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Kunstmarkt Das Millionenspiel

Im globalen Kunstmarkt geht es längst nicht mehr um Kunst. Visionen, Kriterien, Ethik sind ausverkauft.

Louvre Abu Dhabi
Bei der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi im November. Foto: afp

Es war unlängst in der Bar Babette an der Ostberliner Karl-Marx-Allee. Der lichte Glaspavillon, zu DDR-Zeit ein Kosmetiksalon, war bislang bei der jüngeren Künstlerschaft der beliebteste Treff – ein wenig Diskurs-Klause, auch ein bisschen postmodernes Café Größenwahn. 

Wer hier sitzt und debattiert, ist, aus welcher Gegend der Welt er auch kommt, eher keiner von den Global Playern oder Auktionsrekord-Reißern; er hat vor allem eine Kunst-Mission. Hier reden Berliner und auswärtige Künstler und Galeristen, Kuratoren und Kunstfreunde mal abseits aller alltags-pragmatischen Probleme über Sinn, Wirkung, auch Verantwortung von Kunst – und über den Wert von Kunstkritik.

Aber in dieser Herbstnacht legte sich Schwermut wie Mehltau auf die Gespräche und Drinks. Denn die oft von Nur-eine Nacht-Ausstellungen begleiteten Debatten und Diskurse über Kunst in der Babette werden bald Vergangenheit sein. Die hier verkehrende Szene nimmt es mit Bestürzung, Melancholie, auch Larmoyanz auf. 

Das nur gepachtete Lokal gehört zum Ensemble des Café Moskau. Investor und Karstadt-Zertrümmerer Nicolas Berggruen hat das Moskau, diesen legendären Gastronomie- und Leute-Treffpunkt (eine der angenehmen Erinnerungen an die DDR-Zeit) nach Kauf und Millionen-Umbau mitnichten wieder für Stadt und Leute geöffnet wie versprochen. Er gestattet ausschließlich Events fürs Groß-Business. Und den benachbarten Künstlertreff Bar Babette wird er zum 30. September dieses Jahres aus dem öffentlichen Verkehr ziehen.

Warum drängt sich mir die Erinnerung an jenen Herbstabend 2017 auf, wo doch das Kunstjahr 2018 weltweit mit seinen aufwändigen Vorhaben an internationalen Biennalen, Messen, Gallery-Weekends, Kunstwochen und spektakulären Großausstellungen gerade erst verheißungsvoll begonnen hat? Das vergangene Jahr gab Anlass zu tiefem Nachdenken, ja, zu Sorgen. Der Betrieb scheint inzwischen endgültig von einem Schisma, einer Glaubensspaltung heimgesucht zu sein. Ein Teil verlangt mehr Ethos, mehr gesellschaftliches Engagement. Ein anderer pocht aufs Geschäft. 

Superkunstjahr bringt unanständige Preisexplosionen

Dieser Riss besteht schon länger. Aber das vielbeschworene Superkunstjahr 2017 hat ihn spektakulär vertieft. Große Auktionshäuser sorgten für geradezu unanständige Preisexplosionen, angesichts derer ein redlich arbeitender Mensch die Welt nicht mehr versteht. Verantwortungslos wird der globale Kunsthandel überhitzt, das Verhältnis von Preisen und realen Werten ist auch hier undurchsichtig, also gefährlich spekulativ geworden.

Im gleichen Atemzug bangt der prekäre Teil der nicht nur in Metropolen wie Berlin ins Unzählige angewachsenen Künstlerschaft um Ateliers, um Verkaufs- und Ausstellungsmöglichkeiten. Staatliche wie kommunale Kunstmuseen klagen allerorten nicht nur über extrem verknappte Etats, gerade auch für Ankäufe, und zugleich über Besucherschwund. 

Das Finanzdesaster der politisch-moralisch doch so überaus engagierten documenta 14 trug erheblich dazu bei, teure Großevents in Frage zu stellen. Und die Programme für 2018 verraten, dass der Kunsthandel weltweit mittlerweile lieber auf kanonisierte Kunst, etwa aus der Vor- und Nachkriegsmoderne, setzt, statt auf die finanziell riskante junge. Kritiker fragen zu Recht: Wenn Kunst nur noch als Luxus, Wertanlage mit Spekulationsabsicht oder Statement funktioniert, gelten dann überhaupt noch künstlerische Kriterien? 

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