kunstverein ihre erste große Überblicksausstellung zeigt. Es handelt sich um Alabastergips, der zwischen ein sich nach und nach öffnendes Händepaar gegossen wurde.

Es sei ihr um einen paradoxen Zustand gegangen, erklärt M’barek, in dem man gleichzeitig selbst berührt und berührt wird, also Subjekt und Objekt der eigenen Berührung ist. Die Plastiken markieren eine Leerstelle, die sonst nicht erfasst wird – eine Formenvielfalt, die uns im Alltag buchstäblich durch die Finger schlüpft.

Diese seltsamen Kippmomente, in denen das Alltägliche plötzlich surreal wirkt, sind ein Leitmotiv in den Arbeiten der Künstlerin, die 1979 in Köln geboren wurde, einen tunesischen Vater hat und derzeit zwischen Köln und Brüssel pendelt. Sehr lange schaut man etwa einen fünfminütigen Filmloop („Glance“) an, in dem ein Auge zu sehen ist. In der Pupille spiegelt sich das, was das Auge sieht: Die Person, der es gehört (die Künstlerin selbst), läuft durch das Treppenhaus des Kunstvereins.

Man sieht also ungefähr das, was man auch sieht, wenn man selbst dieselbe Treppe hinab oder hinauf geht, inklusive Teile der eigenen Arme, Füße, Wimpern oder Nase. Nur wirkt das in dieser gespiegelten Form so dermaßen merkwürdig, dass man absurderweise kaum begreift, was da vor sich geht.

Für eine andere Arbeit positionierte M’barek ein beleuchtetes Sperrholzbrett so in einer Raumecke, dass man den Schatten für eine Vitrine hält. Projektionen sind ein weiterer roter Faden, der sich durch dieses so präzise wie stimmige Werk zieht.

Schabende Geräusche

Der Film „Semiophoren“ zeigt, wie Hände in weißen Archivhandschuhen Gegenstände ertasten, die wir nicht sehen. Anfangs ist man nicht sicher, ob man es nicht mit einer pantomimischen Aktion zu tun hat, denn die Objekte sind schwarz wie der Hintergrund – wären da nicht die schabenden Geräusche, die den Kontakt zwischen Händen und Dingen auf gespenstische Weise plastisch machen. Die Konturen, die von den Handschuhhänden erkundet werden, deuten an, dass es sich um ethnologische Exponate handelt. In Wahrheit, so M’barek, sind es geschwärzte Alltagsobjekte vom Flohmarkt.

In dem Video „Object-ID“ werden 55 Fragen eingeblendet wie „What does the object represent?“ oder „To which systematic category does it belong?“. Es sind Fragen, die nach heutigen museologischen Standards nötig sind, um ein Objekt zu inventarisieren, es möglichst detailgenau zu erfassen – und dabei zwangsläufig scheitern. Die Kategorisierung und Klassifizierung zwingt den Gegenstand in ein Bedeutungskorsett, das er zuvor nicht besaß – und das ihm, aller Genauigkeit zum Trotz, nicht gerecht werden kann.

„Diese scheinbar harmlosen Fragen geben mehr Aufschluss über die ihnen zugrundeliegenden westlichen Parameter der Objektbewertung als über das Objekt selbst“, glaubt die Künstlerin, die in nahezu all ihren Werken Leerstellen markiert und auf Abwesendes verweist.

Abstruses Missverhältnis

Etwa mit der Installation „Trophäenhalter“ – Metallstangen, die wie zeichenhafte Linien aus der Wand ragen. Es handelt sich um Gestelle zur Präsentation afrikanischer Masken, die hier als Platzhalter für unsere Vorstellungskraft fungieren. M’barek hat ihre typischen Formen in diversen ethnologischen Museen in Europa studiert.

In ihrer Nacktheit demonstrieren die Haltevorrichtungen ein abstruses Missverhältnis: Zwischen der stereotypen Präsentation und der Energie und Magie, die die Masken in ihrem ursprünglichen Kontext verkörpern, klafft ein tiefer Abgrund. M’barek thematisiert damit auch die oft gewaltsame Form der Aneignung ethnologischer Gegenstände, die in den Museen in der Regel kein Thema ist.

Es ist lange her, dass man im Frankfurter Kunstverein eine Ausstellung von so suggestiver Kraft und formaler Stringenz gezeigt hat. Der bisherige Leiter Holger Kube Ventura feierte am Eröffnungsabend seinen Abschied.

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